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DISPUT

Klare Kantianer

von Fabian Lambeck

Zu den derzeit beliebtesten Redewendungen in Presse und Politik zählt die von der »klaren Kante«. Wobei vielen Vertreterinnen und Vertretern der berichtenden Zunft nicht ganz klar zu sein scheint, was es mit der »klaren Kante« auf sich hat. Mal wird sie, quasi als Nahkampfmetapher, »gegen den AfD-Lehrerpranger« eingesetzt. Mal wird mit ihr gedroht: »Zusammen zeigen wir klare Kante«. Auch wird sie immer wieder eingefordert: »Klare Kante der Politik nötig«. Seitdem AfD und Union den Rechtspopulismus salonfähig gemacht haben, wird die »klare Kante« auch »in der Asylpolitik«, »gegen Vollverschleierung« oder »beim Thema Abschiebungen« gezeigt. Dabei kann es aber passieren, dass die metaphorische Kante gegen »Asylbetrüger« zurückschwingt. So geschehen in Bremen, wo Unbekannte den dortigen AfD-Chef mit einem Kantholz attackiert haben sollen.

 

Doch woher kommt sie nun, die abgedroschene Phrase von der »klaren Kante«? Fest steht, dass der Aufklärer Immanuel Kant nichts mit dieser Floskel zu tun hat. Zwar betonte er: »Wenn wir Ziele wollen, dann wollen wir auch die Mittel«. Aber ein Kantholz oder gar eine öde Metapher gehörten nicht zu seinen Mitteln der Wahl. Wobei sein kategorischer Imperativ ja auch »klare Kante« zeigt.

Recherchen zur Herkunft legen nahe, dass die Redewendung »möglicherweise in Anlehnung an die Schärfeneinstellung beim Fotografieren« entstanden sein könnte. Wobei die Kante in gleich mehreren Redewendungen auftaucht, die keinerlei Bezug zur Fotografie vermuten lassen. So sind ja Pläne oft »auf Kante genäht« und Sparer legen ihr Geld »auf die hohe Kante«. Wenn der Plan nicht funktioniert und auch das Sparen keine Option ist, kann sich der derart Enttäuschte zumindest noch »die Kante geben«. Das Ergebnis sollte man aber tatsächlich keinem zeigen.