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DISPUT

Jede Zeit hat andere Fragen

Von Jens Jansen
 

In Goethes »Faust« fragt Gretchen: »Wie hältst du‘s mit der Religion?« Hier und heute wäre zu fragen: »Wie hältst du‘s mit den Religionen?« Denn wo man das Kruzifix in alle Amtsstuben hängen möchte, aber den Davidstern oder den Halbmond zum Teufel wünscht, da staunen die Amtsträger nur noch, wenn die rassistischen Exzesse neue Rekorde erreichen. Dann wird beschwichtigt: »Das sind Einzeltäter, vermutlich Irre. Wir klären das!«. Später werden »Wirtshausprügeleien« oder »Dönermorde« daraus. Und sobald man auf »Hintermänner« bis in manche Amtsstuben trifft, da verschwinden plötzlich Akten!
Den Rest der Aufklärung übernehmen dann erst mal die Moderatoren der Talkshows. Die werden gegen Mitternacht gesendet, wenn das Volk schläft. Da wird auch nicht so streng ergründet: Wo kommt das her? Wo führt das hin? Man fragt lieber: War der Hitler in Bayreuth bei der Familie Wagner auch so verbohrt? Warum waren seine glühendsten Wähler weiblich? Sind nicht alle Menschen durch die Gene halb Wolf – halb Schaf? Standen nicht alle Beamten und Uniformierten unter Befehlsnotstand? Wer zerrt denn jetzt noch 90-Jährige vor Gericht? Schluss damit!
Vorsicht! Das Potsdamer Abkommen wurde in Bonn sehr schnell vom Tisch geschoben. Das »131-ger Gesetz« von 1951 schleuste 2.300 Stützen des Nazireiches wieder in die Korridore der Macht am Rhein. Die Auschwitz-Prozesse der 1960er-Jahre in Frankfurt am Main endeten, trotz 360 Zeugen gegen 22 Angeklagte, mit nur sechs Höchststrafen. Und das auch nur unter unsäglichen Mühen des Staatsanwaltes Bauer. Da gab es aber längst wieder neue Naziparteien und Verbände. Auch 100 Bildbände zur Glorifizierung des Nazireiches in den Buchläden. Inzwischen auch Hitlers »Mein Kampf« mit dürftigen Kommentaren nachgedruckt. Heute ist die völkische AfD mit fast hundert Mandaten Oppositionsführerin im Bundestag. Doch die Wortführer der meisten Medien zeigen mit dem Finger auf Ostdeutschland, wo die Ossis nach der »Übernahme« ohnehin nichts zu bestimmen haben. Der vorerst letzte Täter war 27 Jahre alt! Welche Winde haben den verbogen?
Die frühere US-Botschafterin bei der UNO und spätere Außenministerin der USA, Madeleine Albright, fragt in ihrem jüngsten Buch »Faschismus«: »Warum müssen wir im 21. Jahrhundert erneut über Faschismus sprechen? Ein Grund dafür ist, offen gesagt, Donald Trump. Wenn wir uns den Faschismus als eine alte, fast verheilte Wunde vorstellen, bedeutete Trumps Amtsantritt im Weißen Haus, den Verband herunterzureißen und am Schorf zu kratzen.«
Diese Frau weiß sehr gut, wie die Westmächte den Nationalismus als Sprengstoff gegen den Ostblock eingesetzt haben. Wer diesen giftigen Geist aus der Flasche lässt, kann ihn kaum wieder einfangen. Aus diesem Blickwinkel versteht man heute auch manche verhängnisvollen Vorgänge in vielen Staaten Ost- und Westeuropas besser: In Ungarn wie in Polen, in Italien wie in Spanien, in Portugal und Griechenland, in der Türkei und im Baltikum. Die einäugigen Egozentriker sind auf dem Vormarsch!
Und in den Tagebüchern des Herrn Goebbels lässt sich nachlesen, mit welchen Methoden und Sprachregelungen man Kampagnen führt, um die Linken und alle Andersdenkenden an den Pranger zu nageln. Die Nazis wussten genau, wie man den Spielraum der geltenden Gesetze ausnutzen kann, ohne in den Notstandsgesetzen zu ersticken. Die AfD hat Dutzende Anwälte in ihren Reihen. Die besiegt man nicht mit einer Fliegenklatsche. Nur mit noch mehr Antifaschistinnen und Antifaschisten!