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DISPUT

Mit Gysi auf der Bühne

Im Wahlkampf sind Politikerinnen und Politiker dem Volk ganz nah. In München konnten Interessierte mit dem LINKEN-Spitzenpersonal auf einer Bühne stehen

von Fabian Lambeck

Nein, optimal waren die Bedingungen nicht, an diesem Montagnachmittag auf dem Marienplatz im Herzen Münchens. Der Regen ist so andauernd und heftig, dass die Genossinnen und Genossen, die die zentrale Wahlkampfveranstaltung organisieren, ernsthaft überlegen, das Publikum auf die Bühne zu holen. »Schließlich ist die überdacht und bei dem Wetter werden sich ohnehin nicht viele Menschen vor der Bühne verlieren«, glaubt ein Genosse. Dabei wird Gregor Gysi erwartet. Der Präsident der Europäischen Linken ist aus Berlin angereist, um hier zu reden. Ein bayerischer Genosse scherzt, dass die CSU »ihre guten Beziehungen nach oben genutzt hat, um die gottlosen Kommunisten nass zu machen«. Doch kurz vor Beginn der Veranstaltung lässt der Regen etwas nach und als Gysi die Bühne betritt, haben sich tatsächlich zweihundert Menschen eingefunden. Vor der Bühne wogt nun ein buntes Meer aus Regenschirmen. Ein paar Besucherinnen und Besucher, meist ohne Schirm, haben die Einladung angenommen und bilden nun einen Halbkreis auf der Bühne. Gysi scheint das nicht zu stören. Im Gegenteil: Immer wieder blickt er sich um und bezieht die hinter ihm stehenden mit ein in seine Rede. Dabei holt der ehemalige Partei- und Bundestagsfraktionsvorsitzende weit aus und macht ebenso unmissverständlich klar, dass es keine linke Alternative zu einem vereinigten Europa gibt. Der redegewandte Berliner kommt gut an in München. Immer wieder gibt es zustimmendes Gelächter und viel Beifall, etwa für seine Kritik an der von Frankreich und Deutschland geplanten europäischen Interventionsarmee. »Die EU darf kein Weltpolizist sein, der überall interveniert«, unterstreicht Gysi und erhält Zustimmung aus dem Publikum. Gysi reichert seine Rede mit vielen Anekdoten an und verweist auf seine frühzeitigen Warnungen, etwa vor der Einführung einer gemeinsamen europäischen Währung ohne gemeinsame Steuerund Sozialpolitik. Doch ein Zurück zur D-Mark gebe es nicht, mahnt Gysi und plädiert für »gemeinsame soziale, Lohn-, Umwelt- und Steuermindeststandards « und macht nochmal deutlich: »Wir streben eine europäische Integration an, in der Menschen solidarisch und friedlich zusammenleben «. Und wieder Applaus. Nach Gysi kommt Martin Schirdewan ans Podium. Keine leichte Aufgabe, doch der Spitzenkandidat meistert die Aufgabe souverän. Sprache und Stil sind präzise und klar, er kommt auf den Punkt, verbindet nüchterne Analyse mit kleinen Geschichten, kann auch komplizierte Sachverhal- te nachvollziehbar erklären, etwa den europäischen Verteidigungsfonds. Das gefällt dem Publikum.

 

Wahlkampfmarathon

Danach ist É ric Bourguignon an der Reihe. Als Kandidat steht der gebürtige Franzose auf einem wenig aussichtsreichen Listenplatz, doch trotzdem gibt er auf der Bühne alles. Skandiert schließlich Slogans auf deutsch und französisch. Die Menschen im Publikum reagieren positiv erstaunt auf so viel rhetorische Leidenschaft an diesem regnerischen Nachmittag. Immer wieder bleiben gut gekleidete Bürgerinnen und Bürger stehen, um die »Exoten« von der Linkspartei mal live zu erleben. Einige schütteln den Kopf, andere nicken zustimmend oder reagieren empört. Während die Partei in vielen Teilen der Republik als politische Kraft etabliert ist, reibt man sich hier noch an ihr. Als Abschlussrednerin betritt dann Özlem Demirel die Bühne. Schnell wird klar: Die Spitzenkandidatin aus dem Ruhrpott, die auch mal lauter wird und nicht jedes Wort auf die Goldwaage legt, kommt gut an beim jüngeren Publikum. Gestenreich und voller Energie ruft sie dazu auf, am 26. DIE LINKE zu wählen. Hinter den Kulissen wird derweil heftig rotiert, da die übergro.e »sechsarmige Petra« nicht dem Münchener Regen ausgesetzt werden soll, fährt der Genosse die große Pappfi - gur gleich weiter nach Regensburg, wo die Tour am nächsten Tag Station machen wird. Derweil verabschiedet sich ein anderer Helfer und macht sich auf den Weg nach Berlin – nach einem zweiwöchigen Veranstaltungsmarathon. »So eine Wahlkampftour zu begleiten, macht natürlich auch Spaß, aber das tagtägliche Auf- und Abbauen geht ganz schön an die Substanz«, erzählt der Genosse. Oftmals sind es gleich zwei Veranstaltungen pro Tag, so wie am Dienstag, als DIE LINKE mittags in Regensburg und abends in Nürnberg gastiert. »Jetzt gehts nach Hause. Ich freue mich schon auf die Kinder«, grinst er und stapft durch den Regen davon. Eine große Herausforderung ist diese Tour auch für die beiden Spitzenkandidaten, die neben den vielen Wahlkampfauftritten in der halben Republik auch noch unzählige Pressetermine bewältigen müssen. So lieferte sich Özlem Demirel noch am späten Donnerstagabend im ZDF-Hauptstadtstudio einen »Schlagabtausch« mit dem AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen und musste am nächsten Morgen schon wieder nach Stuttgart, wo die Wahlkampftour der LINKEN Station machte.

 

Facebook ist kein Ersatz

Nicht immer fi nden sich besonders viele Menschen vor der Wahlkampfbühne ein. Trotzdem müssen die Reden der Spitzenkandidaten überzeugend sein, ob sie nun vor 500 oder 5 Menschen sprechen. Tatsächlich liegen einige Termine so, dass berufstätige Menschen sich schon frei nehmen müssten, um die Kandidatinnen und Kandidaten in ihrer Stadt live zu sehen. Wobei die zentralen Veranstaltungen, wie etwa in Bremen oder Nürnberg, sehr gut besucht waren. In Augsburg aber, wo DIE LINKE an einem Montagvormittag um 11 Uhr Station macht, verlieren sich nur ein paar Menschen vor der Bühne. Doch der Aufwand in den kleineren Städten hält sich in Grenzen. Denn eine große Bühne, wie etwa in München, wird nur für die zentralen Veranstaltungen genutzt. In den kleineren Orten kommt eine schnell aufbaubare Minibühne zum Einsatz, die auf die Ladefl äche eines Transporters passt. Doch selbst wo sich nur wenige Interessierte einfi nden, war der Stopp nicht vergebens. Schließlich komme man mit den Menschen so leichter ins Gespräch und könne gezielter Überzeugungsarbeit leisten, betont ein Genosse und ergänzt: »Ein Facebook-Post kann das persönliche Gespräch vor Ort nicht ersetzen.«