DISPUT

Neoliberalismus? Kann weg!

6.000 Menschen diskutierten beim linken Festival »The World Transformed« in Brighton darüber, wie ein Großbritannien »for the many« aussehen könnte 

 

Von Sarah Nagel

Es ist der letzte Tag des politischen Festivals »The World Transformed« im südenglischen Brighton und die Tische in dem dunklen Saal füllen sich. Hier wird gleich das »Manifesto for the Movement« besprochen, ein Programm für die Bewegung. Aktivist*innen haben es in den Tagen zuvor in Policy Labs, also Politikwerkstätten, gemeinsam erarbeitet und sich auf besonders wichtige Forderungen geeinigt. Bei jedem Policy Lab waren Teilnehmende dabei, die zum Thema arbeiten oder selbst betroffen sind. Ein Lehrer kommt nach vorne und stellt die vier Forderungen zum Thema Bildung vor, eine Journalistin die Ideen zu Medienpolitik. Es ist spürbar, wie ernst es ihnen ist. Die meisten hier wollen genau das, was der Name des Festivals sagt: Die Welt verändern. Beim Programm für die Bewegung geht es darum, dazu zu ermutigen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen – und die Labour Party dazu zu inspirieren, »radikal über Forderungen nachzudenken«, wie es am Ende in der Einleitung steht. Und die Anregungen kommen bei der Partei an. Auf dem Podium sitzen der ehemalige Parteivorsitzende Ed Miliband, die Autorin Hilary Wainwright, die Wissenschaftlerin und Politikerin Faiza Shaheen und der linke Abgeordnete und Schattenkanzler John McDonnell, der Teil der Regierung wäre, sollte Labour bei Wahlen gewinnen. Sie hören zu, kommentieren den Prozess und die Forderungen. Sie wissen ganz genau, dass hier die Basis sitzt, die das linke Projekt unter Jeremy Corbyn stützt und auf die es ankommt, um die Kräfteverhältnisse nach links zu verschieben. Immer wieder treten prominente linke Labour-Politiker*innen auf dem Festival auf, auch Corbyn selbst spricht mehrfach.

»The World Transformed« fand das erste Mal 2016 statt, im Jahr nachdem Corbyn zum Labour-Vorsitzenden gewählt wurde. Tausende Mitglieder waren zuvor eingetreten, um dessen linken Kurs zu unterstützen. Maßgeblich organisiert wurde das Festival von Aktivist*innen von Momentum. Die 2015 gegründete Organisation hat es sich zum Ziel gemacht, die Labour Party nach links zu rücken. Seitdem findet das Festival jedes Jahr parallel zum Parteitag statt und zieht tausende Besucher*innen an, in diesem Jahr mehr als 6.000. Es gibt Podiumsdiskussionen und Workshops, aber auch Kino, Theater, Strategiespiele, Fußballturniere, Parties. In der 300.000-Einwohner*innen-Stadt Brighton sind in diesen Tagen an jeder Ecke Menschen zu sehen, die auf dem Weg zum nächsten Veranstaltungsort sind. Ob im Theater, in der Kirche oder im sozialen Zentrum, überall finden die Veranstaltungen statt. Zentraler Treffpunkt ist ein Platz nah der Küste, auf dem zwei Zelte aufgebaut sind. In einem ist das Kunstprojekt »Museum des Neoliberalismus« zu sehen. Die Ära der Margaret Thatcher, Privatisierungserlasse und »Bullshit Jobs« bei Amazon wurden dort hinter Fensterscheiben verbannt. Der Neoliberalismus kann weg, es ist Zeit für etwas Neues. So sehen es viele der meist jungen Besucher*innen. Es kommt Begeisterung auf, als Corbyn hier am ersten Abend skizziert, wie es aussehen könnte, wenn nicht vor allem die Reichen und Mächtigen entscheiden können. Und auch wenn längst nicht alle Labour-Abgeordneten und Mitglieder dem linken Flügel angehören, haben viele offenbar mit der neoliberalen Politik der letzten Jahrzehnte abgeschlossen. Hin und wieder dringen Nachrichten vom Parteitag hinüber: Die Delegierten entscheiden sich für den Green New Deal, sie wollen Privatschulen abschaffen und das Wahlrecht für alle, die in Großbritannien leben. Möglicherweise wird es bereits eine Labour-Regierung geben, wenn das nächste Festival stattfindet. Vieles deutet darauf hin, dass noch in diesem Jahr Wahlen ausgerufen werden.

Dass sich vieles nicht allein durch die richtigen Forderungen und auch nicht durch Wahlen umsetzen lässt, ist hier den meisten klar. In den Veranstaltungen wird nicht nur debattiert, sondern es werden auch Fähigkeiten vermittelt, um eine linke Bewegung aufzubauen, um mehr zu werden und Kampagnen zu planen und zu gewinnen. Es wird diskutiert, was die nächsten Schritte sind, was Sozialismus in den Kommunen bedeutet, wie möglichst viele Menschen an Entscheidungen beteiligt werden können. All das wird nötig sein, um ein Großbritannien »for the many« zu schaffen. »The World Transformed« macht Hoffnung darauf, dass es einmal so weit sein könnte. 

Sarah Nagel arbeitet im Bereich Strategie und Grundsatzfragen in der Bundegeschäftsstelle der LINKEN