DISPUT

Schlagt den Neoliberalismus

Neu im Kino

 

von Jürgen Kiontke

 

▀ Sorry, We Missed You

Newcastle 2019: Gelegenheitshandwerker Ricky hat Träume: Er will ein eigenes Haus für seine Familie und sich Wohlstand erarbeiten. Da kommt das Angebot, von dem ein Kumpel erzählt, gerade recht: Der ist selbstständiger Paketbote und verdient ordentlich. Das kannst du auch!

Freudig erzählt er seiner Frau Abby davon, die als selbstständige Altenpflegerin arbeitet. Ricky will als Erstes, dass sie ihr Auto verkauft. Das Geld braucht er als Kaution für den Transporter. Denn Ricky wird sein eigenes Geschäft hochziehen, er ist nicht angestellt, sondern Franchisenehmer.

14 Stunden Arbeit am Tag und eine Sechs-Tage-Woche später geht der kleinen Familie ein Licht auf: Die Selbstständigkeit existiert nur auf dem Papier, denn Ricky hat bloß einen Auftraggeber. Und der haut für jeden Fehler eine Konventionalstrafe raus. Zum Elterngespräch in die Schule? 100 Pfund und Ersatzfahrer suchen. Bald wird klar: Rickys neuer Job kostet richtig Geld.

Regisseur Ken Loach und sein Drehbuchautor Paul Laverty entlarven die Versprechen der modernen digitalisierten Arbeitswelt. Sie ist mieser als die alte und hat das Potenzial, Familien zu zerstören. Auf gewerkschaftliche Organisation der Gig-Ökonomie wartet man in diesem Film vergeblich, obwohl es durchaus Ansätze gibt, die Scheinselbstständigkeit zu regulieren. Ein ehrlicher, aber auch sehr statischer, hoffnungsloser Film.

> Kinostart: 30. Januar 2020

 

▀ Der marktgerechte Mensch

Wie ein Kommentar zu Loachs Film wirkt die neue Dokumentation von Leslie Franke und Herdolor Lorenz. Ihre Erzählung beginnt mit der Finanzkrise 2008. Mit ihr begann die Transformation der Arbeitswelt im Zuge der einsetzenden Digitalisierung. Die soziale Marktwirtschaft und ihre Solidarsysteme leiden zunehmend unter dem weltweiten Konkurrenzdruck. Anhand einer Auswahl von Fallbeispielen erzählen Franke und Lorenz von zum Teil verheerenden Veränderungen des Arbeitsmarkts. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse nehmen massiv zu, Crowdworking-Prozesse machen aus jedem Festangestellten einen Kleinunternehmer. Nicht selten bleiben die Betroffenen zerrüttet zurück. »Wir sind mit dem Algorithmus allein«, sagt ein Fahrradbote.

Anders aber als Loach zeigt das Regiepaar andere Welten auf: Solidarität ist eine Waffe in den Händen junger Menschen, die für einen Systemwandel eintreten. Und auch auf Betriebsebene lassen sich Alternativen denken: gemeinwohlorientierte Ökonomie als Tempolimit für den ungebremsten Kapitalismus.

So schlimm wie es ist: Während man nach Loachs Film hoffnungslos auf den Abspann starrt, geht man aus Frankes/Lorenz' Film frohen Mutes raus – weil sie zeigen, dass ein anderes, gerechteres Leben möglich ist.

Und wie der Inhalt, so auch das Konzept dieses Films: Die Macher setzen auf möglichst viele, dezentrale Aufführungen. Ihr könnt den Film quasi zu euch »bestellen«: Wie das geht, erfahrt ihr auf
www.marketable-people.org.

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