DISPUT

Feuilleton

Diplomatie mit Helm?

von Jens Jansen

 

US-Präsident Trump twitterte – quasi als Neujahrsbotschaft nach Teheran –, dass sich der Iran auf »unverhältnismäßig harte Gegenschläge« einstellen muss, sobald ein Amerikaner zum Opfer iranischer Aktionen wird. Aus Washington folgten Anweisungen, wie sie nur der Innenminister in Teheran geben kann. Doch das gehört zur allgemeinen Verrohung der Sitten. Früher lag die Kunst der Diplomatie darin, die Ansichten und Absichten anderer Staaten und Politiker zu begreifen, um »verhältnismäßig« darauf zu reagieren. Jetzt sind von höchster Stelle zwei Buchstaben hinzugekommen: UN=verhältnismäßig. Die Silbe »UN« mahnt, wie oft die USA und ihre NATO-Partner, ohne Einbeziehung der UNO, »Feuer frei!« befohlen haben. Deutschland war – wegen der Bündnistreue – öfter dabei. Doch das wird in der global vernetzten Welt von heute schnell zum Roulette! Wer in Nahost zündelt, setzt nicht nur Peking und Moskau unter Strom, sondern ebenso Paris und London. Jede politische Krise wird zur ökonomischen und umgekehrt! In den Sonntagsreden wird wehmütig an die Jahrzehnte friedlicher Koexistenz in Europa erinnert. Doch da gab es noch einen sozialistischen Staatenbund als Gegenkraft, unter dessen Auflösung auch die Völker des Westens zu leiden haben. Was man aber nicht mit Helm auf dem Kopf erfassen kann. Gelobt sei, was hart macht!
Wäre es bei solchem Sittenverfall nicht ehrlicher, den betreffenden Botschaftern zum Frack beim Neujahrsempfang einen Helm aufzusetzen?
Nun ist die Ölregion Nahost zum Boxring der Supermächte und ihrer Stellvertreter geworden. Da sich auch Deutschland als Großmacht fühlt, haben Berlin, Paris und London dem Iran eine Vereinbarung gegen die atomare Aufrüstung abgerungen. Doch gefiel dem US-Präsidenten nicht, dass dieser noch die Unterhose anbehielt, statt nackend dazustehen. Drum zerriss Trump das Abkommen und drohte Teheran die Vernichtung an.
Prompt flüsterten ihm Geheimdienstler zu, dass ein führender General aus Teheran nach Syrien unterwegs sei – mit Zeit und Ort der Ankunft. Das weckte den Killerinstinkt und eine Drohnenschwadron, die kurz darauf meldete: Der Kerl wurde zur Strecke gebracht! Solche Kopfjägerei spart Soldatengräber. Derlei klingt gut im Wahlkampf.
Als Antwort schickt der Iran einige Raketen in die Nachbarschaft von US-Stützpunkten (mit Vorwarnung, daher ohne Opfer). Und weil Trump noch anderen Dreck am Stiefel hat und Wahlen gewinnen möchte, zeigt er sich erfreut, dass VORERST kein Krieg »nötig« sei. Doch dann brauchte Teheran drei Tage, um den Abschuss eines Passagierfliegers zuzugeben. Das allseitige Zittern ging weiter.
Solche Momentaufnahmen zeigen, wie diese Welt in die 20er Jahre geht. Lustig wird das nicht. Schon deshalb nicht, weil heutzutage kein Krieg mehr mit einer Kriegserklärung beginnt, sondern mit der psychologischen Mobilmachung zur Verteufelung des Opfers. Dafür machen die Erfinder der FAKE-News Überstunden. Ökonomische Sanktionen helfen, den Gegner auf kleiner Flamme weichzukochen. Dann folgen bewaffnete Nadelstiche. Und so weiter. Die Haupthelden heutiger Schlachten sind Digitalisten, die in irgendwelchen Dachkammern oder Bunkern die Zündköpfe jener Waffen programmieren, die keine Reue kennen.
Wer will, dass Europa nicht zur Knautschzone wird, darf weder als Stoßtrupp noch als Reserve mitmachen. Deutschland hat in den letzten 100 Jahren unter dem Kommando von Chauvinisten und Rassisten genug gemordet! Alle jetzt amtierenden Politiker und Diplomaten haben nie einen Krieg mit den heutigen Waffen erleben müssen. Man muss sie nicht mit Helm an die Front schicken, aber zur »Entziehungskur« überall dort, wo unsere Erde blutet.