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Es liegt Streik in der Luft…

Thomas Müssig

Unter dem Deckmantel der „Modernisierung“ und „Attraktivität“ haben die Handelskonzerne in fast allen Bundesländern die Manteltarifverträge aufgekündigt. Diese regeln existenzielle Arbeitsbedingungen – wie die Dauer der Wochenarbeitszeit, Urlaubsdauer und Zuschläge auf familienfeindliche Arbeitszeiten – für die 2,7 Millionen Beschäftigten des Einzelhandels in Deutschland.

Vornehmlich stören sich die Arbeitgeber an veralteten Tätigkeitsbeispielen wie dem Fahrstuhlführer oder der Kaltmamsell. Tatsächlich beabsichtigt das Arbeitgeberlager die bisherigen Entlohnungsgrundsätze aufzubrechen, um massive Verschlechterungen der ohnehin kargen Einkommen der Beschäftigten durchzusetzen. Durch Aufspaltung in einfache und qualifizierte Tätigkeiten soll dabei die Arbeit der überwiegend weiblichen Beschäftigten entwertet und verramscht werden.

Die bundesweite Ausweitung der Ladenöffnungszeiten führte bereits zu einer enormen Flexibilisierung der Arbeitszeiten und gewaltigen Vernichtung von Vollzeitarbeitsplätzen. Ungeachtet dessen wollen die Arbeitgeber den Beschäftigten nun eine weitere Ausdehnung von Arbeit auf Abruf, unter dem Vorwand der Kundenorientierung, aufzwingen. Umsatzschwankungen und das damit verbundene Beschäftigungsrisiko der Arbeitgeber sollen jetzt mehr denn je die Beschäftigten tragen.

Während die Beschäftigten seit dem Jahr 2000 bis heute Einkommensverluste hinnehmen mussten, steigerten die Einzelhandelsunternehmen ihre Gewinne im gleichen Zeitraum um mehr als das Doppelte. Dies, obwohl die Umsätze der Branche aufgrund der mangelhaften Binnennachfrage nur geringfügig wuchsen. Seit Jahren ist der Einzelhandel einem verheerenden Verdrängungs- und Vernichtungswettbewerb unterworfen. Den wenigen Gewinnern, die inzwischen über 90 Prozent des Gesamtumsatzes in der Branche einfahren, stehen zahllose Verlierer gegenüber. Neben den vielen Klein- und Mittelständlern, die weder bei den verlängerten Öffnungszeiten, noch bei den ruinösen Preis- und Rabattschlachten mithalten können, zählen vor allem die Beschäftigten dazu. 

Sie sind es, deren Arbeitsbedingungen inzwischen, durch unfreiwillige Teilzeitarbeit, Minijobs, Befristung, Leistungsverdichtung und Lohndumping aufgrund von Tarifflucht vieler Unternehmen,  zu den immensen Gewinnsteigerungen beigetragen haben. Sie sind es, die bereits jetzt wegen der niedrigen Einkommen auf Dritte angewiesen und mehrheitlich von Altersarmut bedroht sind. Und sie sind es, die Ware in die Regale füllen, die Kunden beraten und bedienen, dabei oftmals ihre Gefühle verbergen, um freundlich und höflich zu erscheinen.   

Mit der Kündigung der Manteltarifverträge haben die Arbeitgeber den Bogen bei weitem überspannt. Die anfänglichen Verständnislosigkeit und Empörung der Beschäftigten über diesen Akt des versuchten Übergriffs sind gegenwärtig der Wut und Verärgerung gewichen. In den Betrieben kocht es zum Überlaufen. Beispiellos haben deshalb unzählige Beschäftigte im Rahmen einer Befragung ihre Kampfbereitschaft signalisiert. Gemeinsam mit ihrer Gewerkschaft ver.di sind sie fest entschlossen, zu verhindern, dass der Verdrängungswettbewerb der Handelskonzerne auf ihrem Rücken ausgetragen wird. Die Beschäftigten haben Respekt und Anerkennung verdient. Ver.di wird nicht zulassen, dass die Profitgier einiger weniger Konzerne Dumpinglöhne zu menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen diktiert.

Deshalb stellt sich ver.di auf einen massiven und längeren Tarifkonflikt im Einzelhandel ein. Ähnlich wie in der Tarifrunde 2007 / 2008 werden unzählige Warnstreiks und Streiks nötig sein, um die Arbeitgeber von ihrem selbstsüchtigen Kurs abzubringen. Allein in Baden-Württemberg gab es damals in über 120 Betrieben mehr als 1500 Streiktage. 

Auch diesmal wird ver.di die bereits bekannten Arbeitskampfmaßnahmen mit neuen Arbeitskampfformen ergänzen. 

Gleichfalls ist es wichtig, ebenso die Kunden über das skandalöse Umgehen der Konzerne mit ihren Beschäftigten zu informieren und die Solidarität anderer Branchen zu organisieren.

Der erste Auftakt fand am 14. März 2013 in Stuttgart statt. Vor Ablauf der Friedenspflicht haben fast 400 Betriebsräte bereits öffentlichkeitswirksam ein Zeichen gesetzt und eine Resolution zur Verteidigung der Flächentarifverträge beschlossen.

 

Thomas Müssig, Gewerkschaftssektretär Handel, ver.di