DISPUT

Reichtum statt Discounter

Womit verdienen eigentlich die Reichsten der Reichen ihr Geld? Zum Beispiel mit Billig-

Supermärkten, auf die Menschen mit weniger Geld angewiesen sind. 

 

Von Sarah Nagel


Das US-Magazin Forbes veröffentlicht regelmäßig eine Liste der Reichsten der Reichen. Auf Platz eins stehen in Deutschland: Beate Heister und Karl Albrecht Junior, die Erben von Aldi Süd. Auf Platz zwei: Dieter Schwarz, Lidl-Erbe. Mit einem geschätzten Vermögen von 41,5 Milliarden Euro besitzt er so viel Geld wie keine andere Einzelperson im Land. Die Aldi Nord-Erben Theo Albrecht Junior und Familie liegen derzeit auf dem zweiten Platz. 
Die Discount-Giganten konkurrieren miteinander um Marktanteile. Beide stocken ihr Sortiment auf, bieten mehr Zusatzleistungen an – und eröffnen Filialen im europäischen Ausland und darüber hinaus. Dass sie damit Erfolg haben, hängt auch damit zusammen, dass viele Menschen mit wenig Geld über die Runden kommen müssen. Wenn die Mieten steigen und die Löhne stagnieren, kann immer noch bei den Lebensmitteln gespart werden. Schlechte Zeiten sind also eher gute Zeiten für Discounter. Zu beobachten­ ist das etwa in Großbritannien. Insgesamt leidet der Einzelhandel auf der Insel, die beiden Konzerne aber werden immer beliebter. Beide wollen in den nächsten Jahren auf 1.000 Filialen kommen. Sie profitieren davon, dass sie billiger sind als konkurrierende Händler. Und jede politische Entscheidung, die Geld aus der Tasche von Geringverdienenden zieht, macht Discount-Eigentümer potenziell noch reicher. Im Supermarkt wird es persönlich. Kann man sich teureren Käse leisten oder muss es diesmal der sein, der ein bisschen weniger kostet? Kann man sich einfach nach Lust und Laune etwas aus dem Regal nehmen oder muss man bei jedem Artikel rechnen?
Aber es sind nicht nur die Kund*in­nen, die zum Reichtum der Eigentümer beitragen, sondern auch die Beschäftigten. Sie leisten täglich schwere Arbeit, müssen schnell sein, oft mehrere Dinge gleichzeitig tun und dabei auch noch geduldig bleiben. Doch die Bezahlung im Supermarkt ist vergleichsweise gering, der Druck hoch. Im Sekundentakt ziehen die Kassierer*innen die Waren über den Scanner. Ob es tatsächlich vorgegebene Zeiten dafür gibt, wie lange es dauern darf, die Produkte zu scannen, dazu sagen die Unternehmen nichts. Aber vermutlich hat jede*r schon erlebt, dass kaum so schnell eingepackt werden kann, wie die Waren über das Band wandern. Aldi Süd steht sogar im Ruf, die weltweit schnellste Kasse zu haben. Immerhin: Beide Unternehmen zahlen nach Tarif oder darüber, was in der Branche längst nicht überall der Fall ist. Dass die Beschäftigten sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen können, wollen Aldi und Lidl aber offenbar nicht. Bei Aldi Nord wurden zum Beispiel sogenannte Union-Buster eingesetzt, um Betriebsräte zu behindern. Auch bei Lidl wurden bereits Betriebsräte behindert. Der Konzern hat außerdem Mitarbeiter*innen überwachen lassen, einige Filialen mussten deshalb Bußgelder zahlen.
Trotz alldem wird vor allem Aldi gern als Familienunternehmen dargestellt, dessen Gründer durch Sparsamkeit, Effizienz und kluge Ideen wohlhabend wurden. Damit lässt sich ihr gigantischer Reichtum aber, wenn überhaupt, nur zu einem geringen Teil erklären. Dass viele Menschen auf möglichst billige Lebensmittel angewiesen sind, die Beschäftigten nicht viel verdienen und sich nicht organisieren sollen, gehört zur Geschichte dazu.  


Sarah Nagel arbeitet im Bereich Strategie und Grundsatzfragen in der Bundesgeschäftsstelle der LINKEN