DISPUT

Wahlerfolg im Norden

Björn Thoroe hat in Kiel für das Amt des Oberbürgermeisters kandidiert und 9,1 Prozent geholt. Im Interview erzählt er, wie er das gemacht hat

 

Erstmal herzlichen Glückwunsch zum guten Ergebnis. Nicht alle kennen sich im Norden aus – erzähl mal, wie ist die Situation in Kiel?

Kiel ist, zumindest in Westdeutschland, die am stärksten sozial polarisierte Stadt. Das heißt, wir haben Stadtteile, wo sehr viele Menschen mit wenig Geld wohnen und Stadteile, in denen Menschen mit sehr viel Geld wohnen. Was in Kiel auf jeden Fall eine Rolle spielt, ist Wohnungspolitik. Hier, wie in vielen anderen Städten auch, sind die Mieten stark gestiegen in der letzten Zeit, Vonovia hat sehr viele Wohnungen gekauft. Das war auch ein Schwerpunkt unseres Wahlkampf­es, wir haben zum Beispiel gefordert, dass Vonovia in ärmeren Stadtteilen nicht einfach modernisieren darf, sondern eine Genehmigung braucht und wir wollten eine Kieler Wohnungsbaugesellschaft auf den Weg bringen. Und dass bei Neubauten mindestens 50 Prozent Sozialwohnungen sind.

Was in Kiel noch eine große Rolle spielt, ist Verkehrspolitik. Es geht zum einen um den Neubau einer Straßenbahn. Zum anderen haben wir ein echtes Ein-Euro-Tagesticket gefordert, weil der Nahverkehr sehr teuer ist. Langfristig wollen wir einen kostenfreien ÖPNV.

Dazu kommt: In den vergangenen Jahren wurden Schwerpunkte auf Großprojekte gelegt. Der nun wiedergewählte Oberbürgermeister ist gleichzeitig noch Wirtschafts­dezernent, das merkt man an seinem Agieren. Er hat zum Beispiel in der Innenstadt einen riesengroßen Kanal graben lassen, aber keine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, um Schulen zu sanieren.

Also unsere drei großen Themenschwerpunkte waren: Bezahlbarer Wohnraum, Klimanotstand und Verkehrspolitik plus unsinnige Prestige-Projekte, die nur den oberen zehn Prozent etwas bringen.


Wie habt ihr die Leute angesprochen?

Wir haben viel mehr als sonst über Social Media gearbeitet. Ein Drittel­ unseres Etats ist in Werbung auf Facebook und Instagram geflossen. Wir hatten am Ende eine Reichweite von über 40.000, so viele Flyer kann man gar nicht verteilen. Und es hat natürlich den großen Vorteil, dass es zielgerichtet ist. Wir hatten uns verschiedene Zielgruppen eingerichtet: Menschen in den ärmeren Stadtteilen haben wir mit dem Thema Wohnungspolitik bespielt. In den studentischen Stadtteilen haben wir Klimanotstand und Verkehrswende gespielt. Auch mit durchaus radikalen Themen. Wir haben gesagt, wir wollen die Parkplätze verringern, wir wollen alle­ vierspurigen Straßen zweispurig machen und Radfahrer*innen und Fußgänger*innen den Raum zurückgeben.


Und im Offline-Wahlkampf?

Wir haben über 4.000 Aufkleber gedruckt, die sind dann in der Stadt verklebt worden. Und wir hatten noch Plakate, 200 Standorte, was nicht so richtig viel ist in Kiel, aber gereicht hat, um flächendeckend sichtbar zu sein in der Stadt. Und dann haben wir noch ungefähr 15.000 Flyer verteilt. Haustürwahlkampf haben wir nur in Gaarden gemacht, wo wir auch unser bestes Ergebnis hatten, ansonsten haben wir eher Infostände gemacht. Zum Beispiel direkt an der Uni, aber auch zu verschiedenen Zeiten in der Innenstadt, in Gaarden und Mettenhof. Damit haben wir viele Leute angesprochen.


Was war wichtiger, Social Media oder direkte Ansprache?

Beides war wichtig. Nur so konnten wir die verschiedenen Zielgruppen erreichen. Also einmal die Menschen in prekären Lagen über das Wohnungsthema, aber auch das studentisch-grüne Milieu.
Und wenn man ein gutes Ergebnis bekommen will, muss man die auch beide ansprechen. Das funktioniert auch. Ich würde aber auch sagen, dass Social Media ausschlaggebend war.


Wie seid ihr mit euren Themen durchgedrungen?

