DISPUT

Nach dem Anschlag in Halle

Im Mittelpunkt müssen die Betroffenen stehen, Solidarität soll praktisch werden

Von Henriette Quade

Nach rechten Terroranschlägen bleiben oft die Namen der Täter. Sie verbreiten sich mit ihren Taten, während es ein politischer Kampf ist, die Namen der Opfer nicht ins Vergessen geraten zu lassen und die Stimmen der Betroffenen stark zu machen – also jene in den Mittelpunkt zur rücken, die angegriffen wurden, statt den, der sie angegriffen hat. In Halle wurden Jana L. und Kevin S. ermordet. Beide hatten das unbegreifliche Unglück, zufällig dem Attentäter zu begegnen. Angegriffen wurden die Synagoge in Halle und der »Kiez Döner«, mehrere Menschen wurden auf der Flucht des Attentäters verletzt.

Der Rechtsterrorist und Neonazi wollte am 9. Oktober 2019 in die Synagoge in der Humboldtstraße in Halle eindringen, um die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, die sich dort zu Yom Kippur versammelt hatten, zu ermorden. Es war an diesem wie an anderen Tagen keine Polizei vor der Synagoge, um sie zu schützen. Erst als es dem Attentäter nicht gelang, die besonders gesicherte Tür aufzuschießen, warf er Handgranaten auf den jüdischen Friedhof, legte Sprengsätze vor der Synagoge ab und zog schwer bewaffnet und in Kampfuniform weiter. Auf seinem Weg durch die Stadt erschoss er Jana L. und zielte in den »Kiez Döner«, wo er Kevin S. ermordete. Seine Taten streamte er live im Internet, zuvor hatte er eine Waffenliste veröffentlicht und ein kurzes antisemitisches, rassistisches und frauenfeindliches Pamphlet, das er mit »KILL ALL JEWS« überschrieb.

Nach dem Anschlag liefen die Polizeieinsätze weiter, der Vorstand der Jüdischen Gemeinde unterstütze die Mitglieder der Gemeinde, nach Hause zu kommen, Angehörige und Betroffene wurden informiert. Die Stadt Halle blieb schweigsam, abseits von Sicherheitsfragen. Doch auf dem Marktplatz kamen vierhundert bis fünfhundert Menschen zusammen, zur Anteilnahme und zum stillen Gedenken. Dazu aufgerufen hatte »Halle gegen Rechts«. Das Bündnis organisiert seit Jahren Bildung, Protest und Blockaden gegen die extreme Rechte. Keine Reden, nur eine Begrüßung mit der Botschaft »Wir nehmen Anteil, wir denken an Euch, wir lassen Euch nicht alleine« an alle Betroffenen.

Das Bündnis hat sich entschieden, die Betroffenen in den Mittelpunkt zu stellen. Gedenken und Mahnwachen in Solidarität mit der Jüdischen Gemeinde und gegen jeden Antisemitismus, für alle Betroffenen des Terroranschlags. Diese Perspektive glaubwürdig einzunehmen bedeutete auch, den Betroffenen wirklich zuzuhören. Das hieß konkret, aus einer schon geplanten Demonstration eine Kundgebung zu machen – Betroffene hatten geäußert, dass es für sie zu früh sei, durch die Stadt zu ziehen. Es hieß, für Jana L., Sängerin in zwei Chören, Christin und Schlagerfan, einen Schlager zu spielen. Für Kevin S., froh im Beruf zu sein und in der Mittagspause im »Kiez Döner«, die Hymne seines Fußballvereins zu spielen und für die Jüdische Gemeinde Shalom Chaverim. All das auf einer späteren Demonstration, die unter dem einfachen und notwendigen Motto »Solidarität!« stand, organisiert mit den Betreibern des »Kiez Döners«, die sprechen wollten und sich genau diese Solidarität wünschten. Für alle – für die Jüdische Gemeinde, die Angehörigen, für sich.

LINKE Politik muss zuallererst an der Seite der Betroffenen stehen, sie hören und sie ernst nehmen. Auch in ihrer Unterschiedlichkeit. Da beginnt Solidarität praktisch zu werden. 

Henriette Quade ist stellvertretende Fraktionsvorsitzende Fraktion DIE LINKE im Landtag von Sachsen-Anhalt und innenpolitische Sprecherin der Fraktion.