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Katja Kipping, Bernd Riexinger

„Revolution ist großartig, alles andere ist Quark“ (Rosa Luxemburg)

„Revolution ist großartig, alles andere ist Quark“ (Rosa Luxemburg)

100 Jahre Novemberrevolution

Die Revolution von 1918/19 war die größte Massenbewegung der deutschen Geschichte. Sie hat den Krieg beendet und die Monarchie hinweggefegt. Vor allem aber war die Novemberrevolution der Türöffner für die Demokratie: das Frauenwahlrecht, die Gewaltenteilung oder auch die Trennung von Staat und Kirche, der Achtstundentag, gewerkschaftliche Mitbestimmung – all das sind Errungenschaften jener Kämpfe. Und dennoch wurde die Novemberrevolution nicht zum traditionsstiftenden Moment eines lebendigen Staatsbewusstseins.

Die Weimarer Demokratie wurde von zu vielen Menschen entweder als Folge eines verlorenen Bürgerkrieges verstanden oder eben als Ergebnis der deutschen Niederlage im Weltkrieg. Kein anderes historisches Ereignis wurde hierzulande derart denunziert und demontiert…

 

Das Versagen der SPD

Die Räte der Arbeiter und Soldaten (und der Bauern in Bayern) hätten für die SPD-Führung das Instrument sein können, Wirtschaft und Gesellschaft zu demokratisieren – im Einklang mit den neu gewählten Parlamenten, wie es seinerzeit etwa von Kurt Eisner (USPD) in München angestrebt wurde.

Erst die große Not und die Verbitterung weiter Teile der Arbeiterschaft über das Ausbleiben der erwarteten Reformen in Verwaltung, Militär und Großindustrie führten im Frühjahr 1919 zur Radikalisierung der Massen.

Anders als behauptet, war die Novemberrevolution kein Export aus Russland, vielmehr war sie eine deutsche und noch dazu eine genuin sozialdemokratische Revolution. Sie war der „Kladderadatsch“, der Umsturz, den August Bebel jahrzehntelang gefordert und prophezeit hatte. Die SPD-Führer hatten die Revolution allerdings weder gemacht noch gewollt. Und dennoch war sie ein Kind der Sozialdemokratie, schreibt Sebastian Haffner, wenn auch ein unerwünschtes.

 

Die Novemberrevolution verdient einen festen Platz in unserer Erinnerung, als Geburtsstunde einer Demokratie, auf deren Boden wir noch heute stehen. Sie nahm die Botschaft der Revolution von 1848/49 auf und setzte sie in reale aber auch umstrittene Praxis um.

 

-------------lange Fassung---------------------

100 Jahre Novemberrevolution

Die Revolution von 1918/19 war die größte Massenbewegung der deutschen Geschichte. Sie hat den Krieg beendet und die Monarchie hinweggefegt. Vor allem aber war die Novemberrevolution der Türöffner für die Demokratie: das Frauenwahlrecht, die Gewaltenteilung oder auch die Trennung von Staat und Kirche, der Achtstundentag, gewerkschaftliche Mitbestimmung – all das sind Errungenschaften jener Kämpfe. Und dennoch wurde die Novemberrevolution nicht zum traditionsstiftenden Moment eines lebendigen Staatsbewusstseins.

Die Weimarer Demokratie wurde von zu vielen Menschen entweder als Folge eines verlorenen Bürgerkrieges verstanden oder eben als Ergebnis der deutschen Niederlage im Weltkrieg. Kein anderes historisches Ereignis wurde hierzulande derart denunziert und demontiert…

Oswald Sprengler („Der Untergang des Abendlandes“) sprach vom „Pack mit dem Literatengeschmeiß an der Spitze“.[1] Die Nazis verhöhnten den 9. November 1918 als Jahrestag einer „Lumpen- und Judenrevolte“, die Schuld sei an den „Fesseln von Versailles“, an der bitteren Not des deutschen Volkes. Der Kriegsunschuldslüge folgte die Dolchstoßlegende und die Mär vom Schmachfrieden. Und die Linke? Zur KPD, die am 31.Dezember 1918 gegründet wurde, erklärte die Historische Kommission der Partei DIE LINKE:

Die Gründung der KPD erfolgte auf dem Höhepunkt der Novemberrevolution, in einem Augenblick, als die grundsätzlichen Entscheidungen über Weg und Ziel des großen gesellschaftlichen Umbruchs am Ende des Ersten Weltkriegs bereits gefallen waren. Die neugegründete Partei, die gerade erst begonnen hatte, sich über ihre Programmatik zu verständigen und eine eigene Organisation zu schaffen, war nicht in der Lage, nachhaltigen Einfluss auf die Weiterführung der Novemberrevolution und die Kämpfe zu ihrer Verteidigung zu nehmen.

