DISPUT

Ein typischer Sohn harmloser Deutscher

Gelesen von Ingrid Feix

Horst Krügers Buch liest sich wie ein Roman, so stimmungsvoll und literarisch sind Erinnerungen selten. Zum Glück »verzichtet (er) auf die belletristische Tarnung«, wie Kritiker Marcel Reich-Rainicki 1966 bei Erscheinen des Buches schrieb. Nun, zum 100. Geburtstag von Horst Krüger, wurde das Buch neu verlegt, in dem er nach 30 Jahren nach an seinen Heimatort Eichkamp, einer Siedlung im Westteil Berlins, zurückkehrt, um der Frage nachzugehen, wie es unter Hitler war, warum die Deutschen ihn liebten. Krüger schrieb, er wäre gern der Sohn eines Gelehrten oder Arbeiters, von Thälmann oder Thomas Mann gewesen. Aber: »Ich bin ein typischer Sohn jener harmlosen Deutschen, die niemals Nazis waren und ohne die die Nazis doch niemals ihr Werk hätten tun können.« Eine Betrachtung, die sich angesichts aktueller Entwicklungen offenbar nicht erledigt hat.

In seiner Jugend passiert in Eichkamp eigentlich nie etwas, alles geht seinen Gang. Bei genauerem Hinsehen gibt es doch einiges. 1938 nimmt sich die Schwester das Leben, ein Affront für den Beamten-Vater und die katholische, »Mein Kampf«-lesende Mutter, der einfach umgedeutet wird. Ein Jahr später wird Krüger verhaftet, weil er als Kurier für eine Gruppe »Nationalbolschewisten« tätig war. Durch seinen Freund Wanja lernte er eine Welt kennen, die »eine Mischung aus russischem Anarchismus und Altberliner Proletariat« war. Als er ihn zwanzig Jahre nach dem Krieg im Osten Berlins als Agitator und Propagandist wiedertrifft, ist nicht mehr viel davon zu spüren. Als Freund des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer war Horst Krüger in den 1960er Jahren Beobachter des ersten Frankfurter Auschwitzprozesses, was ihn zu dieser unbedingt lesenswerten literarischen Erkundung seiner Jugend veranlasste.

 

Horst Krüger: Das zerbrochene Haus. Eine Jugend in Deutschland, Schöffling & Co., 216 Seiten, 22 Euro.