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DISPUT

Tod, Leid und Zerstörung

Vor achtzig Jahren, am 1. September 1939, begann der Zweite Weltkrieg in Europa – er hatte eine lange Vorgeschichte

Von Ronald Friedmann

In den frühen Morgenstunden des 1. Septembers 1939, genau um 4.47 Uhr, eröffnete die »Schleswig-Holstein«, ein im Hafen von Danzig liegendes deutsches Kriegsschiff, völlig überraschend das Feuer auf das kleine befestigte Munitionslager der polnischen Armee auf der Westerplatte, einer flachen bewaldeten Halbinsel nahe dem Hafen. Mit diesen Schüssen begann der Zweite Weltkrieg, der von Hitler und seinen Hintermännern von langer Hand vorbereitet worden war.

Im Wahlkampf um das Amt des Reichspräsidenten im Frühjahr 1932 hatte die KPD vergeblich gewarnt: »Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler. Wer Hitler wählt, wählt den Krieg.« Am 30. Januar 1933 beauftragte Hindenburg Hitler mit der Regierungsbildung, und buchstäblich nur Tage nach seinem Amtsantritt begann der neue Reichskanzler mit der Vorbereitung des nächsten Weltkriegs. Bereits am 3. Februar 1933 traf sich Hitler mit den Spitzen der Reichswehr, um seine innen- und vor allem außenpolitische Ziele zu erläutern und sich der Unterstützung der Militärs zu versichern. Unter der vollen Zustimmung der Generalität verkündete er unmissverständlich sein Vorhaben, neuen »Lebensraum im Osten« zu erobern und diesen »rücksichtslos germanisieren« zu wollen.

Noch im Herbst 1933 verließ Deutschland die Genfer Abrüstungskonferenz und trat aus dem Völkerbund aus, der nach dem Ersten Weltkrieg geschaffen worden war, um einen dauerhaften Frieden zu sichern. Weitere Schritte im »Kampf gegen den Versailler Vertrag« und insbesondere die dort festgelegten Rüstungsbeschränkungen folgten. So ordnete Hitler im März 1935 die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht und den umgehenden »Aufbau einer Wehrmacht« mit 36 Divisionen und 550.000 Mann unter Waffen an. Zwar gab es seitens Großbritanniens und Frankreichs verhaltene Proteste wegen dieses eklatanten Verstoßes gegen die Festlegungen des Versailler Vertrags, doch keine wirksamen Gegenmaßnahmen. Die Westmächte setzten auf »Appeasement«, also eine Beschwichtigungspolitik. Nachdem im Jahr darauf auch die völkerrechtswidrige Besetzung des entmilitarisierten Rheinlands für Deutschland ohne Folgen blieb, sah Hitler nunmehr den Weg frei für militärische Aktionen.

Zunächst entsandte er die berüchtigte Legion Condor nach Spanien, um dort den Krieg Francos gegen die Republik und ihre Verteidiger zu unterstützen und der neu aufgestellten Luftwaffe »Kampferfahrungen« zu verschaffen. Im März 1938 marschierte die deutsche Wehrmacht in Österreich ein, wo austrofaschistische Kräfte seit 1933/34 den »Anschluss« der »Ostmark« an Deutschland vorbereitet hatten. Mit dem Münchener Abkommen vom September 1938 lieferten Großbritannien und Frankreich große Teile der Tschechoslowakei an Hitlerdeutschland aus, in der vergeblichen Hoffnung, so einen neuen Weltkrieg abwenden zu können. Nur sechs Monate später besetzte die Wehrmacht auch die höhnisch als »Resttschechei« bezeichneten Gebiete.

In dieser Situation hätte nur die umgehende Schaffung eines Systems der kollektiven Sicherheit in Europa den Ausbruch eines neuen Weltkriegs verhindern können. Entsprechende Vorschläge gab es, insbesondere seitens der Sowjetunion, die 1934 Mitglied des Völkerbunds geworden war und sich in der Folge stärker in der internationalen Politik engagierte. Aber die kleinlich verteidigten Eigeninteressen der potenziellen Vertragspartner verhinderten, dass ein wirksames System von multi- und bilateralen Beistandspakten entstand, das Hitler von einem globalen Kriegsabenteuer hätte abhalten können. Zwar hatten Großbritannien und Frankreich im März 1939 »Sicherheitsgarantien« für Polen abgegeben, das sich als nächstes Land mit deutschen Forderungen konfrontiert sah. Doch Hitler war überzeugt davon, dass Großbritannien und Frankreich im Fall der Fälle nicht wirklich handeln würden. Tatsächlich erklärten beide Staaten nur wenige Tage nach dem Überfall auf Polen Deutschland den Krieg, doch zu Kampfhandlungen kam es nicht. Was sich in den folgenden Monaten an der Westgrenze Deutschlands ereignete, bezeichnen Historiker später als »drôle de guerre«, als »komischen« oder auch »Sitzkrieg«. Erst im Frühjahr 1940, mit dem deutschen Einmarsch in Frankreich und in die Beneluxstaaten, wurde der Krieg auch im Westen zur blutigen Realität.