Bereits die Ablehnung einer Teilnahme an den Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung am 19. Januar 1919 – gegen dem erklärten Willen von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht – war ein erstes deutliches Zeichen dafür, dass die KPD in ihrer Gesamtheit nicht bereit und in der Lage war, die Errichtung der Weimarer Republik als das wesentliche und wichtigste Ergebnis der Novemberrevolution zu begreifen und zu akzeptieren, das zwar keinen Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse bedeutete, aber einen Zugewinn an politischen Rechten und Freiheiten brachte, von dem auch die Arbeiterklasse profitierte, als deren Repräsentantin und Interessenvertreterin sich die KPD verstand.

Die Ermordung von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Leo Jogiches, Eugen Leviné und anderen herausragenden Persönlichkeiten der KPD im Verlaufe der ersten Monate des Jahres 1919 beraubte die junge Partei jener Kräfte, die durch ihre politische Autorität und ihre intellektuellen Fähigkeiten in der Lage gewesen wären, die notwendigen programmatischen Klärungsprozesse innerhalb der Partei zu organisieren und zu führen. Dennoch gelang es der KPD unter dem maßgeblichen Einfluss von Paul Levi auf ihrem Heidelberger Parteitag im Oktober 1919, »Leitsätze über kommunistische Grundsätze und Taktik« durchzusetzen, die eine – vorübergehende – Absage an ultralinke Positionen bedeuteten.[2]

Im historischen Verständnis der KPD, die in den Zwanzigerjahren zu einer stalinistischen Apparatepartei mutierte, war das sinnstiftende historische Ereignis die Machtergreifung der Bolschewiki 1917 in Russland, nicht aber die Novemberrevolution in Deutschland. Deutsche Kommunisten sollten diese Haltung noch bitter bereuen; der viel geschmähte Weimarer Staat hatte zumindest ihre Existenz garantiert. In den Konzentrationslagern des Dritten Reiches, aber auch im sowjetischen Exil sollten sie einen hohen Blutzoll bezahlen.[3] 

 

Novemberrevolution: Dichtung und Wahrheit

Die Vorstellung, dass es zum Jahreswechsel 1918/19 eine ernsthafte Chance gegeben hätte für eine kommunistische Machtübernahme, bildete das Herzstück der KPD-/SED-Erzählung von der Novemberrevolution. Und auch wenn diese Legende heute wieder in Teilen der Presse aufgewärmt wird, entspricht sie nicht dem tatsächlichen Geschehen. Dass die SPD-Führer Ebert und Scheidemann im November 1918 nur die Alternative gehabt habe, Bolschewismus oder Rettung der Demokratie und das im Schulterschluss mit den alten kaiserlichen Eliten aus Staat und Militär, ist von den Historischen Forschung lange schon widerlegt worden.[4] Wenn dem so gewesen wäre, wie erklärt es sich dann, dass dieselben Feinde, die im Frühjahr 1919 geschlagenen Arbeiter, schon im Jahr darauf, während des Kapp-Pusches, eben jene Demokratie retten mussten vor den reaktionären Kräften, mit denen Friedrich Ebert im November 1918 das Bündnis gesucht hatte? 

Den SPD-Volksbeauftragten bot sich in den ersten Monaten ihrer Regierung ein weit größerer Handlungsspielraum als oft dargestellt. Die Bewegung der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte, mit ihren in den Städten mehrheitlich sozialdemokratischen Akteuren,[5] verstanden sich in ihrer breiten Mehrheit nicht als Gegner der sozialdemokratischen Koalitionsregierungen aus SPD und USPD im Reich und in den Ländern, sondern vielmehr als deren lokale und regionale Sachverwalter.[6] In der zentralen Streitfrage der ersten Revolutionswochen – Nationalversammlung oder Rätesystem – hatten die Räte schon zum frühestmöglichen Zeitpunkt eine eindeutige Position bezogen: Bereits die am 10. November 1918 im Zirkus Busch tagende Versammlung der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte hatte sich mit großer Mehrheit für die Wahl der Nationalversammlung ausgesprochen und damit für die parlamentarische Demokratie. Von einem Auflösungsbeschluss in eigener Sache aber war keine Rede. Stattdessen erhoben die Räte überdeutliche Forderung nach Sozialisierung aller der dafür reifen Industrien, vor allem des Bergbaus wie auch nach einer radikalen Reform des Militärwesens.

