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Katja Kipping

Gedenken wir des Aufbruchs 1989 – aber ohne "Helden“

von Katja Kipping

 

Als demokratische Sozialistin, die ich bin, stellt man sich immer auch in eine geteilte Tradition. Als ich 1998 in die PDS eintrat, bin ich damals auch in eine Partei eingetreten, die aus der früheren DDR-Staatspartei hervorgegangen ist, gegen die sich das Aufbegehren von 1989 gerichtet hatte. Diese Staatspartei war verantwortlich für alles, was in der DDR zu Recht als Unrecht kritisiert wird.

Gleichzeitig trat ich in die Partei ein, die sich mit ihrer Geschichte ernsthafter und kritischer auseinandersetzte als jede andere Blockpartei. Und in eine Partei, in der jene, die 1989 Demokratie, aber keinen Kapitalismus wollten, eine Heimat finden konnten. In der der demokratische Sozialismus als Erbe früherer Aufbrüche wie dem 1968 in Prag aufgenommen wurde.

Die heute um die 40-Jährigen, zu denen ich gehöre, waren 1989 Kinder oder Heranwachsende. Neben vielem Unverstandenen, das erst Jahre später durch Gespräche und Lektüre mit Sinn gefüllt wurde, drückt sich der Wandel der Erwachsenenwelt von 1989 in den später von mir nach-gehörten Worten Stefan Heyms aus: „Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen. Und das in Deutschland, wo bisher sämtliche Revolutionen danebengegangen und wo die Leute immer gekuscht haben, unter dem Kaiser, unter den Nazis und später auch. Aber sprechen, frei sprechen, gehen, aufrecht gehen, das ist nicht genug.“

Heute sind es zwei Tage, die im Jahreslauf üblicherweise dem Gedenken an die Friedliche Revolution von 1989 gewidmet sind. Der 3. Oktober qua Gesetz als Feiertag und der 9. November als Gedenktag. Was sie eint: Beide leiten sich — wie so viele deutsche Gedenktage — vom Staat ab. Sie beziehen sich gerade nicht auf den Aufbruch der Vielen und die kollektive und individuelle Emanzipation.

Der 3. Oktober ist als gesetzlicher Feiertag im Einigungsvertrag festgelegt und markiert den Beitritt der fünf neu geschaffenen Bundesländer und Berlins zur Bundesrepublik. Staatsmänner haben ihn verhandelt und besiegelt.

Der Ausgangspunkt des 9. November ist die verstolperte Pressekonferenz eines anderen „Staats-Mannes“, des „Sekretärs für Informationswesen des ZK der SED“, Günter Schabowski. Auch wenn die emotionale Prägung des Tages sich bis heute durch die Bilder der folgenden Nacht entfaltet. Ihre Macht kommt aus der Unerhörtheit und Unvorstellbarkeit feiernder Menschen auf den einst todbringenden Grenzanlagen. Aber auch sie sind die unbeabsichtigte Nebenfolge eines bürokratischen Aktes.

 

Vom gesellschaftlichen Aufbruch zum Heldengedenken

Neben der Staatsfixierung trägt auch die Heroisierung zur Entkernung des Gedenkens an die Friedliche Revolution bei. Nicht mehr vom Lernen des aufrechten Gangs, sondern von Helden ist da die Rede.

Das Stadtmarketing von Leipzig beansprucht Heldentum mit dem Titel „Heldenstadt“ gleich für eine ganze sächsische Metropole. Ganz so, als wäre dies als politisches Vokabular nicht durch die staatlich geforderten „Helden“-Tode zweier Weltkriege und die Nationalhelden der letzten zwei Jahrhunderte vergiftet.

„Armes Land, das Helden braucht“, schrieb Bertolt Brecht. Brauchen wir sie? Gibt es einst Unangepasste, die sich selbst als Helden bezeichnen wollen? Ich kenne keine/n. Der Begriff des Helden (die Heldin klingt schon nicht mehr heroisch, sondern schon nach Romanfigur) macht unkenntlich, dass kaum jemand lebenslang mutig war und kaum einer lebenslänglich feige ist.

Mut wird erlernt und wie Schuld durch Handeln erworben. Beides kommt in unterschiedlichen Dosierungen wohl in allen Biografien vor. Das zu erwähnen ebnet nicht ein, dass Risiken ungleich verteilt waren und damit auch die Kraft, die es brauchte, um mutig zu sein.

 

1989 aufzumucken war weniger gefährlich als fünf Jahre zuvor. Die Bereitschaft, es zu tun, stieg mit dem Sinken des Risikos, ins Gefängnis zu wandern, ausgebürgert zu werden, geheimdienstlicher Zersetzung ausgesetzt zu werden, seinen Beruf zu verlieren oder gar nicht erst erlernen zu dürfen. Wer im September demonstrierte, konnte sich nicht sicher sein, ob die Staatsmacht schießen würde. Im November schien dies schon unwahrscheinlicher.

