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DISPUT

Ein Recht auf Innehalten

Warum es eine gesetzlich garantierte Auszeit braucht und wie ein solches Sabbatical abgesichert sein muss 

Von Katja Kipping

Für viele klingt es wie ein Traum. Oder wie etwas geradezu Unanständiges. Einfach mal eine Auszeit von all dem Stress, all der beruflichen Routine zu nehmen. Und das, ohne sich Sorgen machen zu müssen, wie man finanziell über die Runden kommt. Gesetzlich garantierte Sabbaticals könnten genau dies ermöglichen. In einer Zeit, wo der Stress größer wird, wo stressbedingte Erkrankungen zunehmen, ist dies umso wichtiger. Ein Sabbatical ermöglicht es Menschen, auch mal aus dem Hamsterrad auszusteigen, einer stressbedingten Krankheit vorzubeugen. Im Zuge des technischen Fortschritts verändert sich die Erwerbsarbeitswelt in wachsender Geschwindigkeit. Das stellt an die Beschäftigten Anforderungen, sich beständig weiter zu bilden oder auch mal neu zu orientieren. Eine Gesellschaft, in der Sabbaticals zur alltäglichen Kultur gehören, erleichtert dies und eröffnet Möglichkeiten dazu.

Aus verschiedenen Studien wissen wir, dass die Wünsche der Menschen der Wirklichkeit in dieser Frage vorauseilen. »Eine temporäre Auszeit aus dem Beruf, für einige Monate oder sogar ein ganzes Jahr, ist für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland interessant. Studien belegen, dass sich rund die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland eine solche Auszeit wünscht«. Dies ist nachzulesen in der gemeinsamen Sabbatical-Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

 

Warum wollen so viele ein Sabbatical?

Die Gründe für ein Sabbatical sind unterschiedlich: »Die Weltreise, die oft als der typische Grund für eine Auszeit vom Beruf dargestellt wird, ist nur einer von vielen Beweggründen. Im Vordergrund stehen auch Interessen an Kinderbetreuung, Pflege, Weiterbildung, beruflicher Umorientierung oder einfach nur an einer längeren Erholung vom Arbeitsalltag.« Eine online-Studie von Fittkau & Maaß Consulting, die als »größte deutsche Sabbatical-Studie« gilt, gibt als Motive für mögliche Sabbaticals an: »Vorneweg liegen mit je 57 Prozent der Wunsch zu reisen und mehr Zeit für sich und seine Interessen zu haben. Knapp dahinter wollen viele neue Perspektiven und zu sich selbst finden (54 Prozent). Fast bedenklich: Die Hälfte der Befragten will mit der Auszeit ein Burnout überwinden oder einem vorbeugen. Mit Respektabstand folgen dann Sprachen lernen (30%), das Leben grundlegend verändern (21 %), die Unzufriedenheit mit dem Job (20 %) oder der privaten Situation (13 %). Schlanke 12 Prozent wollen diese Zeit für die berufliche Weiterbildung nutzen.« Doch was hindert Deutsche daran, tatsächlich eine berufliche Auszeit zu nehmen und den Wunsch in die Tat umzusetzen? Es sind verschiedene Gründe, die ein Sabbatical verhindern, oft ist es das fehlende Geld. Die Sabbatical-Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung bemerkt: »Viele halten […] eine solche Auszeit aus betrieblichen oder finanziellen Gründen nicht für realisierbar.« In der online-Studie von Fittkau & Maaß wird zu den Hinderungsgründen festgestellt: »Fast die Hälfte der Befragten (48 Prozent) nennt hier die Finanzierung. Ihnen fehlt das Geld. Mehr als ein Viertel gibt an, dass dieser Wunsch am Einspruch des Arbeitgebers scheitern würde. Jeweils knapp 17 Prozent sehen einerseits die familiäre Situation und andererseits die Angst vor einem Karriereknick als entscheidende Hindernisse.«

 

Derzeit nur für Privilegierte

So ist es kein Wunder, dass sich derzeit oft nur Privilegierte Auszeiten leisten können, obwohl viele so eine längere Pause bräuchten. Die Sabbatical-Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung und der Rosa-Luxemburg-Stiftung spricht eine deutliche Sprache: »Sabbaticals stellen ein wichtiges Element der lebensverlaufsorientierten Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik dar. Sie ermöglichen individuell gesteuerte Auszeiten für berufliche und außerberufliche Interessen der Beschäftigten, wie Weiterbildung, berufliche Umorientierung, Kinderbetreuung, Pflege, Erholung oder Freizeit. Derzeit können Sabbaticals in Deutschland nur im Rahmen individueller Anspar- und Finanzierungsmodelle realisiert werden, die mit dem Arbeitgeber zu vereinbaren und zu regeln sind. Die Verbreitung und Nutzung hängt damit vom betrieblichen Angebot und den verfügbaren Ressourcen der Beschäftigten ab und fällt insgesamt eher gering und selektiv aus.« Die Studienautorinnen und – autoren warnen zudem: »In den letzten 20 Jahren ist ein Anstieg der Arbeitszeiten, unsozialen Arbeitszeitlagen, Arbeitsintensivierung und Arbeitsbelastungen zu verzeichnen. Damit nimmt für die Beschäftigten das Risiko von gesundheitlichen Beeinträchtigungen und vorzeitiger Erwerbsunfähigkeit zu. In Deutschland haben 2009 rund 1,5 Millionen Menschen Erwerbsminderungsrente bezogen. Nach einer Schätzung der Betriebskrankenkassen betragen die Kosten von Krankheit durch psychische Belastungen am Arbeitsplatz ca. 6,3 Milliarden Euro pro Jahr. Längere Auszeiten zur Erholung können einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Gesundheit, Arbeitsmotivation und Produktivität im Erwerbsverlauf leisten. Vor dem Hintergrund der Anhebung des gesetzlichen Rentenalters gewinnt diese Funktion zusätzlich an Bedeutung.«

 

Gesetzlich garantierte Sabbaticals

Deshalb braucht es ein Programm für die Entprivilegierung von Auszeiten. Gesetzlich garantierte Sabbaticals müssen her! Diese gesetzlich garantierten Sabbaticals sollen ein Instrument der Arbeitszeitverkürzung und der besseren individuellen Vereinbarung von Erwerbsarbeit und unterschiedlichen Wünschen nach Erholung, Umorientierung und Bildung sein. Nicht mehr und nicht weniger! Bereits im Wahlprogramm der Partei DIE LINKE haben wir uns mit dem Thema befasst: »Sabbatjahre für alle: Beschäftigte sollen zweimal in ihrem Berufsleben die Möglichkeit haben, für ein Jahr auszusteigen (Sabbatjahr). Damit verbunden ist ein Rückkehrrecht auf den gleichen oder einen gleichwertigen Arbeitsplatz. Die Sabbatzeiten können auch als kleinere Auszeiten von drei bis sechs Monaten genommen werden.« Selbstverständlich ist eine Sabbatical-Politik eingebettet in arbeits-, tarif-, familien- und sozialpolitische Strategien wie z. B. Erhöhung der unteren und mittleren Löhne, gleicher Lohn für Frauen, Zurückdrängung der Arbeitsverdichtung und Arbeit unter Stress, Ausbau der sozialen Infrastruktur und Dienstleistungen usw.. Die Höhe der steuerfinanzierten Absicherung während des Sabbaticals orientiert sich am Elterngeld: Die Nettomindesthöhe ist analog der Mindestsicherung anzusetzen.