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DISPUT

München, April 1919

Vor 100 Jahren wurde in Bayern eine Räterepublik ausgerufen und nach wenigen Wochen blutig niedergeschlagen

VON RONALD FRIEDMANN 

Bayern war vorangegangen: Schon am 8. November 1918, einen Tag, bevor in Berlin der Kaiser abdanken musste, war das vormalige Königreich Bayern zur Republik geworden. Kurt Eisner (USPD) hatte die Absetzung des Königs verkündet und den »Freistaat Bayern« proklamiert. Die bayerischen Arbeiter- und Soldatenräte wählten ihn noch am selben Tag zum Ministerpräsidenten. Doch auch Eisner setzte, wie seine Genossen in Berlin, nicht auf die Räte als Organe der Revolution, sondern er strebte die schnelle Etablierung eines parlamentarischen Systems an. Bei den Landtagswahlen am 12. Januar 1919 erlitten Eisner und seine USPD eine verheerende Niederlage. Am 21. Februar 1919, auf dem Weg zur konstituierenden Sitzung des bayerischen Landtags, wo er seinen Rücktritt als Ministerpräsident erklären wollte, wurde Kurt Eisner von einem rechtsradikalen Studenten erschossen. In dieser Situation übernahm der vom Rätekongress eingesetzte Zentralrat der bayerischen Republik die exekutive Gewalt, um ein Machtvakuum zu verhindern. In den folgenden Tagen spitzten sich die Auseinandersetzungen zwischen Anhängern des Rätesystems und der bürgerlich-parlamentarischen Ordnung dramatisch zu. Am 4. März 1919 konnte der Rätekongress noch die Bildung einer Koalitionsregierung aus SPD, USPD und Bauernbund verhindern. Doch am 17. März 1919 wählte der Landtag gegen das Votum der Räte Johannes Hoffmann (SPD) zum Ministerpräsidenten. Als Antwort darauf riefen der Zentralrat der bayerischen Arbeiter- und Soldatenräte und der Revolutionäre Arbeiterrat am 7. April 1919 die »Räterepublik Baiern« aus, die allerdings weitgehend auf München beschränkt blieb. Die USPD-Minister schieden aus der Landesregierung aus und schlossen sich der Rätebewegung an. Die Führung hatten zunächst pazifi stische und anarchistische Intellektuelle wie Ernst Toller, Erich Mühsam und Gustav Landauer übernommen. Einen wirklichen Plan zur revolutionären Umgestaltung Bayerns hatten sie allerdings nicht. Die Regierung von Ministerpräsident Hoffmann war nicht wirklich entmachtet. Sie fl üchtete nach Bamberg und mobilisierte von dort aus rechtsextreme Freikorps zur Niederschlagung der Räterepublik. Erster Höhepunkt der konterrevolutionären Aktionen war der sogenannte Palmsonntagsputsch am 13. und 14. April 1919, gerade einmal eine Woche nach Errichtung der Räterepublik. Doch der Münchner Roten Garde unter dem Kommando von Rudolf Egelhofer gelang es, den Putsch abzuwehren. In der Folge radikalisierte sich die Rätebewegung. Eugen Leviné und Max Levien, wie auch Egelhofer, waren Mitglieder der erst wenige Monate zuvor gegründeten Kommunistischen Partei und übernahmen nun die Führung. Egelhofer selbst wurde Stadtkommandant von München. Nun griff auch die Reichsregierung in Berlin ein. Bereits am 17. April 1919 befahl der sozialdemokratische Reichswehrminister Gustav Noske die Entsendung regulärer Truppen. Damit drohte Bayern ein blutiger Bürgerkrieg. Im Aktionsausschuss, dem Führungsgremium der Räterepublik, entbrannten heftige Auseinandersetzungen um das weitere Vorgehen. Angesichts der hoffnungslos erscheinenden Lage forderte ein Teil der Mitglieder Verhandlungen mit der Regierung in Bamberg, um größeres Blutvergießen zu verhindern. Am 27. April 1919 trat der Aktionsausschuss unter Führung von Leviné zurück, es bildete sich umgehend ein neuer Aktionsausschuss, an dessen Spitze nun Toller stand. Doch die Verhandlungen mit der Regierung in Bamberg scheiterten – Hoffmann wollte nur die vollständige und bedingungslose Kapitulation der Revolutionäre akzeptieren. Am 30. April 1919 begann in den Münchener Vororten die Offensive der Regierungstruppen und der Freikorps. Der erdrückenden militärischen Übermacht ihrer Feinde konnte sich die Räterepublik nicht mehr erwehren, am 2. Mai 1919 endete der Widerstand. Dem blutigen Rachefeldzug, der nun folgte, fi elen innerhalb weniger Tage mehr als zweitausend Menschen zum Opfer. Rudolf Egelhofer wurde am 3. Mai 1919, bereits nach Ende der Kämpfe, standrechtlich erschossen. Gegen Eugen Leviné erging ein »reguläres« Todesurteil. Er wurde am 3. Juni 1919 ermordet. In seiner Erklärung während des Prozesses hatte er festgestellt: »Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub, dessen bin ich mir bewußt. Ich weiß nicht, ob Sie mir meinen Urlaubschein noch verlängern werden, oder ob ich einrücken muß zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. [...] Die [revolutionären] Ereignisse [aber] sind nicht aufzuhalten!«