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betrieb & gewerkschaft

"Hoffentlich gibt es bald viel mehr von uns"

Interview mit Daniel Zielke, Betriebsratsvorsitzendem bei Teigwaren Riesa

Du bist Gründungsmitglied des Betriebsrates, der vor einem Jahr gegründet wurde. Wie war der Weg vom Betriebsrat zu einem Haustarifvertrag unter dem Dach der NGG?

 Wir hatten viele offene Stellen, die unbesetzt oder mit Zeitarbeitern besetzt waren. Die Löhne waren sehr schlecht und wir haben uns gefragt, was wir tun können. Da ist die Idee entstanden, erstmal einen Betriebsrat zu gründen. Die NGG hat uns in der ersten Zeit als Betriebsrat sehr unterstützt, wir haben die wichtigen Schulungen gemacht. Die Unzufriedenheit der Mitarbeiter war sehr hoch, das Unternehmen hat beispielsweise beim Nachtzuschlag nur 15% statt der gesetzlich vorgeschriebenen 25% gezahlt. Wir haben dann angefangen, die Mitarbeiter zu werben mit der Botschaft, dass sie nach drei Monaten Mitgliedschaft in der NGG diese Zuschläge einklagen können. Darüber ist dann die Idee entstanden, dass wir mit den Mitgliedern natürlich auch gewerkschaftlich am Lohngefüge etwas ändern können. Klar war, dass wir als Mitarbeiter*innen von Teigwaren Riesa nur was ändern können, wenn wir mindestens 50% der Belegschaft organisiert haben, also 75 von 150 Festangestellten. Sonst nimmt uns keiner ernst, sonst halten wir die Auseinandersetzung nicht durch.

Was habt ihr mit und für die Beschäftigten von Teigwaren Riesa bisher erreicht?

Unser Lohnniveau lag im Angestelltenbereich bei 10,50 Euro brutto, in der Produktion waren es um die 10 Euro. Nach den ersten Streiks gab es 7% Lohnerhöhung, das ist ein guter Anfang. Für die Geschäftsführung war es damit erstmal vorbei. Es brauchte einige 24-Stunden-Streiks, bis wir dies auch vertraglich zugesichert bekamen. Weiter verhandeln wollte man nicht. Die Leute waren sauer, 96% der Mitarbeiter haben dann in einer Urabstimmung unbefristete Streiks beschlossen. Letztendlich wurde der Manteltarifvertrag der Sächsischen Ernährungswirtschaft in Stufen übernommen, den wir in 2020 voll erreichen. Die 7% Lohnerhöhung ist fest vereinbart und für 2019 haben wir 200 Euro Urlaubsgeld und 50% des Bruttolohns als Weihnachtsgeld verhandelt. Die Nachtschichtzuschläge und das Schichtsystem sind geregelt und wir haben die Umkleidezeiten als Nebenvereinbarung getroffen als Betriebsrat. Alles zusammen macht das in der Lohnabrechnung einen riesen Unterschied. Beim Entgelt haben wir vereinbart, dass wir bis zum 31.3.2020 in der Friedenspflicht das Entgelt verhandelt haben.

Die Belegschaft hatte keine Streikerfahrung vorher, wie habt ihr diese große Beteiligung hinbekommen?

Wissen ist Macht, das ist meine Erfahrung. Einschüchterung, Provokationen und Erpressungssituationen gehörten bei uns dazu, da half es natürlich, über Rechte zu informieren und Bluffs auch als solche zu entlarven. Vor den ersten Streiks war die Skepsis noch sehr groß, den Mitarbeiter*innen war es wichtig, dass die Rohstoffe nicht weggeworfen werden und die Anlagen keinen Schaden nehmen. Wir haben das ernst genommen und die Streiks angekündigt, damit hatten wir alle im Boot. Nach dem ersten Streik war die Angst nicht mehr so gravierend, da war eher das Credo, so lange weiter zu machen, bis das Ziel erreicht ist. Die meisten Beschäftigten sind 45 plus und länger schon bei Teigwaren Riesa. Die wollen sich nicht mehr für 10 Euro abspeisen lassen und die Firma macht Riesengewinne. Die wollen sich nicht mehr verarschen lassen.

Was rätst Du anderen Betriebsräten und Gewerkschaften in der Region? Strahlt Eure Erfahrung aus?

Ich hoffe sehr, dass unser Beispiel Schule macht. Bei der Ölmühle Riesa beispielsweise steigt laut NGG der Organisationsgrad. Ich hoffe, dass die Gremien und die Belegschaften verstehen, dass sie es nur selbst machen können. Es wird nie jemand freiwillig 3 Euro mehr bezahlen, dafür müssen wir uns organisieren und dafür kämpfen.

Das Interview führte Jana Seppelt