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DISPUT

Emanzipiert und stark

Auf Spurensuche nach dem »Mythos Ostfrau«

Der 30. Jahrestag der politischen Wende in der DDR verleitet nicht wenige Publizistinnen und Publizisten dazu, sich mal wieder der Geschichte dieser untergegangenen Republik zuzuwenden. Dennoch scheint manches heute anders zu sein. Der Blick ist unverkrampfter, der Abstand der Jahre verhilft zu einer entspannteren Sicht. Nun ja, für Dirk Külow und mich als Herausgeberteam war das gewiss nicht der Maßstab. Aber wir haben diesen veränderten Umgang mit der DDR als Chance gesehen, einen Ausschnitt ins Bewusstsein zurückzuholen, der fast verschüttet schien: die Rolle von Frauen in der DDR. In seiner Rezension im »Neuen Deutschland« am 21. März hat Gregor Gysi das Buch als eine »Hommage an die emanzipierten Frauen in der DDR« bezeichnet. Als emanzipiert hätte ich mich damals sicher nicht charakterisiert, ich war es eben. Und mit mir viele, viele andere. Es war selbstverständlich, dass wir eine gute Schulbildung unabhängig vom Geldbeutel der Eltern bekamen, dass wir anschließend eine Berufsausbildung oder ein Studium absolvierten. Wir übernahmen Verantwortung in Leitungsfunktionen in Betrieben oder wissenschaftlichen Einrichtungen. Richtig ist allerdings auch: In den höheren Ebenen drängelten sich eher die Männer. Da war auch die DDR bis an ihr Ende noch sehr patriarchal geprägt. Außerdem, auch das gehört zu einer kritischen Sicht auf die Geschichte der DDR, galten einige der »Sozialpolitischen Maßnahmen«, wie der Hausarbeitstag oder die bezahlte Freistellung nach der Geburt eines Kindes, ausschließlich den Frauen und haben so das traditionelle Rollenverständnis eher verstärkt. Dreifachbelastung war Alltag für viele Frauen und wurde nur selten thematisiert. Dennoch gab es ein gesellschaftliches Klima und vor allem die notwendigen Rahmenbedingungen, um sich als Frau selbst verwirklichen zu können – im Beruf, in der Familie, im gesellschaftlichen Engagement. Dazu gehörte auch, dass es seit 1972 gesetzlich möglich war, eine Entscheidung für oder gegen eine Schwangerschaft selbstbestimmt treffen zu können. Alle Befunde deuten darauf hin, dass das, was frau sich in 40 Jahren angeeignet hat, nicht in 30 Jahren verschwunden ist und sogar an die Töchtergeneration weitergegeben wird. Mit dem Buch begeben wir uns auf Spurensuche nach der »Ostfrau« und nach Antworten auf die Frage, warum sie anders ist. Über 80 Prozent der Frauen in der DDR waren 1989 erwerbstätig, im Westen nur knapp über die Hälfte. Heute arbeiten über 70 Prozent der Frauen, ein großer Anteil allerdings in prekären Beschäftigungsverhältnissen. Der deutliche Zuwachs in den letzten zehn Jahren basiert fast ausschließlich auf Teilzeitarbeit. Während die Verfassung der DDR von 1949 und das »Gesetz über Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau« von 1950 die Gleichberechtigung der Frauen gesetzlich garantierte, galt in der Bundesrepublik bis 1958, dass die Erwerbstätigkeit der Frau nur mit Zustimmung des Ehemannes möglich war. Berufliche Tätigkeit war für Frauen in der DDR weit mehr als die Sicherung der ökonomischen Unabhängigkeit, sie war soziale Anbindung, Erfahrung des Gebrauchtwerdens und die Anerkennung von Qualifikation und Leistung. Die Gleichberechtigung von Frau und Mann in der DDR war kein »Mythos « sondern gelebte Realität. Wer, wie jüngst »Der Spiegel«, der Meinung ist, DDR-Frauen auf »gebärfreudige Arbeitsbienen« reduzieren zu müssen, verkennt bis heute den Wert, den Arbeit für uns hatte. Es war die Publikation von Claudia Wangerin »Die DDR und ihre Töchter«, 2010 geschrieben und inzwischen vergriffen, die die Vorlage für das Buch geliefert hat. Es wurde überarbeitet, ergänzt um Interviews und Fotos, die bleibende Dokumente über das Leben in der DDR sind. Ein großer Dank gilt daher dem ND-Archiv, das die in schwarz-weiß gehaltenen Bilder zur Verfügung stellte.

Dagmar Enkelmann ist Vorsitzende der Rosa-Luxemburg-Stiftung