10 Jahre
Clara-Zetkin-Frauenpreis

Clara-Zetkin-Frauenpreis 2020: Fraueninitiative in Torgau e.V.

Laudatio von Luise Neuhaus-Wartenberg

Liebe Gäste, liebe Fraueninitiative Torgau e.V. kurz FiT, liebe Fitte, aber auch liebe Unfitte…

ich freue mich riesig, dass ihr hier seid und auch, dass ich hier sein kann. Denn es geht um einen wirklich wichtigen Preis. Den Clara-Zetkin-Frauenpreis, der nun schon seit gut 10 Jahren verliehen wird.

Mehr als doppelt so lange gibt es FiT. Nicht das Spülmittel. Das gibt es bereits seit 66 Jahren und wurde im Osten erfunden. In Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. (Ganz in der Nähe, nämlich in Wiederau, ist übrigens die Namensgeberin des heutigen Preises geboren worden.) Fit ist eben ein echtes Ostprodukt. Und die Fraueninitiative Torgau kurz FiT ist auch eins.

Gut 6 Jahre nach der großen gesellschaftlichen Veränderung in Deutschland, hatte eine kleine fitte Gruppe von 15 Frauen festgestellt, dass es mit Gleichberechtigung, mit Wertschätzung ihrer Tätigkeit und Engagement in der Gesellschaft, nicht weit her ist.

Sie wollten verändern. Sie wollten helfen. Sie wollten, dass sich insbesondere Frauen nicht allein gelassen fühlen. Was das damals, aber auch noch heute, vor allem im und für den Osten bedeutet, kann man sich denken. Eine riesige Kraftanstrengung etwas auf die Beine zu stellen, bei dem nicht klar war, ob und wie es funktioniert.

Und doch, am 21.11.1996 stand fest, ein Verein muss her. Aktionen und Projekte waren schon längst im Kopf. Es fehlte eigentlich nur noch das Haus. Und zack, mit Hilfe von unterschiedlichsten Akteurinnen und Akteuren konnte ein halbes Jahr später das Vereinshaus bezogen werden. Bis heute ist es Domizil, Zentrum, Bude, das Herzstück von FiT.

Ein sensationeller Verein, der Frauen und Mädchen Hilfe zur Selbsthilfe gibt. Ein Verein, der noch in anderen Dingen fit ist. Mit sozialer Kleiderkammer, mit Frauenberatungen, mit Frauenfrühstücken, mit Notwohnung für Opfer häuslicher Gewalt, mit Betreuung von älteren Menschen, mit Theatergruppe für Kinder und Jugendliche und und und. Eigentlich scheint das alles kaum schaffbar. Denn jedes für sich allein stellt schon eine enorme Leistung dar. Aber da kommt noch eine hinzu. Die Initiative liegt auch noch mitten im ländlichen Raum, genannt Nordsachsen.

Nordsachsen ist ein schwieriges Pflaster. Obwohl, eigentlich gibt es dort kaum Pflaster dafür mehr Wiese und Wald. Da, wo sich Fuchs und Igel „Gute Nacht“ sagen und Wolf und Bär auch nicht weit sind. Aber was nützen einem schöne und weite Wiesen, wenn vieles andere nicht hinhaut. Denn weniger die geologische Beschaffenheit des Bodens ist das Problem. Oder gar der Wolf. Vielmehr geht es um das politische Pflaster, aber auch um das demografische oder das wirtschaftliche. Es ist irgendwie eine Katastrophe. Nicht nur in Nordsachsen, aber vor allem dort. 98 Einwohner pro Quadratkilometer. Also pro Mensch knapp ein Hektar. Davon könnt ihr in Berlin nur träumen ;). Das Durchschnittsalter liegt bei einem knappen halben Jahrhundert. Und bis zum Alter von 65 gibt es deutlich mehr Männer als Frauen. Die Arbeitslosenquote rangiert auch irgendwo im Dachgeschoss. Und gewählt haben die Nordsächsinnen und Nordsachsen auch eher so ins Blaue hinein. Klingt alles nicht gut und klingt vor allem alles andere als fit.

