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Bildungsverständnis

der Kommission Politische Bildung der LINKEN

Der Formulierung eines Bildungsverständnisses der Kommission Politische Bildung der LINKEN ist ein langjähriger Diskussions-prozess vorausgegangen. Die Krisen und Neuformierungsprozesse der politischen Linken nach dem Epochenbruch 1989 und die Herausbildung neoliberaler Gesellschaften hinterließen tiefe Spuren in der politischen Bildungsarbeit. Die Haupttendenz war der Niedergang politischer Bildung. Gewerkschaftliche Bildungszentren wurden geschlossen, der Schwerpunkt von politischer Bildung auf Funktions- und Zweckbildung verschoben. Die politische Linke war verunsichert. Besser als das, was sie wollte, wusste sie, was sie nicht mehr wollte: die Vermittlung von "Wahrheiten" und die klassische Kader-Schulung. Die damit verbundene Verschiebung des Focus von Kollektiven auf das Individuum hatte auch seine Schattenseiten, inhaltliche Beliebigkeit und die Überbetonung von Methoden. Aktive der politischen Bildung der LINKEN versuchten, diese Entwicklungen aufzuarbeiten und ein modernes Bildungsverständnis einer linken, gesellschaftsverändernden Kraft zu formulieren. Hiervon zeugen u.a. die Titel unserer Bildungstage "Linke politische Bildung zwischen Dogmatismus und Beliebigkeit" und "Teil der Lösung und Teil des Problems - linke politische Bildung in neoliberalen Zeiten" sowie die Diskussionen in der Kommission Politische Bildung. Das Bildungsverständnis soll diese Diskussionen vorläufig zusammenfassen und Kriterien für die Bewertung unserer Bildungsarbeit liefern.

Die politische Bildungsarbeit der LINKEN findet nicht in einem luftleeren Raum statt. Die gesellschaftlichen Verwerfungen und Konkurrenzverhältnisse hinterlassen Spuren in unseren Bildungsveranstaltungen. Ein besonderes Kennzeichen des neoliberalen Kapitalismus ist ein riesiger Bildungsmarkt. Dort werden Qualifikationen vermittelt, die die "Arbeitskraftunternehmer" zur Festigung und Erhöhung ihres Marktwertes brauchen. Dies geschieht in vielen Fällen mit der, zumindest sprachlichen, Übernahme progressiver Ideen wie Subjektorientierung, Abbau von Hierarchien, Förderung der Kreativität und Selbstbestimmung. Individualität und Verschiedenheit sind durchaus gewollt, wenn sie sich gewinnbringend vermarkten lassen.

Die Begriffe, Inhalte und Methoden des Bildungsmainstreams wirken auch in die linke Bildungsarbeit hinein. Methoden und Ansätze des Bildungsmarktes sind nicht generell zu verwerfen, sollten aber auch nicht kritiklos übernommen werden, damit die heimlichen Schlüsselkompetenzen des Konkurrenz-Lernens und der Ungleichheitstoleranz nicht in unseren Bildungsveranstaltungen reproduziert werden.

Zielgruppe unserer politischen Bildungsarbeit sind die Mitglieder der LINKEN und ihr politisches Umfeld. Da die LINKE eine neuartige linksplurale Organisation ist, gibt es kaum eine andere politische Formation, die eine solch heterogene und facettenreiche Zusammensetzung ihrer Bildungsveranstaltungen aufweist. Dies betrifft sowohl die formalen Bildungsvoraussetzungen, die Sozialstruktur, als auch die politischen und kulturellen Milieus. Dies ist Herausforderung und Chance für politische Bildungsarbeit. Die Mitglieder der LINKEN werden sowohl in ihrer Gesamtheit als auch spezifisch nach Arbeitsaufgaben, Funktionen, Geschlecht, Alter und nach anderen Merkmalen mit den Bildungsangeboten angesprochen.