 

Das Versagen der SPD

Die Räte der Arbeiter und Soldaten (und der Bauern in Bayern) hätten für die SPD-Führung das Instrument sein können, Wirtschaft und Gesellschaft zu demokratisieren – im Einklang mit den neu gewählten Parlamenten, wie es seinerzeit etwa von Kurt Eisner (USPD) in München angestrebt wurde. Hierin liegt das historische Versagen der SPD-Führung um Ebert und Scheidemann. Stattdessen ging sie in die Falle, die Ludendorff und Hindenburg ihnen bei Kriegsende gestellt hatten. Im verlorenen Weltkrieg sollten die verhassten Sozialdemokraten die Kapitulation unterzeichnen und damit für die Niederlage und alle Folgen daraus verantwortlich sein.

Erst die große Not und die Verbitterung weiter Teile der Arbeiterschaft über das Ausbleiben der erwarteten Reformen in Verwaltung, Militär und Großindustrie führten im Frühjahr 1919 zur Radikalisierung der Massen.

Anders als behauptet, war die Novemberrevolution kein Export aus Russland, vielmehr war sie eine deutsche und noch dazu eine genuin sozialdemokratische Revolution. Sie war der „Kladderadatsch“, der Umsturz, den August Bebel jahrzehntelang gefordert und prophezeit hatte. Die SPD-Führer hatten die Revolution weder gemacht noch gewollt. Und dennoch war sie ein Kind der Sozialdemokratie, schreibt Sebastian Haffner, wenn auch ein unerwünschtes. „Und als sie es tötete, war es Kindstötung.“ Und wie jede Kindsmörderin versuchte sich auch die SPD damit herauszureden, es habe sich um eine Totgeburt gehandelt.[7]

Die Novemberrevolution verdient einen festen Platz in unserer Erinnerung, als Geburtsstunde einer Demokratie, auf deren Boden wir noch heute stehen. Sie nahm die Botschaft der Revolution von 1848/49 auf und setzte sie in reale aber auch umstrittene Praxis um.


[1]            Oswald Sprengler: Preußentum und Sozialismus. In: Politische Schriften, Neuherausgabe von Karl-Maria Guth, Berlin 2016, S. 17 f. Siehe auch Eberhard Kolb: Revolutionsbilder. 1918/19 im zeitgenössischen Bewusstsein und in der historischen Forschung, Heidelberg 1993, S. 10.

[2]           www.die-linke.de/partei/parteistruktur/kommissionen/historische-kommission/erklaerungen-und-stellungnahmen/detail/zum-100-jahrestag-der-gruendung-der-kommunistischen-partei-deutschlands/

[3][3]          Von den etwa 10.000 kommunistischen Flüchtlinge des Jahres 1933 ging die Mehrheit zunächst nach Frankreich und in die Tschechoslowakei, später nach England, in die Schweiz oder nach Schweden. Ab 1935 lebten vor allem Funktionäre der KPD in der Sowjetunion. Im Oktober 1935 berichtete Wilhelm Pieck auf der Parteikonferenz in Moskau, dass von den 422 leitenden Parteifunktionären in Deutschland 24 ermordet waren, 219 inhaftiert worden waren, aber 125 im Exil lebten. Von den 43 Mitglieder und Kandidaten, die in den Jahren 1920 und 1933 dem Politbüro der KPD angehörten, fielen mehr Menschen der Stalinschen Säuberung zum Opfer als dem Hitler-Terror. Vgl. Hermann Weber, „Weiße Flecken“ in der Geschichte. Die Die KPD-Opfer der Stalinschen Säuberungen und ihre Rehabilitierung. Erweiterte Neuauflage Frankfurt am Main 1990, S. 19.  

[4]           Hervorzuheben ist besonders die Studie von Eberhard Kolb: „Die Arbeiterräte in der deutschen Innenpolitik 1918-1919“, Frankfurt/Berlin 1978.

[5]           Auf dem Reichsrätekongress, der vom 16. bis zum 20. Dezember im Preußischen Landtag in Berlin tagte, stellte die MSPD mit 288 Mandaten beinahe 60 Prozent der Delegierten, wohingegen der Spartakusbund auf lediglich zehn Mandate kam.

[6]                Eberhard Kolb, Revolutionsbilder: 1918/19 im zeitgenössischen Bewusstsein und in der historischen Forschung, Heidelberg 1993, S. 24.

[7]                Sebastian Haffner: Die deutsche Revolution 1918/19, Berlin 2002, S. 237.

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