DISPUT

Wir sind die Roboter

von Sabine Nuss

Du wirst Deinen Job an einen Roboter verlieren – und zwar schneller als Du denkst«, warnte ein Blogger jüngst in einem Beitrag über Robotik und Künstliche Intelligenz. Roboter könnten nicht nur 40, sondern 168 Stunden die Woche arbeiten, »kein Kapitalist mit klarem Verstand würde weiterhin Menschen beschäftigen«. Die Vorstellung, dass lebendige Arbeit überflüssig wird, ist nicht neu. Schon vor 100 Jahren hieß es in einer Metallarbeiterzeitung, dass »Maschinenmenschen« bald zum industriellen Einsatz kommen könnten, Massenarbeitslosigkeit dauerhaftes Phänomen werden würde. Nichts davon ist eingetreten. Und es ist auch für die nahe Zukunft nicht zu erwarten. Der Historiker Kim Moody kritisiert an solchen Vorstellungen, dass sie regelmäßig den gesellschaftlichen Kontext ausblenden. Abgesehen davon, dass Roboter in ihren Einsatzmöglichkeiten überschätzt werden und auch nicht jeder Roboter gleich Arbeitskraft ersetzt, ist es vor allem der politökonomische Rahmen, an dem sich Unternehmen bei ihren Investitionsentscheidungen orientieren. Roboter sollen nicht die Arbeit erleichtern, sondern sie sollen eine maximale Verwertung des eingesetzten Kapitals ermöglichen. Ob in Technologien investiert wird, hängt daher ab von der zu erwartenden Nachfrage, vom vorhandenen Kapital, davon, ob Kapital in anderen Sphären, etwa auf den Finanzmärkten, nicht rentabler angelegt werden kann. Vor allem aber davon, ob die Steigerung der Produktivität mit menschlicher Arbeitskraft nicht billiger zu haben ist. So wird in manchen Niedriglohnbranchen eher in Technologien investiert, die die billige menschliche Arbeitskraft überwachen und intensivieren, um die Produktivität zu steigern. Ein Hauptgrund für den schleppenden Einsatz von Robotern sieht Moody in der wirtschaftlichen Entwicklung, die von wiederkehrenden Krisen gekennzeichnet ist. Letztere waren ihm zufolge auch der wichtigere Grund für den Verlust von Arbeitsplätzen in den USA, nicht der Einsatz von Robotern. Eine Roboterrevolution ist nicht zu erwarten. Zumindest nicht unter diesen Bedingungen. 

 

Zum Weiterlesen:

Florian Butollo / Sabine Nuss: Marx und die Roboter. Vernetzte Produktion, Künstliche Intelligenz und lebendige Arbeit, Karl Dietz Verlag Berlin 2019