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betrieb & gewerkschaft

Faktencheck

Arbeitsbedingungen im Einzelhandel

Von 1994 bis 2014 sind im Einzelhandel die Umsätze gestiegen, die Verkaufsflächen größer und die Öffnungszeiten ausgeweitet worden – bei gleichzeitig sinkendem Arbeitsvolumen. Vollzeit wurde kontinuierlich durch Teilzeit und Minijobs ersetzt. Arbeitgeber begehen systematisch Tarifflucht. Die Bindung an einen Branchentarifvertrag ist rückläufig und Niedriglöhne nehmen zu.

2014 arbeiteten von den 2.99 Mio. Beschäftigten im Handel 1.52 Mio. in Vollzeit (-22 %), 923.000 in Teilzeit (+22 %) und der Anteil der geringfügig Beschäftigten hat sich auf 548.000 nahezu verdreifacht (+265 %)*. Zwei Drittel der Beschäftigten sind Frauen, neun von zehn jedoch allein in einem Minijob. Jede/r Zweite arbeitet in Teilzeit. Der Anteil der Befristungen hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt, auch bei Neueinstellungen. Atypische Arbeitszeiten haben ebenfalls stark zugenommen: Verdreifachung bei Schichtarbeit (+278 %); Verdopplung der Anzahl der Beschäftigten, die in Abendstunden arbeiten (+111 %) und Nachtarbeit ist um 54 % gestiegen. Drei Viertel der Beschäftigten arbeitete 2014 regelmäßig samstags (+25 %) und fast jede/r Zehnte arbeitet regelmäßig samstags und sonntags (+73 %).

Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit ist aufgrund von gestiegener Teilzeit und Minijobs rückläufig und auf 26,5 Wochenstunden (-12 %) gesunken: Vollzeit auf 35,7 (-10 %) und Teilzeit auf 16,8 Wochenstunden (-15 %). Das Arbeitsvolumen insgesamt ist im gleichen Zeitraum von 4,616 Mrd. auf 4,120 Mrd. Stunden gesunken. Gleichzeitig sind von 2000 bis 2014 sowohl die Umsätze (von 428,3 auf 458,6 Mrd. EUR) als auch die Verkaufsflächen (von 109 Mio. auf 123 Mio. m²) angestiegen. 2010 bezog jede/r Vierte im Handel Niedriglohn, doppelt so viele im Vergleich zur Gesamtwirtschaft. Ursache hierfür ist auch die zurückgehende Tarifbindung: 2014 galt nur noch für ein Drittel der Betriebe der Branchentarifvertrag (29 % der Betriebe in West, 10 % der Betriebe in Ost). 1996 bekam noch jede/r zweite Beschäftigte in West und Ost Branchentariflohn, 2014 in West nur noch jede/r Dritte (-41 %) und in Ost nur noch jede/r Fünfte (-59 %).

2014 wurden 1,5 Mrd. EUR Steuergelder als Lohnersatzleistungen für im Handel Beschäftigte (Aufstocker) aufgewendet, weil deren Lohn aufgrund gezwungener Teilzeit, Minijob oder Niedriglohn zum Leben nicht reichte – eine Subventionierung durch die Gesellschaft in dem bis dato umsatzstärksten Jahr in der Geschichte des Einzelhandels. Reichtum entsteht auf dem Rücken der Beschäftigten: Mehr Umsatz auf immer größeren Flächen mit immer weniger Personal. So verwundert auch nicht, dass sich unter den zehn reichsten Deutschen seit Jahren mehrere Händler befinden.

Die ausführlichen Ergebnisse der Anfrage stehen hier zum Download bereit.

 * Anm. Red.: Die Zahl ist geringfügigen Beschäftigten ist 2015 noch einmal erneut auf 898.020 Stellen angestiegen. Somit war fast jeder dritte Job im Einzelhandel 2015 ein Minijob.