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DISPUT

Mehr ist manchmal weniger

VON FABIAN LAMBECK

Der entfesselte Spätkapitalismus in seiner jetzigen Form ist geprägt durch hemmungslosen Konsum. Das betrifft keinesfalls nur materielle Güter, wie Fast Food, Kleidung oder Drogen. In seiner Logik, alles zu Geld und Ware zu machen, erobert der Kapitalismus auch Sphären, in die man sich früher zurückzog, wenn man genug von ihm hatte. Und so besuchen seine Adepten nun Flatrate-Yogakurse und buchen den All-Inclusive-Urlaub im Aussteigerparadies. Unsere Sprache hat er auch tief durchdrungen. Da die Konsumenten immer mehr kaufen sollen, damit die Todesmaschinerie, die diesen Planeten zerstört, weiter laufen kann, müssen sie immer mehr wollen, als sie gerade haben. Damit sie tatsächlich mehr wollen, muss das Produkt mehr sein, als nur ein Schokoriegel, ein Schuh oder ein Stück Seife. Selbst banalste Dinge werden mit Bedeutung und Sinn aufgeladen, um sie mit Maximalprofi t verhökern zu können. Und so ist es nur folgerichtig, dass das »Mehr« längst auch die Sprache der Politik durchdrungen hat. So stellte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron jüngst klar: »Europa ist mehr als ein Projekt«. Beim Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz hinterlässt es »mehr als ein ungutes Gefühl«, wenn die Bundespolizei die Aufzeichnungen ihrer Bodycams auf Servern der US-Datenkrake Amazon speichert. Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus (CDU) hat auch mehr als ein ungutes Gefühl, wenn er die SPD mit Blick auf die jüngste sozialpolitische Kehrtwende warnt: »Das ist mehr als ein Linksruck«. Dieses »Mehr« ist bei Politikerinnen und Politikern so beliebt, weil es nicht mehr ist, als eine modern klingende Leerformel. Schließlich machen sich die wenigsten die Mühe, uns zu erklären, welches Gefühl sie denn tatsächlich beschleicht, wenn es mehr als ungut ist. Darum gilt nicht nur in der Fastenzeit: Weniger ist mehr.