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DISPUT

Wenn's kriselt

Feuilleton von Jens Jansen

Wenn der »Spiegel « auf Seite 1 klagt: »Die fetten Jahre sind vorbei! « und wenn die BILD-Zeitung »ein Steuerloch von 100 Milliarden Euro« beweint, dann müssen irgendwelche Drohnen den »Blindflug« der Marktwirtschaft stören. Nun sagen aber die Gesundbeter des Kapitalismus immer wieder: Der Markt ist gar nicht blind, sondern ein Hellseher, ein Kompass, ein Wunderheiler für alle Untaten der Ökonomie! Doch solche Theorien mildern keinen Börsen-Crash, keinen Kursabfall und keine Schwindsucht der Dividenden. Drum heißt es in Krisenzeiten: »Nicht verzagen – Weise fragen!« Und so fragen die Bosse ihre teuren Berater und die bringen ihre einflussreichen Lobbyisten auf den Weg. Früher gab es in Bonn als Wirtschaftsminister ein Universal-Genie wie Professor Schiller. Der wusste oder fühlte, dass es gar nicht darum geht, wie es den Leuten geht, sondern wie sie sich fühlen! Deshalb griff Schiller – wie einst der Dichterfürst Schiller – in die Schatzkiste der Psychologie und zauberte großartige Wortschöpfungen herbei: Er nahm zwei positiv wirkende Begriffe, wie »Konzert« und »Aktion« und verlötete sie zu einer »konzertierten Aktion«. Und schon hatte das Volk das Gefühl: Da tut sich was! Die bauen uns ein Treppengeländer mit beidseitigen Griffl eisten! Da können wir gar nicht abstürzen! So zog dann himmlischer Frieden ein – auch in die Schlafzimmer der Bosse und Börsianer. Weil aber dieser Beruhigungstee keine durchschlagende Wirkung auf die Umsatz- und Gewinnstatistik hatte, ging Professor Schiller daran, die Deutung dieser Fieberkurven zu verfeinern. Dazu entwickelte er folgende Eskalationsstufen: Stufe 1: Wir haben eine etwas »überhitzte Konjunktur «. Das ist gefährlich! Da kann der Kessel platzen. Wir müssen Ventile öffnen! Daraus erwächst: Stufe 2: Die »abgeflachte Konjunktur«. Die lässt aufatmen! Das liegt an der Schwäche der Exportpartner und gilt nur mittelfristig. Sonst folgt: Stufe 3: Der »leichte Abschwung«. Der ist nicht nur »leicht«, der hat immer noch »Schwung«! Sonst muss man mit saisonbereinigten Langzeitanalysen beweisen, dass es immer noch aufwärts geht, nur nicht so spürbar. Wenn solche Verschleierung der systembedingten Krisen des Kapitalismus den Brechreiz der Gewerkschaften und Linksparteien nicht dämpft, dann muss mit der Brechstange eine Weichenstellung erfolgen: Ein Schröder muss her! Der Staat muss mehr Streichelsteuern für die Konzerne bieten. Der Christdemokrat Altmaier als Schwergewicht liefert eine Denkschrift. Also bloß keine Panik! Wie sagt man am Rhein? »Et küt wie et küt un et hat noch ümmer jut jejangen!« Aus dem Blickwinkel der Chefetagen stimmt das auch. Aber der Krebsschaden dieses Systems liegt tiefer. Die Volkswirtschaft ist nicht die Wirtschaft des Volkes, sondern der Großunternehmer. Von denen haben zu viele einen zu kleinen Horizont. Sie rennen dem schnellen Profi t hinterher. Dann bauen sie Kernkraftwerke ohne Endlager, Windräder ohne Transitkabel, E-Autos ohne Schnelllade-Stationen, Stinker- Diesel ohne Handschellen für die Rufmörder im Vorstand. Und wenn dann ein linker Kevin aufsteht und, mit dem Grundgesetz unter dem Arm, eine Vergesellschaftung der Zukunftsbetriebe und der Daseinsvorsorge verlangt, dann wird ihm das Maul gestopft, weil diese Freiheit zu weit geht. Dabei haben der Ökonom Marx und der Unternehmer Engels schon vor 150 Jahren gewarnt, dass der Staat sich nicht zum Geschäftsführer der Monopole machen darf. Sonst müssen wir uns alle eine »Arche Noah« bauen, weil uns die »Gorch Fock« nicht mehr retten kann.