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DISPUT

Wir fühlten uns so stark

Erinnerungen an den 4. November 1989

von Simone Barrientos

Mit dem Gedächtnis ist das so eine Sache. Wie schnell wird aus Fantasie Erinnerung und aus Erinnerung Fantasie? Ich bin ganz sicher, dass ich ihn am 4. November 1989 gesehen habe, den Engel der Geschichte, von dem uns Walter Benjamin erzählt. An jenem Tag war er auf dem Alexanderplatz.

Kann man sich heute noch vorstellen, wie aufgeregt wir waren? Eine angemeldete Demo in der DDR! Organisiert von Menschen aus Kunst und Kultur, von Menschen, die genug hatten und mehr wollten. Mehr Freiheit und mehr Sozialismus. Mehr Diskussionen, auch über das Wohin. Wir haben uns so stark gefühlt. Den Aufbruch wagen wollten wir, endlich. Dieser Herbst ’89 sollte unser ’68 werden.

Mein Sohn war damals acht Jahre alt. Ich erinnere mich, dass er mich an einem Tag im Oktober fragte, warum ich mit Staatsfeinden und Verbrechern befreundet bin. Die Lehrerin hatte ihm erzählt, dass Staatsfeinde und Verbrecher im Moment versuchen, unsere DDR kaputt zu machen. Er wusste, dass auch ich zu den Menschen auf den Straßen gehörte.

Und dann war da die Nachbarin im Haus, die mich immer schon auf dem Kieker hatte. Sie murmelte uns irgendwas Böses hinterher, als ich mit meinem Freund, einem chilenischen Pressefotografen aus Westberlin, nach Hause kam.

Durch ihn bekam ich die Möglichkeit, auch hinter die Kulissen zu schauen. Ich begleitete ihn oft, trug dann Stativ und Kameratasche, er zückte den Presseausweis und wir gingen spanisch sprechend gemeinsam durch Absperrungen. Spannend war das. Ich war 26 Jahre alt, ich liebte die DDR und ich hatte die Nase voll von ihr. So ging es vielen von denen, die am 4. November dem Aufruf »Keine Gewalt« folgten.

40 Jahre lang hatten Künstlerinnen und Künstler oft hart am Wind gesegelt. Der Subtext spielte eine tragende Rolle, das Ausloten von Grenzen gehörte zum täglich Brot des Kulturbetriebes.

 

Im Aufbruch

Nicht alle hielten durch. Manche richteten sich ein, andere verließen das Land oder wurden dazu genötigt. Und dann gab es die, die versuchten, die Grenzen zu weiten, Kunst und Kultur als Transportmittel für Kritik, aber auch für Visionen zu nutzen. Dazu gehörte Mut. Denn der Preis war schwer zu schätzen. Zu unberechenbar agierte der Staat. Was heute noch in Ordnung ging, konnte schon morgen ein Auftrittsverbot einbringen oder Schlimmeres.

Dass 500.000 Menschen dem Aufruf zur Protestdemo am 4. November folgen würden, hat wohl niemand für möglich gehalten. Die Stimmung war unbeschreiblich, die Hoffnung auf progressive Veränderungen greifbar. Auf der Kundgebung am Alexanderplatz ergriffen viele Prominente das Wort. Nicht alle wurden wohlwollend begrüßt. In den Reden ging es um die »Mühsal des aufrechten Gangs« (Christa Wolf), um einen »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« (Steffie Spira) und um den Willen, die radikale Erneuerung der DDR-Gesellschaft nicht eher ruhen zu lassen, als bis »Sozialismus und Demokratie« zusammengehen (Lothar Bisky). Wenngleich die Beifallsbekundungen sehr unterschiedlich ausfielen, waren diese Reden wie ein Konzentrat jenes vielfältigen und bunten Forderungskataloges, der von Hunderttausenden mit originellen Losungen durch die Straßen der Hauptstadt getragen wurde. 

Drei Tage später trat die Regierung der DDR zurück und am 9. November öffnete sich die Mauer. So mag man mir erlauben, dass ich als Künstlerin und Kulturpolitikerin behaupte, dass diese Demo den entscheidenden Stein aus dem bröckelnden Fundament löste.

Für einen Aufbruch aber, für eine neue DDR mit einem wahren Sozialismus war es lange schon zu spät. Wie gesagt: Der Engel der Geschichte, an diesem 4. November 1989 weilte er auf dem Alexanderplatz. Er wollte helfen, heilen, trösten. Walter Benjamin schreibt über ihn: »Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.«  

Simone Barrientos ist kulturpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE im Bundestag