DISPUT

Wenn DIE LINKE klingelt

Was passiert, wenn DIE LINKE bei wildfremden Menschen vor der Haustür steht?

Barbara Herzig-Martens und Sören Weber sprechen im Interview über ihre Erfahrungen

Das gute Ergebnis in Thüringen ist auch einem engagierten Wahlkampf vieler Genoss*innen vor Ort zu verdanken. Besonders wirksam: der direkte Kontakt. An der Haustür zu klingeln hat sich als effektive Möglichkeit erwiesen, mit den Bürger*innen ins Gespräch zu kommen, mehr über ihre konkrete Lebenssituation zu erfahren und nicht zuletzt davon zu überzeugen, ihr Kreuz bei der LINKEN zu machen. Aus fünf Bundesländern haben sich am 4. Oktober 2019 22 Genoss*innen nach Erfurt aufgemacht, um zwei Tage lang die Thüringer LINKE zu unterstützen. Gemeinsam haben sie im Wahlkreis von Susanne Hennig-Wellsow an knapp 1.200 Haustüren geklingelt und über 500 Gespräche mit interessierten Anwohner*innen geführt. Zum Vergleich: 2014 haben in diesem Wahlkreis 226 Stimmen den Unterschied zwischen Gewinnen und Verlieren ausgemacht. Barbara aus Berlin und Sören aus Baden-Württemberg waren dabei und haben erlebt, dass Solidarität und Hoffnung ansteckend wirken: Auf Genoss*innen und Nachbar*innen gleichermaßen.

 

Was hat euch motiviert, mitzumachen?

Barbara: Besonders die Ergebnisse in Sachsen und Brandenburg, die mich sehr erschreckt haben. Ich hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen.

Sören: Für mich hat das auch gezeigt: Wir müssen da aktiver werden!

Barbara: Ja, und ich bin absolut begeistert von diesem Format. Es ist sehr fordernd, aber es macht auch sehr viel Spaß. Und ehrlich gesagt, dieser unmittelbare Kontakt zu den Wähler*innen ist nicht so häufig.

 

Was war für euch das Besondere, bei den Leuten Zuhause zu klingeln?

Barbara: Dieser Moment, wenn die Tür aufgeht und man versucht, den Kontakt herzustellen. Sich jedes Mal wieder neu einzulassen auf die Menschen. Manche sind schwerhörig, andere misstrauisch, andere hingegen total offen. Das ist total irre. Aber es ist auch wirklich aufregend!

Sören: Am Anfang dachte ich, das ist ein Witz – dass wir da klingeln und mit den Leuten reden. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das funktioniert. Und schon nach dem zweiten Gespräch hab ich gemerkt: Die Leute feiern das richtig, dass wir von der Partei DIE LINKE sind! Das ist ganz anders als bei uns.

Barbara: An den Haustüren trifft man auf das »normale Leben«. Ich sehe viele Menschen positiver, sehe, dass sie ein politisches Bewusstsein haben, interessiert sind und sich für Gerechtigkeit engagieren wollen. Da hat sich bei mir im Kopf auch was geändert.

 

Wie ging es los?

Barbara: Jedes Paar hat einen Plan gekriegt, in welche Blocks wir gehen sollten. Wir hatten rote Taschen und Auswertungsbögen dabei.

Sören: Bereits in dem Moment, in dem wir losgelaufen sind, hatte ich das Gefühl, das bringt was: Die Leute haben uns wahrgenommen, begrüßt und gemerkt, hier ist was los! Wir wurden fast gefeiert, dass wir da sind.

 

Was waren die Themen, die die Menschen am Berliner Platz bewegt haben?

Barbara: Da wohnen viele ältere Menschen, aber auch alleinerziehende Mütter. Eine hat zum Beispiel erzählt, wie schwierig die Situation gerade ist: Dass sie keinen Kindergartenplatz kriegt und viel Unterricht ausfällt. Das machte deutlich, wie schwierig die soziale Lage dort ist. Dieses Plattenbauviertel ist wirklich sozialer Brennpunkt, wenn man das so sagen kann. Eine Frau erzählte von ihrer Schwiegermutter, die auch in einer »KoWo«-Wohnung wohnt und große Angst hat, ihre Miete nicht mehr bezahlen zu können. Gleichzeitig haben wir Unterschriften für das Bürgerbegehren gesammelt: »KoWo bleibt!«, gegen die geplante Veräußerung der Kommunalen Wohnungsgesellschaft an die Stadtwerke.

 

Was ist bei den Bürger*innen besonders gut angekommen?

