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DISPUT

In Blut erstickt

Vor 100 Jahren forderten Streikende in ganz Deutschland die Sozialisierung der Großindustrien und die Verankerung des Rätesystems in der Verfassung 

Von Ronald Friedmann

 

Die verfassungsgebende Deutsche Nationalversammlung hatte sich in das idyllische Weimar geflüchtet. Doch der Revolution, deren Flamme noch immer in allen Teilen Deutschlands loderte, konnte sie nicht entkommen. Insbesondere in Oberschlesien, im Ruhrgebiet und im mitteldeutschen Raum war es seit Ende Januar 1919 immer wieder zu großen Streikaktionen gekommen. Es waren drei große Forderungen aus der ersten Phase der Novemberrevolution, die mit den Arbeitsniederlegungen durchgesetzt werden sollten: Die Sozialisierung der Schlüsselindustrien, die Verankerung des Rätesystems in der Verfassung und die Umsetzung der »Hamburger Punkte« vom Dezember 1918, die eine umfassende Demokratisierung der Streitkräfte zum Ziel hatten.

 

Am 3. März 1919 beschloss die Vollversammlung der Berliner Arbeiterräte mit den Stimmen der Abgesandten von KPD und linker USPD, aber auch mit den Stimmen einer Mehrzahl der sozialdemokratischen Delegierten, die Arbeiter und Angestellten der Reichshauptstadt zum Generalstreik aufzurufen. Delegationen aus mehreren Großbetrieben, die darüber informierten, dass der Streik längst begonnen habe, hatten die bereits seit Tagen andauernden Diskussionen um das weitere Vorgehen beendet. Die »Rote Fahne« vom selben Tag sah bereits den Auftakt zu einer neuen Welle revolutionärer Kämpfe: »Wieder ist die Stunde gekommen. Wieder stehen die Toten auf. Wieder reiten die Niedergerittenen.« Aber die Zeitung warnte auch vor Provokationen und forderte eindringlich: »Höchste Disziplin! Höchste Besonnenheit! Eiserne Ruhe!«

Bis zum Abend war der öffentliche Nahverkehr in Berlin komplett eingestellt, am folgenden Tag, dem 4. März 1919, ruhte in fast allen Betrieben die Arbeit. Die Versorgung der Bevölkerung mit Strom, Gas und Wasser wurde jedoch zunächst aufrechterhalten. Überall in der Stadt kamen große Menschenmengen zusammen, um ihren Forderungen größeren Nachdruck zu verleihen oder auch nur, um sich über den Fortgang des Generalstreiks zu informieren. Vor allem im Scheunenviertel und in der Umgebung des Alexanderplatzes kam es bereits in den Nachmittagsstunden zu ersten bewaffneten Zusammenstößen mit der Polizei. Selbst der sozialdemokratische »Vorwärts«, der noch am 3. März 1919 nachdrücklich vor dem Generalstreik gewarnt hatte, musste in seiner Ausgabe vom 5. März 1919 zugeben, dass die bewaffneten Auseinandersetzungen nicht von den Streikenden ausgelöst worden waren, sondern von »lichtscheuem Gesindel«, also Provokateuren und Spitzeln im Dienste der Polizei.

In dieser Situation verlor die zentrale Streikleitung weitgehend die Kontrolle über den Fortgang der Aktionen. Nicht nur »lichtscheues Gesindel«, sondern auch Arbeiter, Arbeitslose und ehemalige Soldaten und Matrosen, denen das Vorgehen der Streikleitung zu zaghaft war, setzten nun auf den bewaffneten Kampf. Spontan und ohne einheitliche Führung kam es in der Folge in vielen Teilen der Stadt und insbesondere im sogenannten proletarischen Osten zwischen Alexanderplatz und Lichtenberg zum Bau von Barrikaden und zu Schießereien mit der Polizei.

Noch am 4. März 1919 marschierten Freikorpstruppen unter dem Befehl des sozialdemokratischen Reichswehrministers Gustav Noske in Berlin ein und begannen mit der militärischen Niederschlagung des Generalstreiks und der Niederwerfung der Aufständischen. Nachdem es am 5. März 1919 zu schweren Zusammenstößen mit Angehörigen der Republikanischen Soldatenwehr und der Volksmarinedivision kam, die im Auftrag der Streikleitung gegen Plünderer vorgehen sollten, eskalierte die Situation weiter.

Am 9. März erteilte Noske schließlich den durch kein Gesetz gedeckten Befehl: »Jede Person, die mit Waffen in der Hand gegen Regierungstruppen kämpfend angetroffen werden, ist sofort zu erschießen.« Anlass für diesen Befehl war das Gerücht, dass im Lichtenberger Polizeipräsidium sechzig Polizisten von Aufständischen ermordet worden seien. Allerdings war der Befehl bereits vor Beginn des Generalstreiks formuliert worden, sein Urheber war Waldemar Pabst, der Stabschef der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, der sechs Wochen zuvor die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg befohlen hatte. Noske und seine Freikorps führten nun einen erbarmungslosen Bürgerkrieg gegen die proletarischen Bewohner des östlichen Berlin. Mit Artillerie und schweren Maschinengewehren gingen sie gegen die Wohnquartiere vor.

Am 8. März 1919 wurde der Generalstreik ergebnislos abgebrochen. Am 12. März 1919 musste die letzte Barrikade an der heutigen Frankfurter Alle, Ecke Möllendorfstraße aufgegeben werden. Dem weißen Terror, der noch mehrere Tage andauerte, fielen etwa 2.000 Menschen zum Opfer.