"Die Bildungsarbeit der LINKEN ist ein wesentlicher Teil ihrer politischen Praxis und weder Selbstzweck noch Nebensache. Sie soll der dauerhaften Anstrengung um ein tieferes Verständnis unser Zeit dienen und damit die Voraussetzungen schaffen, dass sich möglichst viele Mitglieder an der Weiterentwicklung unserer Alternativen beteiligen und qualifiziert in politische Debatten eingreifen können. Nur eine lernende Partei kann auch gesellschaftliche Lernprozesse befördern. In diesem Sinne wollen wir eine emanzipatorische Bildungsarbeit entwickeln, weil sie auf die persönliche und gesellschaftliche Emanzipation gerichtet ist." (Grundsatzbeschluss des Parteivorstandes der LINKEN zur Bildungsarbeit der Partei)

Die Bildungsarbeit der LINKEN orientiert sich an den inhaltlichen Herausforderungen der politischen Praxis der Partei DIE LINKE. Sie vermittelt Fähigkeiten und Fertigkeiten für diese Praxis. Daher muss Bildungsarbeit noch stärker integraler Bestandteil der politischen Arbeit der LINKEN werden. Dies bedeutet, dass es bis in die Basisorganisationen Verantwortliche für politische Bildung geben sollte und dass Bildungsarbeit bei Planung und Durchführung der Aktivitäten der LINKEN, von der Mitgliederversammlung bis zu Aktionen und Kampagnen, immer mitgedacht werden sollte.

Kollektive und individuelle Emanzipation werden von der LINKEN nicht gegeneinander gedacht, sondern bedingen einander. Menschen sollen befähigt werden, gesellschaftliche Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse zu erkennen und zu bekämpfen. Selbstveränderung im humanistischen Sinne, die die Subjekte selbst leisten müssen, soll unterstützt werden. Linke Bildungsarbeit fördert daher die Einsicht in grundlegende gesellschaftliche Zusammenhänge und die Fähigkeit zur eigenständigen Analyse politischer Entwicklungen. Handlungs- und Kritikfähigkeit sollen gestärkt und solidarisches Verhalten gefördert werden.

Subjektorientierung

Subjektorientierung ist für die politische Bildungsarbeit der LINKEN zentral. Subjekte sind nicht gedacht als reine Individuen, sondern als gesellschaftliche Wesen, die den Verhältnissen nicht einfach ausgeliefert sind, sondern diese aktiv gestalten können. Dies ist etwas anderes als Teilnehmenden- oder gar Kunden-Orientierung. Subjektorientierung zielt auf Befähigung zur Weltaneignung und Stärkung gesellschaftlicher Handlungsfähigkeit. Was Subjekte lernen, entscheiden sie selbst. Linke politische Bildung kann gute Bedingungen für gemeinsame Lernprozesse organisieren und Angebote machen. Ziel ist es, expansives Lernen (Klaus Holzkamp), aktives Lernen aus eigenem Antrieb, zu ermöglichen. Dies bedeutet den Verzicht auf belehrendes Verhalten, Manipulationen und Verschleierung von Machtverhältnissen.

Subjektorientierung ist in breiten Teilen der Erwachsenenbildung als "Fahnenwort" unumstritten, es folgen ihm aber ganz unterschiedliche Bildungspraxen. Linke Subjektorientierung muss sich konkret in den Lehr/Lernprozessen zeigen. Große Bedeutung hat hierbei die Orientierungsphase in Bildungsveranstaltungen, in denen die Vorstellungen von Lernenden und Lehrenden transparent gemacht und abgeglichen werden.

Alltagsverstand

Der Alltagsverstand der Menschen ist Anknüpfpunkt und Gegenstand linker politischer Bildung. Dieser sollte nicht als falsches Bewusstsein diskreditiert, sondern, in all seiner Fragmentiertheit und Inkohärenz, als Lebenskompass der Menschen, der sehr viel Erfahrung, Erkenntnisse und auch Wissenschaftlichkeit enthält, gesehen werden.

In den Lernprozessen soll der Alltagsverstand deutlich gemacht, gleichzeitig aber auch kritisch reflektiert und in Frage gestellt werden. Wir machen neue Angebote der Interpretation und liefern theoretische Werkzeuge. Wenn die Teilnehmenden diese annehmen, können neue Einsichten aus alten Erfahrungen entstehen. Das damit verbundene Umlernen ist eine der größten Herausforderungen für Lehrende und Lernende.

Unterdrückungsverhältnisse

Klassenmäßige, patriarchale, rassistische und andere Unterdrückungsverhältnisse werden in unserer Bildungsarbeit nicht nur thematisiert, sie wirken auch in unsere Bildungsarbeit hinein, nicht zuletzt als Lernbarrieren.