Und doch! Mittendrin in diesem Wald-und-Wiesen-Chaos, ich weiß, ich übertreibe, findet man oder besser Frau einen kleinen Funken Hoffnung. Die Fraueninitiative Torgau e.V.. Sie sind Ansprechpartnerinnen für Frauen in Notsituationen, völlig egal welchen Alters und worum es sich dabei handelt. Ob bei alltäglichen Dingen wie der Hilfe bei Behördengängen, oder der Unterstützung beim Einkaufen, der Vermittlung auf den Arbeitsmarkt oder aber beim Unterbringen in der Notwohnung. Der Verein etablierte sich zu einem festen Anlaufpunkt. Aber, nicht nur für Frauen in Notlagen. Sondern FiT nahm irgendwann als BeraterIn auch Institutionen und Verwaltungen unter ihre Fittiche. Und schon übernahm der Verein auch Aufgaben, die eigentlich zur öffentlichen Hand gehören.

Der Bedarf war leider da. Und die Projekte wurden über die Jahre auch nicht weniger. Ganz im Gegenteil:

Im Mai 2001 wurde die Kleiderkammer eröffnet. Bis heute ist sie notwendig und wichtig.

Im Oktober 2005 dann das nächste große Projekt – die Integration von Aussiedlerinnen und Migrantinnen. Es sind insbesondere die Frauen, die sich im Falle von Flucht oder Umsiedlung um die Kinder kümmern. Es sind die Frauen, die um den familiären Zusammenhalt bemüht sind. Sich zurecht zu finden in einem fremden Land, mit dessen fremder Kultur und fremden Menschen - und gleichzeitig nicht die eigene Herkunft zu vergessen, die eigene Kultur und Traditionen zu bewahren, ist eine Mammutaufgabe. Diese zu bewältigen wäre ohne die Unterstützung von FiT so gut wie unmöglich.

Ebenso unmöglich in einer Gesellschaft wie der unseren, wären die Chancen und Entwicklungen vieler Kinder, auch in Torgau. Unmöglich, wenn es Initiativen wie FiT nicht gäbe. Mit den zwei Gruppen „Sonnenschein“ und „Schmetterling“ können die Kinder einerseits die Kultur und die Traditionen der Eltern kennenlernen. Sie können sie erleben und so mit den kulturellen Wurzeln der Eltern verbunden bleiben, auch wenn sie in einem völlig anderen Land aufwachsen. Andererseits wird mit den vielen Auftritten und Vorstellungen in der Region versucht, wichtige Werte wie Solidarität, Gleichberechtigung oder Toleranz weiterzugeben. Humanistische Werte, die in Zeiten wie diesen allzu oft auf der Strecke bleiben. Für einen Verein wie FiT nicht hinnehmbar und das ist gut so.

Bei vielen anderen Gelegenheiten machen sie auf Ihre Arbeit und die Probleme der Frauen und Kinder aufmerksam. Egal ob als Haupt- oder Mitorganisatorin z.B. von Kinderfesten zum Kindertag, den Integrationswochen mit Stadtteilfest in NordWest oder von den Frauentreffs. Letztere finden ebenso regelmäßig statt wie das Frauenfrühstück. Immer gern in Kombination mit politischer Bildung: Vorträge und Lesungen oder verschiedene Beratungsangebote - niemand düst unwissend wieder ab. Fit wurden und werden damit so manches Mal auch männliche Teilnehmer gemacht. Eine gute Sache, wie ich finde.

Überhaupt keine gute Sache, und das ist noch sehr milde ausgedrückt, ist der Bedarf nach einer Frauenschutzwohnung, welche Tag und Nacht zur Verfügung steht. Wiederum gut, dass es sie gibt. Renoviert und möbliert mit Hilfe von zahlreichen Spenden ist sie Zufluchtsort vieler Frauen und Mädchen. Leider der einzige dieser Art in ganz Nordsachsen. Und das ist ein Skandal.

Seit Jahren machen die Frauen von FiT darauf aufmerksam, dass EINE Wohnung bei weitem nicht ausreicht. Und auch grundsätzlich reichen ein oder zwei Beratungsstellen für Nordsachsen nicht aus. Wir reden immerhin über eine Fläche von 2.020 km². Da kannst du als Initiative noch so fit wie ein Turnschuh sein, das ist nicht zu leisten. Gleiches gilt für die betroffenen Frauen. Keine von ihnen kann und sollte unendliche Kilometer zurücklegen, bis sie Hilfe bekommt. Es ist schlicht Wahnsinn!