Sören: Die Unterschriften zu sammeln war super , weil man bei Mieter*innen klingelt, die direkt betroffen sind – das hat sofort eine Brücke geschaffen und gezeigt: Es geht nicht nur um Parteiinteressen und darum Wähler*innen zu gewinnen, sondern wir setzen uns für alle Bürger*innen ein. Was den Menschen an der Haustür denke ich besonders gefallen hat, ist, dass sie sich direkt beteiligen konnten.

Barbara: Wir haben dann das Wahlkampfprogramm verteilt und hatten auch noch gezielte Einladungen an die Leute: Ein paar Tage später ein Spaziergang mit der Landtagsabgeordneten, um die Zukunft des Viertels zu besprechen und ein Brunch mit der Sozialministerin. Diese Angebote kamen wirklich sehr gut an! Gerade bei Leuten, die nicht sofort unterschreiben sondern sich erst weitere Informationen einholen wollten.

Sören: DIE LINKE hat damit geworben: Vor Ort zu sein, auch nach der Wahl. Und das haben wir bewiesen! Wir waren an jeder Haustür und die Menschen konnten mit uns reden. Und das war für die Menschen wichtig, denke ich.

 

Das heißt, die Reaktionen waren positiv?

Barbara: Man hat gemerkt, wenn dieser persönliche Bezug da ist, dann haben die Menschen auch Vertrauen in DIE LINKE und sind interessiert.

Sören: Die haben gelächelt, sich bedankt, die Flyer genommen und auch Nachfragen gestellt. Das zeigt, sobald man auf die Menschen zugeht und ihnen zuhört und Zeit gibt, dass sie darauf einsteigen.

 

Wie wurdet ihr wahrgenommen?

Barbara: Bei den Haustürgesprächen
ist es ein unmittelbarer Kontakt, auf Augenhöhe. Wir sind Basis-Mitglieder und haben die Weisheit auch nicht mit Löffeln gefressen. Das wirkt sympathisch und nahbar. Und es geht gar nicht darum, die perfekte Rede vorzutragen, sondern vor allem darum, zuzuhören.

Sören: Wir waren greifbar. Nicht irgendwie abgehoben auf einem Plakat, sondern man konnte uns Fragen stellen und wir hatten Angebote, bei denen jede*r mitmachen kann.

 

Haustürwahlkampf wirkt also?

Sören: Auch wenn Leute nicht links wählen, sind sie trotzdem nicht abgeneigt. Und wenn man Bodo Ramelow erwähnt hat, hat man das Gespräch sofort gewonnen.

Barbara: Ja, das hat gewirkt. Es waren schon viele, die auch für DIE LINKE und für Bodo Ramelow stimmen wollten. Es kann manchmal wirklich wahlentscheidend sein – der entscheidende Impuls, die LINKE zu wählen.

 

Hattet ihr auch negative Erfahrungen?

Barbara: Ja, aber das hält sich in Grenzen. Im schlimmsten Fall schmeißen die Leute die Tür zu.

 

Wie war die Organisation vor Ort?

Sören: Großes Dankeschön an die Orga, das war top. Es wurde sich toll um uns gekümmert, wir hatten Essen, Zugtickets, einen Schlafplatz – traumhaft!

Barbara: Ja, Kompliment! Das hat wirklich gut geklappt. Wir waren dann abends noch im Wahlkreisbüro, es wurde Pizza bestellt, es gab Bier und Wein. Es war wirklich eine schöne Stimmung untereinander, da sind auch viele Kontakte entstanden. Man lernt durch die Teams interessante Leute kennen – zwischendurch hat man ja immer auch Zeit zu quatschen.

 

Das heißt, die Vernetzung spielte auch eine Rolle?

Barbara: Man lernt Genoss*innen aus anderen Bundesländern mit anderen Geschichten kennen. Ich fand total interessant, nochmal andere Gesichter zu sehen, andere Strukturen kennenzulernen – das kann ich nur empfehlen!

Sören: Auf jeden Fall ist es total notwendig, dass wir auch aus unterschiedlichen Regionen den Wahlkampf woanders unterstützen!

 

Was nehmt ihr aus Thüringen mit?

Sören: Zu sehen, dass man als LINKE erfolgreich sein kann, war schon etwas Besonderes. Das ist ein Motivationsschub, den man mit nach Hause nehmen kann!

Barbara: Es ist toll, es ist abenteuerlich und spannend und es bringt viel!

 

Was würdet ihr Genoss*innen raten, die noch nie dabei waren?

Sören: Mutig sein, ausprobieren, Neues kennenlernen, Ideen umsetzen und vor allem nicht darüber meckern, dass andere in der Partei nichts machen, sondern selbst aktiv werden!

Barbara: Man sollte ein bisschen abenteuerlustig sein! Das ist auch Abwechslung und Aufregung im Alltag.

 

Interview: Nina Rink