Unsere Bildungsarbeit folgt der Auffassung, dass es keine grundsätzlich bildungsfernen Schichten gibt. Sie orientiert sich an der Mitgliedschaft in ihrer gesamten Breite und nicht vorrangig an akademisch vorgebildete Menschen. Es sollten keine sprachlichen, finanziellen oder andere Barrieren errichtet werden, die die Teilnahme an Bildungsveranstaltungen verhindern.

Geschlechterverhältnisse sollen nicht nur thematisiert, feministische Theorien in Seminarkonzepte eingebaut werden, es werden auch strukturelle Voraussetzungen für eine höhere Teilnahme von Frauen an Bildungsveranstaltungen (Quotierung der Teilnahme und der Rede, gemischte Teams, Kinderbetreuung) geschaffen.

Genossinnen und gtenossen mit Migrationshintergund sollen verstärkt als Lernende und Lehrende für die Bildungsveranstaltungen der Linken gewonnen werden. Gemeinsame Überlegungen zur Ansprache, Themen und eventuellen sprachlichen Fragen sollen diesem Ziel dienen.

Die Bildungsveranstaltungen der LINKEN sollen grundsätzlich barrierefrei gestaltet werden. Menschen mit Behinderung muss die Teilnahme ermöglicht werden.

Theoretische Grundlagen

Linke gesellschaftsverändernde Politik, und damit auch linke Bildungsarbeit, braucht theoretische Grundlagen, die helfen, die kapitalistische Gesellschaft besser zu verstehen und Voraussetzungen zu ihrer Überwindung zu schaffen. Zentral sind nach dem, auch in ihrem Programm formulierten, Selbstverständnis der LINKEN, gesellschaftskritische Theorien, für die Namen wie Marx, Luxemburg und Gramsci stehen. Zentral sind weiterhin Theorien, die Unterdrückungsverhältnisse thematisieren, die neben kapitalistischer Ausbeutung existieren, also linker Feminismus, antirassistische und antikoloniale/postkoloniale Theorien. Bildungsarbeit der LINKEN sollte generell versuchen, neueste Erkenntnisse in Sozial-, Geschichts- und anderen Wissenschaften kritisch zu verarbeiten. Als Bildungsarbeiterinnen und -arbeiter beziehen wir uns auf fortschrittliche Ansätze in der Pädagogik, wie sie z.B. die kulturhistorische Schule und die kritische Psychologie liefern.

Lehr- und Lernprozesse

Bildungsveranstaltungen der LINKEN sollen gemeinsame Lehr- und Lernprozesse sein, in denen auch die Lehrenden lernen. Systematische und organisierte Bildungsarbeit, wie sie DIE LINKE leisten will, setzt die Formulierung von Lehr- und Lernzielen und die Arbeit mit Seminarleitfäden und Konzeptionen voraus. In sie fließen die Erfahrungen und Kompetenzen sowohl der Bildungsarbeit als auch anderer Arbeitsbereiche der LINKEN ein und sie machen Lehr- und Lernprozesse beurteilbar. Seminarkonzeptionen wie z.B. ZIMT-Papiere, bergen aber auch die Gefahr des Schematismus. Sie müssen daher transparent gemacht und zwischen Lehrenden und Lernenden ausgehandelt werden. Sie sind also veränderbar und Lehr/Lernziele können auch auf anderen Wegen erreicht werden. Die Rolle von Lernenden und Lehrenden in unseren Seminaren soll nicht zu Gunsten einer scheinbaren Gleichheit verwischt werden. Gleichzeitig soll aber an einer Aufhebung der starren Rollen gearbeitet werden, so dass Lernende zu Lehrenden und Lehrende zu Lernenden werden können.

Grundsätzlich gilt, dass unsere Bildungsarbeit nicht nur die Vermittlung von neuem Wissen zum Ziel hat, sondern immer auch eine Handlungsorientierung hat. Es geht nicht nur um Interpretation der Verhältnisse sondern auch um deren Veränderung. Lernen hat zudem eine ethische Komponente, es ist auch die Arbeit an Haltungen.

Lehr- und Lernprozesse bedürfen einer ständigen Weiterentwicklung. Daher muss Evaluation durch Teilnehmende und Teamende ständiger Bestandteil unserer Bildungsarbeit werden.