1. Der Bedarf an Schutz richtet sich eben nicht an der Anzahl der Notwohnungen. Vielmehr machen die den Bedarf erst sichtbar.

2. die Probleme werden doch auch nicht weniger. Und Gewalt hat viele Gesichter und Ursachen. Letztere liegen immer häufiger an der schwierigen wirtschaftlichen Lage der Familien. Frust und Zorn bündeln sich damit so manches Mal in Gewalt.

Und damit wird doch eines ganz klar: wir reden doch hier nicht nur über Torgau, oder über Nordsachsen. Wir reden über den Osten und wir reden über gesamtgesellschaftliche Probleme. Ungleichstellung, egal wo, ist und bleibt Thema. Vor 100 Jahren, genauso wie 1996 oder heute. Der Wunsch nach Gleichberechtigung und nach Gleichstellung ist manifest. Und diejenigen, die Privilegien genießen, sehen selbige oft nicht.  Wer gesteht sich schon gern ein, dass das eigene Erreichen im Leben vielleicht weniger mit der eigenen Anstrengung als vielmehr mit äußeren Umständen wie Geburtsort, Hautfarbe, den Menschen, die einen umgeben oder auch das eigene Geschlecht zu tun hat.

Bleiben wir mal beim Geschlecht. Daher empfindet Mann natürlich den Angriff auf ebensolche Hindernisse oft als bedrohlich. Bringste auch nur im Ansatz das Argument der Frau, wird es schnell als feministischer Scheiß kritisiert. Dabei geht es doch um viel mehr. Chancengleichheit für jede und jeden, egal woher er oder sie kommt, aussieht oder was man ist. Es braucht Chancengleichheit in der Sprache, in der Bildung, in der Wirtschaft und und und.

An der Stelle ist natürlich niemand geringeres als die Politik gefragt. Vereine, Initiativen oder Einzelpersonen können noch so fit sein, die Grundlage dafür, muss die Politik schaffen. Dabei bleibt es. Auch wenn schon manches auch per Gesetz erreicht wurde, so steht noch eine Menge Arbeit bevor. Solange können wir froh sein, dass es Vereine wie FiT gibt, die sich kümmern.

Denn die Herausforderungen werden nicht geringer werden. Wir erleben ein Jahrzehnt des gesellschaftlichen Hasses. Da wird versucht, gesellschaftliche Errungenschaften zurückzudrehen. Und dies betrifft in allererster Linie uns Frauen. Die Rechten versuchen ein Frauenbild zu installieren, das die Zeit um 100 Jahre und länger zurückdrehen will. Das Heimchen am Herd, devot und dabei immer gut gelaunt. Und diese Sehnsucht macht auch vor der so genannten Mitte der Gesellschaft nicht Halt. Herr Merz von der CDU, vielleicht der nächste Kanzler, machte neulich einen schlechten Altherrenwitz, dass alle Tiefs im Augenblick Frauennamen trügen. Er meinte damit angeblich das Wetter. Wer es glaubt… Deshalb heißt es für uns aufpassen und kämpfen, dass diese Leute sich nicht durchsetzen.

Ich kann nur sagen, dass ich auch deshalb mächtig stolz und dankbar bin für die Arbeit und das Engagement der rund 45 Frauen im „Fraueninitiativverein Torgau e.V.“

Ich freue mich sehr, dass ich zwei VertreterInnen des Vereins heute hier begrüßen darf und mit dieser Nominierung für den Clara-Zetkin-Frauenpreis 2020 danken kann. Es braucht mehr FiT. Überall.

 

Liebe Hannelore Lehmann, liebe Marina Kursave,

ich könnte, müsste und wollte noch viel mehr von euch erzählen. Das geht zeitlich leider nicht, deswegen kommt bitte zu mir, damit ich Euch, stellvertretend für alle Mitglieder der Fraueninitiative Torgau e.V. kurz FiT danken kann.

Alle Nominierungen

Hier stellen wir die vielen tollen Projekte vor, die für den Clara-Zetkin-Preis 2020 nominiert waren. 

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