Auch die Sowjetunion hatte von Anfang an Zweifel an der Zuverlässigkeit der Zusagen aus London und Paris. Am 18. April 1939 schlug der sowjetische Außenminister Maxim Litwinow den Regierungen Großbritanniens und Frankreichs deshalb den Abschluss eines dreiseitigen Beistandspakts vor, der auch Beistandszusagen für die baltischen Staaten, Finnland und Polen enthalten sollte. Die beiden westlichen Regierungen lehnten den Vorschlag nicht grundsätzlich ab, doch sie verzögerten die Verhandlungen in demonstrativer Weise, bis sich die Angelegenheit Mitte August 1939 de facto erledigt hatte.

Nichtangriffsvertrag

In dieser Situation unternahm die sowjetische Regierung einen spektakulären Schritt: Am 23. August 1939 unterzeichneten die Außenminister Deutschlands und der Sowjetunion in Moskau einen Nichtangriffsvertrag. Die sowjetische Seite wollte sich so Zeit verschaffen, um angesichts der fortbestehenden Isolierung die eigene Verteidigung für einen auch weiterhin als unvermeidlich angesehenen deutschen Angriff vorbereiten zu können.

Mit der Zusicherung der gegenseitigen Neutralität im Kriegsfall gab die Sowjetunion Hitlerdeutschland allerdings einen Freibrief für den Überfall auf Polen. Schlimmer noch, das geheime Zusatzabkommen, dessen Existenz in Moskau bis in die 1990er Jahre grundsätzlich bestritten wurde, »gestattete« der Sowjetunion nicht nur »Rücknahme« der bis 1920 sowjetischen Gebiete im östlichen Polen, sondern es sah auch und vor allem die Zerschlagung und Aufteilung Polens sowie die Festlegung von »Interessensphären« vor. Dieses Geheimabkommen war also keineswegs dazu angetan, einen neuen Weltkrieg zu verhindern, es beförderte ihn in gewisser Weise sogar.

In den fast sechs Jahren nach dem 1. September 1939 erfasste der Krieg den gesamten Erdball. Rund sechzig Staaten und Kolonialgebiete waren direkt oder indirekt an den Kampfhandlungen beteiligt. Weltweit standen 110 Millionen Menschen unter Waffen. Nach vorsichtigen Schätzungen starben mindestens 60 Millionen Menschen infolge des Kriegs, in der Mehrzahl unbeteiligte Zivilisten. Allein die Sowjetunion hatte 27 Millionen Opfer zu beklagen. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 begann auch die systematische Ermordung von 5 Millionen europäischen Juden. Im Durchschnitt verloren an jedem einzelnen Tag des Zweiten Weltkriegs 27.000 Menschen ihr Leben. Unbekannt ist die Zahl der Menschen, die zwischen 1939 und 1945 zu Krüppeln wurden oder auf andere Weise dauerhaft ihre Gesundheit einbüßten. Zahllose Städte und Dörfer wurden in Trümmer gelegt oder abgebrannt, ganze Landstriche verwüstet und für lange Zeit unbewohnbar gemacht. Fabriken und Verkehrswege wurden zerstört. Millionen wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Unersetzliche Kunstschätze und andere Kulturgüter gingen für immer verloren. Nicht nur deshalb sind die Folgen des Zweiten Weltkriegs auch acht Jahrzehnte nach seinem Beginn noch immer zu spüren – bis zum heutigen Tag liegen Tausende Bomben und andere Sprengkörper unentdeckt im Boden und gefährden das Leben von ahnungslosen Menschen, für die der Zweite Weltkrieg nicht mehr als ein finsteres Kapitel aus einer längst vergangenen Epoche zu sein scheint. 

Dr. Ronald Friedmann ist Mitglied der Historischen Kommission