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DISPUT

Wo ist unser Geld?

Unser Geld ist nicht weg, es ist nur bei den Reichen. Das spricht sich langsam rum.

Von Jan Schlemermeyer

Susanne Klatten und ihr Bruder Stefan Quandt haben es nicht leicht. Sie haben fast die Hälfte des BMW-Konzerns geerbt und sind Multimilliardäre. Sie gehören zu den zwei Prozent der Bevölkerung, die ein Drittel des vererbten Vermögens bekommen. Allein für das Jahr 2017 bekamen sie zusammen über
1 Milliarde Euro für ihre Aktien überwiesen. Im Manager Magazin erklärten sie, dass sie so hart arbeiten würden, dass bestimmt niemand mit ihnen tauschen möchte. Die Reaktion vieler Menschen? Hohn und Spott! Auch für Verena Bahlsen, Erbin des gleichnamigen Keks-Imperiums, gab es wenig Verständnis, als sie sich öffentlich dazu bekannte, »Kapitalistin« zu sein und mit »ihrem« Verdienst gern Segeljachten zu kaufen. Auch sie war über die Reaktionen verwundert. Die Superreichen bilden hierzulande eine echte Parallelgesellschaft. Ein Gutes haben die Unverschämtheiten von Bahlsen, Quandt und Co: Es wird darüber gesprochen, wie Reichtum und Armut in unserer Gesellschaft verteilt sind.

45 = 20.000.000

Der Blick auf die Zahlen zeigt: Die Ungleichheit von Eigentum und Einkommen ist in Deutschland extrem. Die 45 reichsten Haushalte besitzen so viel wie rund 20 Millionen Haushalte, also die ganze ärmere Hälfte der Bevölkerung (Quelle: DIW). Das reichste Prozent hat so viel Vermögen wie die ärmeren 87 Prozent der Bevölkerung (Quelle: Oxfam). Deutschland zählt zu den Industrienationen mit der krassesten Vermögensungleichheit. In der EU stehen nur Estland und Tschechien bei der sozialen Ungleichheit schlechter da. Rechnet man mit Geldvermögen und Immobilienbesitz, dann besitzt das reichste Fünftel der Bevölkerung über 74 Prozent, das untere Fünftel weniger als nichts: nämlich Schulden. Es stimmt also nicht, dass nicht genug Geld da sei – es ist nur ungerecht verteilt. Der französische Ökonom Thomas Piketty zeigte, dass die Ungleichheit wieder in den Zeiten von Kaiser Wilhelm angekommen ist: 10 Prozent Bestverdiener bekommen 40 Prozent des Gesamteinkommens, die untere Hälfte der Bevölkerung bekommt dagegen nur 17 Prozent – das ist das gleiche Gefälle wie im Jahr 1913.

Reichtum und Armut in Deutschland nehmen zu. Niemand kann mit seiner eigenen Arbeit Milliarden »verdienen«. Die Beschäftigten erarbeiten den Reichtum. Oft in prekären Arbeitsverhältnissen mit Niedriglöhnen – egal ob bei Amazon oder BMW. Und die Superreichen suchen nach profitablen Anlagemöglichkeiten – nach dem Finanzcrash vor
10 Jahren­ sind Immobilien sicher. Sie treiben die Mieten hoch. Die Mieterinnen und Mieter müssen immer größere Teile ihres Einkommens für Miete aufwenden, viele müssen sich verschulden. Im Osten hat jeder dritte Schuldner Mietschulden. Über diese Enteignung wird wenig gesprochen.

Kräftig geöffnet hat sich die Arm-Reich-Schere mit der Agenda 2010 unter der rot-grünen Bundesregierung: Steuersenkungen für die Reichen und für Kapitalgewinne und die Einführung des »besten« (Kanzler Schröder) Niedriglohnsektors, Rentenkürzung, Hartz IV. Mehr Spekulation, weniger Steuern, und weil nach der Bankenrettung schnell die Schuldenbremse ins Grundgesetz geschrieben wurde (mit den Stimmen der SPD), sind die öffentlichen Kassen geleert. Dem privaten Reichtum steht öffentliche Armut gegenüber: marode Schulen, schlechte Pflege und bröselnde Brücken. In der Parallelwelt der Reichen gibt es Privatschulen, Putzservice und Hauspflegerinnen. Wer sich das nicht leisten kann, zahlt den Preis: mit schlechteren Chancen in der Bildung ohne private Nachhilfe; mit verdreckten Klos in der Schule, auf die die Kinder nicht gehen, statt in der gut ausgestatteten Privatschule; mit einem oder zwei Nebenjobs an der Uni, statt in der Eigentumswohnung; mit schlechter Luft in schlechter Wohnlage vom CO2-Ausstoß der Reichen; mit langen Wartezeiten beim Arzt, mit kürzerem Leben: arme Männer sterben im Durchschnitt fast neun Jahre früher.

Was tun: Mit den Reichen anlegen!

Was politisch passieren müsste, ist klar: Mindestlohn und Rente rauf, Steuern für hohe Vermögen und Erbschaften rauf, Investitionen ins Öffentliche, in bezahlbaren Wohnraum und soziale Infrastruktur rauf, Arbeitszeiten runter, Löhne rauf, Mieten runter, Schluss mit den Sanktionen. Die Würde des Menschen in der Arbeit, im Sozialstaat, in der Art, wie und was wir produzieren, muss Maß der Dinge werden.

Warum sich das so langsam durchsetzt? Die Quandts gehören nicht nur zu den mit Abstand reichsten Deutschen, sondern auch zu den größten Parteispendern. Und zu den reichsten Deutschen gehören auch die Besitzer wichtiger Zeitungen und Fernsehsender: Burda, Springer, Mohn/Bertelsmann. Während sich die Reichen mit Lobbyisten Einfluss auf die Politik kaufen, wenden sich viele Menschen von der Demokratie ab. Sie haben das Gefühl, dass die Gesellschaft nichts mehr zusammenhält und dass sie zurückgelassen wurden. Was tun? Nicht nach unten treten, sondern sich mit Reichen und Konzernen anlegen! Wut ist gut, wenn sie nach oben geht. Wenn sie Widerstand wird, nicht blindes Umsichschlagen. Das kann man lernen, das können wir organisieren.