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DISPUT

Früchtchen aus dem Sommerloch

Von Jens Jansen

Dieser Sommer brachte – trotz Dürre – eine reiche Ernte an neuen Erkenntnissen:
Ich glaubte zum Beispiel, dass die Offensive für eine Frauenquote in den Korridoren der Macht die Sünden der Männerherrschaft beenden hilft. Denn: »NEIN heißt NEIN!«, »Gleicher Lohn für gleiche Leistung!«, »Keine Gewalt in der Ehe!«, »Schluss mit dem Mädchenhandel!« usw.
Doch was passiert? Frau Kramp-Karrenbauer, die NEIN zu Kabinettsposten gesagt hatte, wurde Kriegsministerin. Die Pflegeschwestern streiken, weil der Lohn nicht lohnt. Frau Merkel hat die politische Ehe mit der CSU so viel Nerven gekostet, dass sie zu flattern begann. Und das Ringelspiel der Kabinett-Girls: tausche Uschi gegen Annegret, und Brüssel ruft die kleine Blonde wie zuvor die rote Katarina! Ist das kein »Mädchenhandel«?
Ich glaubte, dass die Offensive für mehr Kitaplätze dieses leidige Problem endlich lösen wird. Doch schon klemmt es: Es fehlt an Kitas, Betreuern, Bauarbeitern, Grundstücken, besseren Ausstattungen und Gehältern. Der Tageskurs der Börse gibt das nicht her!
Ich glaubte, dass das größere Deutschland auch größere Bauten hinklotzen wird. Aber die größten Vorhaben sind festgefahren. Sie brauchen doppelte Zeit und doppeltes Geld: beim Bahnhof Stuttgart, bei der Elbvertiefung in Hamburg, beim Flughafen in Schönefeld, beim verkorksten »Aufschwung Ost«. Nur das Kleinste unter den Großen wurde nach sechs Jahren für doppeltes Geld fertig: die Garderobe der Berliner Museumsinsel. Kosten: 134 Millionen Euro, weil man zu spät entdeckte, dass jede Insel von Wasser umgeben ist. Drum baut Berlin seine Prunkbauten seit Jahrhunderten auf Pfählen.
Ich glaubte, dass mit dem Ersten Weltkrieg die Monarchie durch den Fußtritt der Novemberrevolution 1918/19 begraben wurde. Keine bürgerliche Republik macht sich zum Stiefelputzer des Feudaladels.
Irrtum! Weil SPD-Vorständler keinen Bahnhof stürmen, ohne vorher eine Bahnsteigkarte zu kaufen, unterblieb damals auch die Enteignung der alten Herrscherhäuser. Nun melden sich nach 100 Jahren die Erben der Hohenzollern und verlangen die Rückgabe von Schlössern und Waldungen, Bibliotheken und Juwelen sowie das unentgeltliche Wohnrecht im Potsdamer Schloss Cecilienhof. Als ob die Schlösser und Villen, die sie westlich der Elbe nutzen, die Familie obdachlos gemacht hätten. Juristisch haben ihre Anwälte Spielraum, aber moralisch treibt die Erben wohl mehr die Gier und die Geltung! Sie fordern auch Mitsprache bei allen Texten über das Leben und die Leistung ihrer Dynastie.
Was hätte wohl der gebildete Urahn und Haudegen Friedrich der Große dazu gesagt? »Maul halten und wegtreten! « Er hätte die Sippschaft in einen Seitenflügel des gerade nachgebauten Berliner Stadtschlosses gesteckt und in preußischer Tradition mit einer Gulaschkanone versorgt.
Ich hatte Angst, dass die ostdeutschen Landsleute das Eigentumsrecht als unantastbares Heiligtum der Kapitalisten betrachten, obwohl das Grundgesetz die Enteignung für das Gemeinwohl gestattet. Nun werden in der Berliner Karl-Marx-Allee drei Wohnblöcke, die 1993 im Rausch der Privatisierung verscherbelt wurden, auf Druck der Mieter mit staatlichen Geldern zurückgekauft, um den Mietwucher zu stoppen. Diese Häuser stehen unter Denkmalschutz, weil diese Allee ein Denkmal des nationalen Aufbauwerks der DDR ist, wo die Maurer und Trümmerfrauen zu den ersten Bewohnern zählten. Die Manager schäumen – die Mieter jubeln. Doch weil es mehr Mieter als Manager gibt, zieht hoffentlich Frieden ein.