DISPUT

»Wir sprechen für uns selbst«

Pazhareh Heidari und Belma Bekos sprechen im Interview über das neu gegründete

Netzwerk Links*kanax

 

Wieso nennt Ihr euch »Links*kanax«? Ist Kanake nicht ein rassistisches Schimpfwort?

Pazhareh: Wir stehen in der Tradition migrantischer Kämpfe, die es seit 1960 in Deutschland gibt. Damals wurde, das als Schimpfwort genutzte Wort »Kanake«, von migrantischen Aktivist*innen und Künstler*innen, wie zum Beispiel von Cem Karaca mit seiner Band »Die Kanaken« 1984 selbst angeeignet und gegen Marginalisierung, Ausschluss und Rassismus wie ein ironischer und treffsicherer Boomerang eingesetzt. Aber auch im Alltag ist der Begriff für Migrant*innen eine empowernde Selbstbezeichnung. Die migrantischen Kämpfe waren auch immer Arbeitskämpfe und letztendlich auch Klassenkampf.

Belma: Die Songs von »Die Kanaken« handelten immer von Rassismus in Deutschland, verbunden mit schlechten Arbeitsbedingungen. Diese Punkte haben sich auch heute nicht geändert und die migrantischen Kämpfe in Deutschland gehen auch kontinuierlich weiter.

Pazhareh: In den 1990er- und den 2000er Jahren mit »The Voice«, »Karawane«, »Köxsüs, »Kanak Attak« oder den Protesten der Geflüchteten seit 2012. Wir verstehen uns in der Tradition all dieser Kämpfe. Wir hätten uns auch »Netzwerk der Migrant*innen« oder so ähnlich nennen können, wollten uns aber als bewegungsorientierte Linke den aktuellen Kämpfen und ihren Diskursen entsprechend definieren und nicht nach Definition des Innenministeriums, Migrant oder Einwanderer. Unser Name wird Themenfremde wahrscheinlich erstmal provozieren. Kein Wunder, weil unser Name nun mal auch für eine neue politische Kultur innerhalb der Linken steht, und zwar für eine kanakisch-solidarische Politik- und Bewegungskultur. Unser Sound wird allen gut tun, aus dem grauen Korsett der Regression zu kommen: »Welcome to Kanakistan!«

Wie hat alles angefangen?

Pazhareh: Wir haben schon Ende letzten Jahres angefangen, uns mit einigen anderen Kanax in der Partei zu vernetzen. Im Juni 2019 hatten wir das erste große Treffen, und haben unser Manifest beschlossen. Es ist auch interessant, dass sich danach sogar viele Kanax aus Landesverbänden im Osten gemeldet haben, wo wir keine vermutet hätten! Die vielleicht vereinsamt da sitzen und sich jetzt freuen, dass es ein Netzwerk gibt, das sie anspricht.

Belma: Gerade für Leute, die da irgendwo in der Pampa sitzen, ob gewollt oder ungewollt, mit Residenzpflicht oder ohne, ist es eine wichtige Sache, dass wir uns gegenseitig solidarisch beistehen.

Welche Themen bewegen euch am meisten? Worüber diskutiert ihr?

Belma: Der Rechtsruck ist ein wichtiges Thema. Außerdem wollen darüber reden, wie wir eine postmigrantische Gesellschaft organisieren, in der es keinen Rassismus und keine Diskriminierung gibt. Empowerment von Menschen, die davon betroffen sind. Sich selbst zu organisieren und sich auch innerhalb der LINKEN zu engagieren für eine alternative Gesellschaft, die eine sozialistische ist. Für den Anteil der Migrant*innen, die es hier in diesem Land gibt, sind immer noch viel zu wenige, auch in der LINKEN, aktiv. Für uns ist das die wichtigste Herausforderung,­
viele neue junge Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund anzusprechen und für die Partei zu gewinnen.

Pazhareh: Was wir auf gar keinen Fall wollen: Die Frage »Migration Ja oder Nein«. Diese unmöglichen Debatten, die die Partei die letzten Jahre geprägt haben, wollen wir gar nicht mehr führen. Unser Parteiprogramm ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Der Antifaschismus, Antirassismus, der Kampf gegen Antisemitismus, Antiziganismus und antimuslimischen Rassismus sind Themen, die uns bewegen. Aber selbstverständlich auch Klassenkämpfe. Der Kapitalismus und Rassismus haben ein dialektisches Verhältnis. Sie können nicht getrennt voneinander bekämpft werden. Deswegen sind alle Kämpfe für bessere Arbeitsbedingungen und Löhne, bezahlbaren Wohnraum und so weiter alles Kämpfe, die die migrantische Bevölkerung sogar am meisten betreffen. Wir sehen es als unsere Aufgabe, diese Kämpfe zu verbinden und zu unterstützen.

