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DISPUT

Blutmai

Nach dem Verbot aller Kundgebungen unter freiem Himmel kam es in Berlin am 1. Mai 1929 zu blutigen Überfällen der Polizei auf friedliche Demonstranten 

Von Ronald Friedmann

 

Am 13. Dezember 1928 verfügte der sozialdemokratische Berliner Polizeipräsident Zörgiebel ein Verbot aller politischen Veranstaltungen unter freiem Himmel. Im März 1929 dehnte der sozialdemokratische preußische Innenminister Grzesinski dieses Verbot auf ganz Preußen aus. Offiziell ging es um »Ordnung und Sicherheit« auf den Straßen des größten deutschen Landes. Doch tatsächlich sollten Auseinandersetzungen provoziert werden, um den kommunistischen Rotfrontkämpferbund verbieten zu können. Zumindest aber sollte eine Wiederholung des großen Erfolges der KPD am traditionellen 1. Mai verhindert werden: Am 1. Mai 1928 hatten vor allem die roten Fahnen mit Hammer und Sichel und die Losungen der KPD das Straßenbild in Berlin geprägt.

Die sozialdemokratischen Gewerkschaften veranstalteten ihre Maifeiern widerspruchslos im Saal. Doch das kommunistisch geführte »Maikomitee der Berliner Arbeiterschaft« bestand auf Straßendemonstrationen. Am 27. April 1929 kündigte die »Rote Fahne« an: »Die Berliner Arbeiter werden der Tradition des Kampfaufmarsches am 1. Mai auch in diesem Jahr trotz Zörgiebel treu bleiben.« Die Berliner Polizeiführung sah sich daher veranlasst, eine »Gefahrenlage« für die Reichshauptstadt nicht nur zu behaupten, sondern zu organisieren. Im Vorfeld des 1. Mai wurden deshalb nicht weniger als 13.000 Polizisten mobilisiert und sogar Panzerwagen mit Maschinengewehren bereitgestellt. »Berlin [wurde] geradezu von Polizei überflutet«, schrieb Carl von Ossietzky wenige Tage später in der legendären »Weltbühne«, »und ehe sich noch etwas ereignet hatte, [war] ein Bild geschaffen, als wäre der Bürgerkrieg im vollen Gange«. Auch die Presse bereitete die Öffentlichkeit auf blutige Zusammenstöße vor. Eine besonders üble Rolle spielte dabei der sozialdemokratische »Vorwärts«, der in seiner Abendausgabe vom 29. April 1929 »200 Tote am 1. Mai« ankündigte. Das Vorgehen zeigte Wirkung: An den Aufmärschen der KPD nahmen statt der erwarteten 300.000 Menschen nur einige Zehntausend teil.

Schon am Vormittag, so berichtete die »Welt am Montag«, zeigte sich bei den Polizisten »die Lust zum schonungslosen Draufgehen.« Gegen 11.30 Uhr gab es in der Gegend um den Hackeschen Markt die ersten Toten, als die Polizei das Feuer auf Demonstranten eröffnete, die sich mit Steinen gegen die Gummiknüppel der Polizei gewehrt hatten. Das erste Todesopfer war ein Sozialdemokrat, der auf dem Heimweg von einer (Saal-) Veranstaltung war. Die Polizei verbreitete nun umgehend die Nachricht, dass Polizisten insbesondere in Neukölln und Wedding beschossen werden würden. Doch in den drei Tagen, die die Unruhen in Berlin andauerten, erlitt kein einziger Polizist eine Schussverletzung. Auch Gerüchte über Barrikadenkämpfe erwiesen sich letztlich als Falschmeldung: Lediglich in der Kösliner Straße im Wedding, wo die KPD im Jahr zuvor mehr als 40 Prozent der Wählerstimmen erhalten hatte, war ein Bauwagen als Sperre umgestoßen worden, um Polizeifahrzeuge an der Einfahrt in die Straße zu hindern. Trotzdem berichtete die Polizeiführung auch bei den nachfolgenden Untersuchungen von »Exzessen der kommunistischen Demonstranten«. Schließlich musste der massive Schusswaffengebrauch gerechtfertigt werden.

Insgesamt gab es in Berlin mindestens 33 Tote und 198 Verletzte. Auf Seiten der Polizei gab es keine Opfer, 47 Beamte wurden verletzt. Am 3. Mai 1929 wurde in ganz Deutschland der Rotfrontkämpferbund verboten, dem man die Verantwortung für die Maiunruhen zuschanzte. Der bereits zitierte Ossietzky allerdings erklärte im Rückblick: »Die Verletzung des Demonstrationsverbots ist kein Verbrechen, sondern die Maßnahme einer Arbeiterpartei, die hierin nur der Tradition der alten Sozialdemokratie gefolgt ist.« Und die Liga für Menschenrechte kam zu der Feststellung: »Die Leitung der Polizei selbst hat Maßnahmen ergriffen, […] die vielmehr selbst […] gesetzeswidrig waren.«