Diese Website verwendet Cookies. Warum wir Cookies einsetzen und wie Sie diese deaktivieren können, erfahren Sie unter Datenschutz
Zum Hauptinhalt springen

DISPUT

Versailles

Vor 100 Jahren wurde der Erste Weltkrieg mit einem Friedensvertrag völkerrechtlich beendet, der Deutschland in eine innenpolitische Krise stürzte

Mit dem Waffenstillstandsabkommen von Compiègne vom 11. November 1918 wurden die Kampfhandlungen endgültig eingestellt. Unmittelbar danach begann der Abzug der Soldaten, die Fronten wurden aufgelöst. Doch unter völkerrechtlichem Aspekt war der Erste Weltkrieg noch nicht beendet. Erst ein Friedensvertrag sollte einen Schlussstrich unter das bis dahin blutigste Kapitel der Menschheitsgeschichte ziehen und Bedingungen schaffen, die einen neuen Krieg unmöglich machten. Mehr als ein Jahr lang, vom Januar 1919 bis zum Januar 1920, tagte daher im Schloss von Versailles die Pariser Friedenskonferenz. Deutschland war zu den Verhandlungen über den geplanten Friedensvertrag nicht zugelassen. Die deutsche Delegation konnte sich lediglich in schriftlichen Erklärungen zu einzelnen Punkten äußern. Bereits am 7. Mai 1919 wurde Deutschland der Entwurf des mehrere hundert Artikel umfassenden Vertrages mit der Feststellung übergeben, dass substantielle Änderungen ausgeschlossen waren. Besondere Empörung löste in Deutschland der sogenannte Kriegsschuldartikel 231 aus, der dem vormaligen Kaiserreich die alleinige Verantwortung für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs zusprach: »Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, daß Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben.« Deutschland wurde zur einseitigen Abrüstung verpflichtet: Die Wehrpflicht wurde aufgehoben, die Größe der Reichswehr auf 100.000 Mann beschränkt. Deutschland durfte keine schweren Waffen und keine Kriegsflugzeuge besitzen. Die Zahl und Größe der Kriegsschiffe wurde begrenzt. Alle Maßnahmen, die zur Vorbereitung eines Krieges hätten dienen können, wurden verboten. Auf der Grundlage des Versailler Vertrages büßte Deutschland rund 13 Prozent seines Territoriums und 10 Prozent seiner Bevölkerung ein. Große Teile der deutschen Schwerindustrie, u.a. 80 Prozent der Eisenerzförderung, gingen verloren. Die ehemaligen deutschen Kolonien wurden als »Mandatsgebiete« den Siegermächten übergeben. Die endgültige Höhe der Geld- und Sachleistungen, die als Wiedergutmachung zu erbringen waren, sollte später durch eine spezielle Kommission festgelegt werden. Doch es war abzusehen, dass die Reparationsleistungen Deutschland und insbesondere seine Bevölkerung viele Jahrzehnte belasten würden. Sehr schnell machte das Wort vom »Schandfrieden« die Runde. Am 20. Juni 1919 trat Philipp Scheidemann als deutscher Regierungschef zurück, um nicht die Verantwortung für die Unterzeichnung des Versailler Vertrages übernehmen zu müssen. Bereits am 12. Mai 1919 hatte er vor der Weimarer Nationalversammlung erklärt: »Welche Hand müsste nicht verdorren, die sich und uns in solche Fesseln legte?« Doch angesichts der drohenden militärischen Besetzung Deutschlands durch die Alliierten und der fortgesetzten britischen Seeblockade, die unmittelbare Auswirkungen auf die Versorgung der Bevölkerung hatte, gab es keinen wirklichen Widerstand. Am 22. Juni 1919 stimmte die Nationalversammlung mit 237 gegen 138 Stimmen der Unterzeichnung zu, am 28. Juni 1919 setzten Außenminister Hermann Müller (SPD) und Verkehrsminister Johannes Bell (Zentrum) ihre Unterschriften unter den Vertrag. Am 10. Januar 1920 trat der Versailler Vertrag in Kraft. In den folgenden knapp eineinhalb Jahrzehnten bis zur Machtübergabe an Hitler und seine Bande im Januar 1933 war der Versailler Vertrag – immer in Verbindung mit der »Dolchstoßlegende« und dem Wort von den »Erfüllungspolitikern« – das wichtigste »Argument« der extremen Rechten gegen die Weimarer Republik. Doch es ist mehr als fraglich, ob ein anderer Friedensvertrag den Aufstieg des deutschen Faschismus tatsächlich verhindert hätte.