Wie kann das klappen, mehr migrantische Menschen zu begeistern?

Pazhareh: Wenn sie einen Ort finden, wo sie auf andere mit ähnlichen Diskriminierungserfahrungen in der Gesellschaft und der politischen Arbeit treffen, sehen sie es als eine Art »safe space«, in dem sie sich trauen, aktiv zu werden. Das bieten wir natürlich an. Und durch die Verbindung zwischen Rassismus und anderen gesellschaftlichen Themen, die wir herstellen.

Belma: Manche von uns sind in der Mietenkampagne aktiv, beim NSU-Tribunal oder bei »Aufstehen gegen Rassismus«. Andere sind in der akademischen Welt zu Hause, was auch wichtig ist. Und es gibt auch diejenigen, die von Neonazis terrorisiert werden. Das sind sehr verschiedene Kreise, verschiedene Menschen und wir versuchen, die Themen zu verbinden, weil es eben zusammen gehört.

Welche Forderungen habt ihr an die Partei?

Pazhareh: Gezielt mit Themen mobilisieren, die Migrant*innen betreffen und die Sprachbarriere sollte auf jeden Fall abgebaut werden! Oft fühlen sich Menschen, die nicht gut Deutsch sprechen, ausgeschlossen, zum Beispiel auf Sitzungen. Das könnten wir ändern, durch Übersetzungen, oder Empowerment, dass sie sich auch trauen und ernst genommen werden. In dem 44-köpfigen Parteivorstand sind gerade mal zwei Genoss*innen mit Flucht- und Migrationsgeschichte, das ist zu wenig. Das sind Dinge, die wir fordern und uns wünschen, dass sich das ändert in der Partei.

Belma: Auch auf kommunaler Ebene sollten mehr Kandidat*innen mit migrantischem Hintergrund aufgestellt werden. Das ist auch wichtig, um mehr Migrant*innen für die Partei zu begeistern.

Pazhareh: Wir sind auch gegen jede Abschiebung. Wir haben Regierungen mit linker Beteiligung und da gibt es Handlungsspielräume, die ausgeschöpft werden können. Weil Abschiebung mit linker Politik nicht zu vereinbaren ist.

Belma: Ganz oft gibt es auch Veranstaltungen, auch von der Partei, über Migration oder Rassismus und wenn wir aufs Programm schauen, sind es meistens Weiße, die dort über uns sprechen. Als Problem. Oder Opfer, die von einem Problem – zum Beispiel Rassismus – betroffen sind. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen – wenn Menschen ohne Migrationsgeschichte über Migration und Migrant*innen sprechen, kommt man sich vor, als ob man ein Objekt wäre. Und auch, dass Migrant*innen alle eine Masse wären. Wir sind sehr verschieden, wir haben viele Backgrounds. Das ist wenig einladend für Migrant*innen. Wir wollen selbst für uns selbst sprechen.

Ändert sich da langsam was?

Belma: Wir haben sehr viele positive Rückmeldungen. Wenn der Studierendenverband der Partei uns zum Beispiel anspricht und fragt: Wie können wir migrantischer werden? Das kommt langsam, ist aber auch dringend notwendig.

Pazhareh: Immerhin: wir haben jetzt eine Muslimin als Fraktionsvorsitzende. Das ist schon ein Hammer-Fortschritt! Zu Zeiten, wo die AfD so stark ist, wo die ganze Gesellschaft nach rechts gerückt ist und krasser antimuslimischer Rassismus herrscht, ist das auf jeden Fall ein positives Zeichen. Wir hoffen, dass sie auch unsere Themen aufgreift. Weil sie als Muslimin auch selbst von Rassismus betroffen ist. Und sich dazu auch öffentlich positioniert und äußert. Wir hoffen, dass sie auch hinter unserem Parteiprogramm steht: für Bleiberecht, für offene Grenzen und gegen Rassismus.

Wie geht es weiter?

Belma: Am 14. März 2020 findet unsere Konferenz in Berlin statt und am 15. März 2020 haben ein Aktiventreffen, wo wir unsere nächsten Schritte besprechen wollen.

Pazhareh: Alle Kanax in und außerhalb der Partei sind herzlich Willkommen, da mitzumachen!

Interview: Nina Rink