Und dennoch: Bemerkenswert an diesem anderen ostdeutschen Herbst ist das Verlernen von Furcht und die rasante individuelle und kollektive Emanzipation innerhalb von Wochen. Diese Emanzipation geschah auch bei jenen, die keine frühen Dissidenten waren.

Über das Probieren aufrechten Gehens gibt es Tausende kleine und größere Geschichten. Geschichten wie in Plauen, wo im Oktober die Feuerwehr den Befehl erhielt, Demonstrierende mit ihren Löschfahrzeugen zu zerstreuen. Wasserwerfer gab es in der DDR nicht, Kundgebungen waren zuvor immer vom Staat choreografiert worden.

Als sich Menschen die Versammlungsfreiheit nahmen, sollte die Feuerwehr ausbaden, was Polizei und Stasi nicht mehr vermochten. Die Feuerwehrleute führten die Anweisung zunächst aus. Sie distanzierten sich in den Tagen danach mittels einer gemeinsamen Resolution und schlossen aus, jemals wieder ihr Arbeitsgerät derart zu nutzen oder zu Derartigem gebrauchen zu lassen.

NVA-Soldaten stellten das Exerzieren ein und bildeten Soldatenräte. Einige Tage nachdem die Künstler*innen auf dem Alexanderplatz Worte gefunden hatten, demonstrierte – auch das vorher undenkbar — ein Teil der SED-Basis, rund 15.000 Mitglieder, am 8. November vor dem Haus des Zentralkomitees gegen „ihre“ Parteiführung. Nach den wenigen frühen Revolutionär/innen geriet im Herbst eine ganze Gesellschaft in Bewegung. Auch dort, wo man es nicht erwartet hätte.

 

Rückkehr der Angst

Die heutigen extremen Rechten, von AfD bis Pegida, beziehen sich mit ihren Parolen wie „Vollende die Wende“ nur scheinbar auf diesen Aufbruch von 1989. Sie ziehen ihre Kraft aus dem Ende des Aufbruchs und aus dem reaktionären Populismus in der Nachwendekrise. Neben den überall aufbrechenden Diskussionen über die Zukunft, die mich als Jugendliche elektrisierten, begann hier, Anfang der 90er, schon die Rückkehr der Angst und das Aufkommen eines neuen Chauvinismus.

Deutsche seien „Betrogene im eigenen Land“, „Leistung muss sich wieder lohnen“, „Wohlstand für alle (Deutschen)“ lauteten damals die ziemlich vertraut klingenden Parolen der „Allianz für Deutschland“. Diese Allianz aus ehemaliger Block-CDU, Deutscher Sozialer Union und Demokratischer Alternative gewann die ersten freien Wahlen in der DDR haushoch.

Währenddessen kam bereits der bis heute in seiner Dimension kaum begriffene gewaltige Deindustrialisierungsschock an. Er kennzeichnet eine soziale Katastrophe, wie es sie in Friedenszeiten zuvor nicht gegeben hat. Innerhalb von Monaten entstand ein Millionenheer an Arbeitslosen.

Die DDR-Bürgerinnen und -Bürger verloren ein Drittel ihres ohnehin geringen Finanzvermögens. Eine ganze Generation, 98 Prozent der über 55-Jährigen, wurde in den sogenannten Vorruhestand geschickt — aufs Abstellgleis, aber praktischerweise nicht in der Arbeitslosenstatistik auftauchend. Auf Selbstermächtigung folgten Entmächtigungserfahrungen und Ohnmacht, die mit Chauvinismus und Paternalismus notdürftig sediert wurden. Auf Straßenprotest folgte rechter Straßenterror, der von neuen Eliten weggeredet oder befeuert wurde.

Am Anfang des Jahrzehnts schafften die Parteien in Bonn das Asylrecht faktisch ab. Am Ende des Jahrzehnts, als der NSU in den Untergrund ging, meinte CDU-Ministerpräsident Biedenkopf noch immer, „seine Sachsen“ seien immun gegen Rechtsextremismus. Ein Gedenken an den Aufbruch von 1989 heute sollte sich von Heldengedenken und von der Staatsfixierung lösen. Es kann nicht als Erbstreit geführt werden, auch wenn die Erbschleicherei der AfD zurückgewiesen gehört.

Angemessen wäre es, die Fragen von damals heute wieder mit der gleichen Leidenschaft zu diskutieren: Fragen der Emanzipation, Fragen nach Grund- und Freiheitsrechten. Fragen danach, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse sein müssen, damit das Streben nach Selbstbestimmung und das Bedürfnis nach Gemeinschaftlichkeit nicht im Widerspruch stehen.

Also nehmen wir das Gedenken an 30 Jahre Friedliche Revolution auch zum Anlass, um dem Unabgegoltenen der Hoffnungen damals nachzuspüren. Dazu gehört auch die Ermutigung zu kritischem Denken und zu aufrechtem Gehen.

 

Erstveröffentlichung in DIE WELT, 01.11.2019

 

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