DISPUT

Genoss*innen an der Strippe

Tino Wagner spricht im Interview über die erfolgreiche Fundraising-Kampagne seines Kreisverbands München. Deren Herzstück: eine professionell durchgeführte Telefonaktion

 

Wieso eine Telefonaktion?

Wir haben uns viel vorgenommen mit unserem Projekt zur Kommunalwahl 2020. Unser Kreisverband hat nicht das Geld, das alleine zu stemmen. Also musste eine Spendenkampagne her. Und eine Telefonaktion war mit das Erste, was uns eingefallen ist, um schnell möglichst viele Genoss*innen und Sympathisant*innen zu erreichen.

Was meinst du mit Projekt?

Unser Ziel ist, mit unserer Stadtratsliste die Themen der sozialen Bewegungen ins Rathaus zu bringen. Eine Besonderheit ist auch, dass wir zum ersten Mal einen parteilosen OB-Kandidaten haben: den Aktivisten Thomas Lechner, den Münchener Aktivist*innen durch die Mitorganisation der Großdemos wie zum Beispiel #ausgehetzt kennen.

Wie seid ihr vorgegangen?

Fest stand, dass das im Dezember sein muss, weil die Leute da spendenbereiter sind. Wir hatten Unterstützung von »Organizi.ng« aus Berlin. Wir haben gemeinsam eine Sprachregelung erstellt, jedes Gespräch lief nach ähnlichem Schema ab: Erst haben wir gefragt, ob bekannt ist, dass im März Kommunalwahlen sind – viele wussten das gar nicht. Dann haben wir erzählt, was wir schaffen wollen und Thomas' Kandidatur erwähnt. Und ganz direkt gesagt: Wir wissen, wir haben uns große Ziele gesteckt, so ein Wahlkampf kostet Geld, das wir nicht haben. Am Ende haben wir noch eingeladen, die Spitzenkandidat*innen bei einem Brunch persönlich kennenzulernen. Wobei wir dann auch unsere Plakatkampagne vorgestellt haben. Um zu zeigen, dass es uns nicht nur darum geht, Geld abzugreifen, sondern auch darum, für den Wahlkampf zu mobilisieren.

Wie viele Leute waren in eurem Team?

Sechs bis acht Leute, alles Ehrenamtliche. Wir haben uns im Kreisbüro getroffen und in wechselnden Schichten gearbeitet. Dort hatten wir mit Hilfe von »Organizi.ng« eine kleine Telefonzentrale aufgebaut. Mit Laptops, auf denen eine Telefonsoftware installiert war.

Wen habt ihr angerufen?

Nur Mitglieder aus München und Umland. Und diejenigen, die sich in die Linksaktiv-Liste eingetragen haben.

Wie haben die Leute reagiert?

Interessanterweise war es gar nicht so schlimm wie gedacht. Die meisten Leute haben sofort gesagt, ob sie spenden wollen. Oder nicht, weil ja nicht jede*r finanziell in der Lage ist, zu spenden.

Was hat die Leute überzeugt, euch Geld zu geben?

Ich denke, den Menschen ist bewusst, dass wir wenig Geld haben und keine Unternehmensspenden annehmen. Und dann hat unser Projekt überzeugt. Die Leute haben gemerkt, das ist wirklich ein ernstgemeinter Versuch, frischen Wind in die Kommunalpolitik zu bringen. Viele Menschen waren auch bei den Großdemos auf der Straße, weil ihnen die Stadtpolitik echt stinkt. Diese Motivation und unsere direkte Ansprache haben am Ende überzeugt. Die Leute sind ja nicht in der Partei, weil ihnen das alles egal ist – sondern genau deswegen: Weil sie was ändern wollen! Für viele war es ganz logisch, ihre Partei da auch finanziell zu unterstützen.

Wie viel habt ihr zusammenbekommen?

Wir sind ehrlich gesagt ganz schön positiv überrascht: Aktuell sind es über 28.000 Euro! Um die Telefonaktion herum gab es einen Peak, knapp 10.000 Euro davon gehen auf das Konto der Aktion.

Was hat euch besonders gefreut?

Wir waren auf die Reaktionen gespannt – wie ist das, wenn man da einfach anruft? Das hat vielen von uns im Vorhinein Sorgen bereitet, ob es okay ist, so direkt um Geld zu bitten. Es war echt überraschend, wie offen man über Geld sprechen kann am Telefon. Negative Reaktionen gab es kaum.

Das klingt sehr motivierend …

Ist es auch. Uns hat die Zustimmung der Leute motiviert, da hat man richtig Lust, gleich weiterzutelefonieren. Und als wir gesehen haben, wie viel Geld dabei reingekommen ist, hatten wir auch richtig Lust auf den weiteren Wahlkampf. Das Ziel ist jetzt: mehr Reichweite gewinnen, mehr Geld sammeln. Weil das heißt auch wieder mehr Plakate, mehr Material und mehr Aktionen, die man noch finanzieren kann.

Würdet ihr anderen auch zu so einer Aktion raten?

Wir würden das auf jeden Fall noch mal machen und jedem empfehlen. Gerade wenn man finanziell vor Ort nicht so gut ausgestattet ist, ist es echt eine gute Möglichkeit, um erstens Spenden zu sammeln und zweitens, auch ein wichtiger Aspekt, wieder mal Kontakt zu den Mitgliedern aufzunehmen. Das hat auch geholfen, sich zu vernetzen. Ich hoffe, dass das auch andere motiviert, sich in diese Telefonkampagnensachen einzuarbeiten.

 

Tino Wagner ist aktiv im DIE LINKE Kreisverband München und kandidiert für den Stadtrat bei den Kommunalwahlen 2020 in Bayern

 

Interview: Nina Rink