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Katja Kipping

Er fehlt uns

Gedanken zum vierten Todestag von Lothar Bisky

"Statt in der eigenen Zersplitterung auf die Bedeutungslosigkeit zuzusteuern, lasst uns gemeinsam die Koordinaten in der Gesellschaft nach links verschieben! Die Chancen dafür sind gut." (Lothar Bisky, 2010)

Vor vier Jahren hat DIE LINKE einen besonders großen Verlust erlitten. Lothar Bisky war Gründungsvorsitzender dieser neuen Partei. Er war ein streitbarer, solidarischer Genosse und ein wichtiger Ratgeber. Das Poltrige und Laute vieler Politiker seiner Zeit lagen ihm nicht. Seine Stärke waren das Nachdenkliche, das Aufmerksame, das Bescheidene – und ja, auch der Humor.

Lothar Bisky hat die Partei des Demokratischen Sozialismus entscheidend geprägt. Nicht jedem erschien es einleuchtend, sich nach dem Ende der DDR gerade in der neu gegründeten PDS zu engagieren. Klebte doch der Staub der SED und mit ihr all die Ungerechtigkeiten der vergangenen Jahrzehnte an ihr. Lothar Bisky war einer derjenigen, der vor allem jungen Menschen das Vertrauen in die Partei, in die Organisation linker Politik, zurückgab. Bereits als Rektor der DDR-Filmhochschule "Konrad Wolf" verdiente er sich das Vertrauen seiner Studierenden. Er widersetzte sich der Zensur, zeigte Filme, die zuvor in "Kellern verschwanden" und stellte sich schützend vor allzu kritischen Studenten. Später  als Vorsitzender der PDS sagte er: "Wir haben aus der Vergangenheit gelernt: Veränderungen können wir nur auf demokratischem Wege erreichen."

Er gehörte zu denjenigen, die leidenschaftlich für die neue LINKE gekämpft und um ihr Zusammenwachsen gerungen haben. Dass die Neugründung gelang, lag auch daran, dass Menschen wie Lothar Bisky den Mut für einen Neuanfang aufbrachten. Und diesen Mut musste auch irgendwann die Öffentlichkeit zur Kenntnis nehmen, die bis dato gut darin war, uns abzuschütteln. Im Zuge der ersten Verhandlungen um eine neue LINKE hängte sich ein Kamerateam in wilder Verfolgungsjagd an das Auto, in dem Lothar Bisky zu diesem Zeitpunkt saß. Doch Biskys Fahrer war geschickt. Er wartete an einer Ampelkreuzung bei Grün. Erst kurz bevor die Ampel von Gelb auf Rot schaltet, gab er Gas. Das gewagte Manöver gelang. Die Verfolger waren abgeschüttelt. Plötzlich wurde uns bewusst, dass nun neue Spielregeln galten. Die bundesdeutsche Öffentlichkeit verfolgte, was wir taten. Daraus erwuchs neue Verantwortung. Wir waren und wir sind zum Erfolg verpflichtet.

Lothar Bisky hat die Partei DIE LINKE geführt und gestaltet. Er war Streiter und Kämpfer für eine einige und starke, gesamtdeutsche und europäische linkssozialistische Partei. Ohne diesen großen Europäer, ohne seinen unermüdlichen Einsatz in Europa würde es die Europäische Linke nicht in dieser Form geben. Wer die Verhandlungen in der Gründungsphase der EL erlebt hat, weiß: Es ist wahrlich keine Selbstverständlichkeit, dass es die Europäische Linke überhaupt gibt.

Lothar hat seine Zeit immer um eine linke Partei gerungen, die klar und konsequent für soziale Gerechtigkeit und Frieden und gegen Nationalismus eintrat. Anfang der 1990er sagte er in einem Interview über die PDS: "Ich wäre heilfroh, wenn wir eine unverwechselbare Duftmarke hätten.". Dass DIE LINKE heute diese unverwechselbare Duftnote trägt, ist auch ihm zu verdanken. Sein politisches, aber auch sein wissenschaftliches und publizistisches Erbe, ist für uns Mahnung und Ansporn.

Er fehlt uns.

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