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DISPUT

»Wir müssen uns nur trauen«

Alexandra Wischnewski über die Vorbereitungen und die Resonanz auf den

geplanten Frauenstreik am 8. März

Du bist aktiv bei den Vorbereitungen zum 8. März. Wie plant ihr einen bundesweiten Frauenstreik?

 

Der Frauenstreik ist dezentral angelegt. Es gibt einen gemeinsamen Aufruf, der auf dem ersten bundesweiten Frauenstreik-Treffen entschieden wurde. Interessierte können sich entweder einer schon bestehenden Ortsgruppe anschließen, selbst eine gründen oder ganz individuell bei dem Streik mitmachen. Wir sagen allen, die uns fragen, wie sie für den Frauenstreik mobilisieren können: Der erste Schritt ist, sprich mit deiner Umgebung, sprich mit anderen Frauen um dich herum und frage sie, was sie davon halten, warum sie gerne streiken würden oder eben nicht. Tausch dich aus. Dazu braucht es meist aber erstmal einen persönlichen Kontakt. Auf der Webseite haben wir eine Liste von Ortsgruppen, aber auch wenn keine nahestehende Ortsgruppe aufgeführt wird, dann bitte gerne bei uns melden, denn wir versuchen Interessierte zusammen zu bringen. Oder einfach selbst eine Ortsgruppe gründen. Gerade in kleineren Städten wäre das toll. Ich glaube auch, dass gerade DIE LINKE eine sehr, sehr gute Infrastruktur dafür bietet, um über den Frauenstreik zu informieren und sich zu organisieren und zusammenzuschließen.

Wie soll der Streik aussehen?

Der 8. März soll allen Frauen die Möglichkeit geben, ihre eigenen Streikformen zu finden, die zu ihrer Realität passen. Wir wollen zwar, dass Streik am Arbeitsplatz stattfindet, befinden uns dabei aber in einer schwierigen Situation, da es ja ein politischer Streik ist. Darum schlagen wir auch andere Formen des Streiks vor. In Betrieben können zum Beispiel Betriebsversammlungen an dem Tag einberufen werden, in denen über das Recht auf gleiche Entlohnung gesprochen wird. Oder es kann symbolische Mittagspausen geben. Es gibt auch die Idee einer symbolischen Urabstimmung, ob man denn gern streiken würde. Wir wollen aber auch Frauen mobilisieren, die unbezahlte Haus- und Pflegearbeit leisten. Das ist natürlich schwieriger, weil Kinder oder zu pflegende Angehörige nicht so zur Seite gelegt werden können wie ein Stift oder ein Aktenordner. Deshalb haben wir uns hier kreative Formen überlegt, sei es Tücher aus dem Fenster zu hängen oder die Nachbarinnen zu einer kleinen Versammlung einzuberufen. Wir haben auch einen Lohnzettel für Hausfrauen erstellt, der ausgefüllt zum Beispiel über Social-Media-Kanäle verbreitet werden kann. Und wir rufen wie jedes Jahr zur Frauenkampftagsdemo auf.

Du hast erwähnt, dass der Frauenstreik ein politischer Streik ist. Wie unterscheidet sich denn ein politischer Streik von herkömmlichen Streiks?

Die Streiks in Deutschland sind sehr eng gefasst. Das heißt, man darf im Betrieb streiken, wenn die Friedenspflicht ausgelaufen ist, wenn Tarifverhandlungen anstehen und wenn die Gewerkschaft dazu aufruft. Das bezieht sich aber immer nur auf einen Arbeitgeber aus einem Betrieb. Für Frauen stellt sich die Frage aber anders, weil viele Forderungen nicht an einen Betrieb gebunden sind. Da die Entgeldlücke im direkten Vergleich bei Frauen bei fünf bis sechs Prozent liegt, könnte dies bei dem Arbeitgeber bestreikt werden. Die gesellschaftliche Entgeltlücke von 22 Prozent kommt allerdings dadurch zustande, dass ganze Bereiche, in denen überwiegend Frauen arbeiten, abgewertet sind. Das trifft nicht nur einen Arbeitgeber und muss daher politisch beantwortet werden. Trotzdem betrifft es das Thema Arbeit. Auch deshalb rufen wir zum Streik auf, um das Thema politischer Streik in Deutschland auf die Agenda zu setzen.

Der Frauenstreik war ja besonders erfolgreich in anderen Ländern wie in Spanien, Polen und Argentinien. In Deutschland ist die Protestkultur nicht so ausgeprägt. Oder wie erlebst du das bei den Vorbereitungen?

Also ich finde es immer wieder total erstaunlich, dass niemand weiß, dass politische Streiks in Spanien auch verboten sind. Es wird zwar immer gesagt: Naja, die haben ja auch andere Bedingungen. Das stimmt aber nicht. Da hält sich nur einfach niemand dran. Wir könnten das in Deutschland genauso machen. Wir müssen uns nur trauen. Allerdings muss man schon sagen, dass wir hier nicht die gleichen Streikerfahrungen haben, egal ob politisch oder betrieblich, und auch keine gleich starke Frauenbewegung. Ich finde, da lernen wir tatsächlich sehr viel von anderen Ländern. Als wir zum Beispiel letztes Jahr die Bilder des Frauenstreiks in Spanien gesehen haben, hat uns das motiviert, zum ersten offenen Treffen einzuladen. Dabei hatten wir sagenhaft viele Rückmeldungen vom ersten Moment an.

Dann gibt es viele Frauen, die sagen: »Uns geht es doch eigentlich super, wir haben doch Gleichberechtigung«. Wie würdest Du diese Frauen mobilisieren?

An dem Punkt arbeite ich mich gerade nicht ab. Es gibt so viele Frauen, die ganz genau wissen, dass es so nicht weitergehen kann, auch da viele selbst mindestens einmal in ihrem Leben an bestimmte Grenzen gekommen sind, die ihnen durch ihr Geschlecht gesetzt wurden. Die wenigen Frauen, die das nicht erlebt haben, um die kümmere ich mich gerade nicht.

Das Thema Arbeit ist zentral im Kampf um Geschlechtergerechtigkeit. Es gibt aber auch andere Themen, für die Frauen auf die Straße gehen und die sich auch im Aufruf wiederfinden. Was sind die anderen großen Themen, die beim Frauenstreik eine große Rolle spielen?

Wir wollen Frauen dazu anregen, ihren persönlichen Streik deutlich zu machen. Deshalb werden jene Themen aufgegriffen, die einzelne Frauen oder Gruppen einbringen. Da sind z.B. Gewalt gegen Frauen und sexuelle Belästigung als riesige Themenkomplexe. Diese sind aber auch oft mit der ökonomischen Situation von Frauen verknüpft. Das heißt, die einzelnen Themen sind oft eng miteinander verwoben und müssen auch so debattiert werden. Ich habe wirklich das Gefühl, dass wir gerade am Anfang der dritten Welle der Frauenbewegung sind. Aber wir sind auch realistisch. Es ist ein Prozess. Wir werden 2019 viel machen. Wir können und wir werden laut und groß werden. Das ist der Anfang einer Bewegung.

 


Alexandra Wisnewski ist Referentin für feministische Politik der Linksfraktion im Bundestag und Mitbegründerin des Bündnisses Frauenstreik. Mit ihr sprachen Bianca Theis und Katharina Kichhoff