Wohnen geht eigentlich alle an. Für alle ist es ein Problem, wenn die Mieten steigen. Bei anderen Themen ist es kritischer – nicht jedem gefällt, dass Parkplätze wegfallen, Aufmerksamkeit bringt es trotzdem. Wir hatten 14 Podiumsdiskussionen in der Stadt, mit allen vier Kandidat*innen. Und da merkte man schon, dass unsere Themen die Themen waren, über die die Leute geredet haben. Besonders Wohnen und Verkehr, die Schwerpunkte haben wir gut gewählt. Das größte Podium war von den Kieler Nachrichten mit 600 Leuten im Audimax, aber auch kleinere, mit 20 Leuten. Wir waren bei der IHK, bei der »Digitalen Woche«, beim jungen Rat, beim Bündnis für bezahlbaren Wohnraum. Das war natürlich gut. Dazu muss man sagen, wir machen in dem Bündnis schon sehr lange mit, das heißt, wir waren auch glaubwürdig bei dem Thema.


Das heißt, die Verankerung spielt da auch eine Rolle?

Ja, das glaube ich schon. Ich mache seit 20 Jahren linke Politik, auch außerhalb der Partei, da lernt man mit der Zeit viele Leute kennen. Und, das haben wir im Vorwahlkampf gemacht: Wir waren bei verschiedenen Verbänden, Vereinen und Initiativen, das hat mir auch nochmal neue Infos für meine Arbeit im Rat gebracht. Ich war bei der GEW, Umweltverbänden, im Betriebsrat vom städtischen Krankenhaus, im Frauenhaus und bei der türkischen Gemeinde, beim AStA, bei HAKI, das ist eine schwul-lesbische Interessenvertretung, bei der Deutsch-Kurdischen Gesellschaft, bei ver.di, bei der alevitischen Gemeinde und hab mich da vorgestellt. Damit erreicht man zwar keine Massen, aber man bekommt gute Ideen für den Wahlkampf und da kommt man nochmal ganz anders ins Gespräch.


Und du bist da offensiv aufgetreten?

In meinem Flyer habe ich ganz klar geschrieben, dass ich Sozialist und Antifaschist aus ganzem Herzen bin. Wir haben uns da nicht versteckt, die Leute wussten schon, worauf sie sich einlassen.


Das heißt, es lohnt sich, ein bisschen mutiger zu sein…

Ich war überrascht. Der CDU-Kandidat hat versucht, die Autolobby­ hinter sich zu versammeln. Und selbst auf Stadtteil-Podien außerhalb, wo viele Leute garantiert ein Auto besitzen, ist er damit nicht sonderlich gut angekommen. Das fand ich wirklich interessant. Weil das ja zeigt, selbst wenn die Leute ein Auto haben, wissen sie, dass das keine Lösung für die Zukunft ist. Also ja, da kann man wirklich ein bisschen mutiger sein.


Wovon könnten andere LINKE Kandidat*innen lernen?

Es gibt da so einen konstruierten Konflikt in der Partei: Man müsse sich zwischen den Zielgruppen »Hipster-Großstadtmilieu« und »ärmeren Menschen« entscheiden. Man kann beide ansprechen! Auf jeden Fall Social Media nutzen, Verankerung in Bündnissen und irgendein Element, was auffällt und aneckt, so wie die Aufkleber. Präsenz vor Ort zeigen. Das kommt dann alles zusammen.


Wie geht es für euch weiter?

Wir nehmen die Anregungen aus den Gesprächen mit für Anträge für unsere Ratsarbeit. Wir haben gezeigt, dass wir eine eigenständige politische Kraft sind, mit der man rechnen kann. Jedes halbe Jahr machen wir eine kommunalpolitische Konferenz auf Landesebene, das heißt, wir versuchen schon, uns von unten zu verankern, damit wir 2022 wieder in den Landtag kommen.

 

Björn Thoroe ist Landesgeschäftsführer der Partei DIE LINKE in Schleswig-Holstein und Mitglied im Kieler Bündnis für bezahlbaren Wohnraum. Bei der Oberbürgermeisterwahl in Kiel erreichte er im Stadteil Gaarden, wo vorwiegend Menschen mit geringem EInkommen leben, 23,9 Prozen tund im Stadtteil Mitte, wo studentisch-grünes Milieu zu Hause ist, 13,1 Prozent. Insgesamt wurde DIE LINKE mit 9,1 Prozent drittstärkste Kraft in der Landeshauptstadt.

Interview: Nina Rink