Lernende

Die Zusammensetzung unserer Bildungsveranstaltungen ist äußerst heterogen. Die Lernenden kommen aus unterschiedlichen sozialen Milieus, Kulturen und Sprachtraditionen. Die Bildungsarbeit der Arbeiterbewegung hat bewiesen, dass Intellektualität keineswegs an eine akademische Ausbildung gebunden ist. Unsere Seminare sind daher nicht in erster Linie für ein akademisches Milieu mit einer entsprechenden Sprache konzipiert. Es zählt das Wissen aller. Deshalb orientieren wir uns in unseren Seminaren an den Teilnehmenden mit dem geringsten Vorwissen zum Thema, unterschiedliche Lernniveaus innerhalb eines Seminars lehnen wir ab. Teilnehmende mit Fachwissen können hierdurch zu Lehrenden werden. Dem Bedürfnis nach tiefergehenden Diskussionen kommen wir durch ein spezielles Seminarprogramm entgegen. Durch eine verzahnte Grundlagenbildung mit aufeinander aufbauenden Modulen sollen auch Genossinnen und Genossen mit nichtakademischen Hintergrund an theoretisch anspruchsvollere Themen herangeführt werden.

Die in unseren Seminaren eingesetzten Methoden sollen in ihrer Vielfalt das eigenständige Lernen fördern und aktivierend sein, d.h. das Einbringen in den Lehr/Lern-Prozess fördern. Die Methoden, vom klassischen Vortrag bis zum Open-Space, sollen dem Inhalt, dem Vorwissen und den Lerngewohnheiten der Teilnehmenden angemessen sein. Die Form folgt ihrer Funktion für den Lehr- und Lernprozess.

Lehrende

Lehrende in der politischen Bildungsarbeit der LINKEN üben nicht einfach nur eine Funktion im Lehr- und Lernprozess aus, sie sind oftmals das "Gesicht der Partei". Dies bedeutet eine hohe Verantwortung sowohl für die Lehrenden als auch für die Partei, die die Aus- und Weiterbildung dieser fast ausschließlich ehrenamtlichen Genossinnen und Genossen gewährleisten muss. Wer als Lehrende/r in der Bildungsarbeit der LINKEN tätig ist, sollte die Bereitschaft zum ständigen Lernen mitbringen. Unser Ziel ist die Herausbildung von "Organischen Intellektuellen" (Antonio Gramsci), die die politische und intellektuelle Praxis kennen und in den Seminaren fähig sind, wissenschaftliche Inhalte zu popularisieren.

Die Bildungspraxis der LINKEN unterscheidet sich vielfach nicht von der Bildungspraxis anderer linker und progressiver Bildungsträger, vor allem dann, wenn sie sich als kapitalismuskritisch verstehen.

Dies gilt im besonderen Maße für die uns nahestehende Rosa-Luxemburg-Stiftung. Nicht nur durch die gesetzliche Regelung des Distanzgebots hat die RLS, die die politische Grund-strömung des demokratischen Sozialismus repräsentieren soll, aber darüber hinaus gehende und breitere Aufgaben als die Bildungsarbeit der LINKEN. Auf der anderen Seite kann sie Bildungsarbeit, die Partei-Identität und Parteiprofil zum Inhalt hat, nicht leisten.

Unsere Bildungspraxis ist im wahrsten Sinne des Wortes "parteilich", sie ist Bestandteil der politischen Arbeit einer Partei und selbst politische Arbeit. Parteilichkeit soll Widersprüche nicht verdecken (wie historisch geschehen) oder Meinungen vereinheitlichen. Parteilichkeit bedeutet, dass die Bildungspraxis der LINKEN eine Bildungspraxis der Subalternen (von unten) und einer gesellschaftsverändernden Kraft sein sollte. Dies bestimmt sowohl ihre Themen als ihre ethischen Ansprüche. Politische Bildungsarbeit einer gesellschafts-verändernden Kraft soll solidarisches Verhalten, historisches und eingreifendes Denken sowie eine grundsätzliche kritische Herangehensweise, sowohl an scheinbare Wahrheiten als auch an Herrschaftsverhältnisse, fördern. Solch eine Bildungspraxis ist immer handlungs-orientiert, das Gelernte sollte Folgen in der Praxis haben.