DISPUT

Einsichten und Aussichten

von Jens Jansen

 

Wie schön, dass die Reste der Aufbaugeneration der DDR das noch erleben dürfen! Zum Jubiläum der Einheit geben einige Entwicklungshelfer aus Bonn zu: »Es war nicht alles schlecht im Osten!« Das sagt ja auch, dass nicht alles gut war, was sie angeordnet haben. Von 16 Millionen Ostbürgern von 1990 haben zwar nach 30 Jahren Umerziehung nur wenige Chefposten erklommen. Doch deshalb müssen sie sich nicht als »Bürger zweiter Klasse« fühlen. Eines Tages darf vielleicht Frau Merkel als erster Ostmensch eine der 21 früheren Ost-Universitäten leiten! Sofern Ost und West jemals auf Augenhöhe kommen. Sicher ist nur, dass die sozialen Gegensätze weiter wachsen, weil sich Wölfe nur schwer zu Vegetariern erziehen lassen, wenn sie das Revier beherrschen und gefüttert werden.
Berlin nannte sich nach 1990 »Werkstatt der Einheit«. Doch jede Umfrage, Sozialstatistik oder Wahl zeigt: Berlin muss weiterwerkeln! Beide Stadthälften waren Schaufenster und Speerspitzen im kalten Krieg zweier Weltsysteme und Militärpakte. Den Beton für die Mauer hatten beide Seiten angerührt. Die Narben der Entfremdung sind geblieben. Drum wurden vom rot-rot-grünen Senat zehn Millionen Euro für eine »Festwoche« zum Mauerfall investiert: 200 große und kleine Aktionen zwischen Ku'-damm und Stasi-Knast. Manche Besucher wurden lahm, andere blau und Fremde irren fragend umher: »Wo war denn die Mauer?«. Doch die Mauern in den Köpfen sieht man nicht. Da muss man gemeinsam reden und zuhören. Die offiziellen Festredner griffen zur alten Formel: Protestbürger plus Auslandshelfer = Mauerfall plus Regimesturz = Frieden und Freiheit!
Das ist aber eine Selbsttäuschung. Die Mehrzahl der Ost-Bürgerrechtler wollten keinen Systemwechsel, sondern einen besseren, demokratischen Sozialismus. Die Bonner Helfer in Washington,­ Moskau, Budapest und Prag mussten die DDR-Regierung und einige internationale Verträge umgehen. Der versehentliche Startschuss zum »Sturm auf die Mauer« kam aus dem Mund des Politbüro-Sprechers Schabowski. Die Berliner Chefs der vier Siegermächte fühlten sich überrumpelt und hätten den Notstand ausrufen können. Doch die Mauer fiel ja gar nicht in dieser Nacht! Die bekannten Durchfahrten, die Millionen Reisende seit Jahren nutzten, erlebten einen besonders langen Stau, der mit Gesang und Bananen versüßt wurde.
Ein Jahr später war der Einheitsvertrag zusammengenagelt. Keine neue Verfassung. Keine andere Hymne, aber neue Gesetze, andere Ausweise, fremde Banken und Ämter, vor allem ratlose Arbeitsämter, neue Mietverträge, teure Fahrkarten und 200 Krankenkassen statt einer. Der Einheitsvertrag war ein Annexionsplan zur Heimholung enttäuschter Landsleute.
Auch nach 30 Jahren ist wenig zusammengewachsen und vieles im Osten plattgemacht. Kohls »blühende Landschaften« wurden Supermärkte, Reisebüros und Sex-Shops. Aber vom «befreiten« Staatsvolk mussten Millionen als Lohndrücker auswandern, weil die »Treuhand« deren industrielle Basis veruntreute. Weil Alteigentümer die Ellenbogen ausfuhren. Und weil im Osten – bis heute – der Abstand der Löhne und Renten 21 Prozent ist.
Ein Drittel zwischen Elbe und Oder fühlt sich dennoch als »Gewinner der Wende«. Der Rest hat gemischte Gefühle und zahlt drauf, vom Zahnarzt bis zur Miete. Und keiner weiß, was morgen kommt. In Deutschland randalieren Rassisten, Antisemiten und Nationalisten. Die Regierung pendelt zwischen Koalitions- und Klimakrise, Pflege- und Bildungskrise, Kinderarmut und Bändigung der Gier der Superreichen.
Kein Wunder, dass in der Berliner Festwoche viel Magenbitter getrunken wurde. Systemkrisen machen durstig. Nie gab es mehr Mauern weltweit.