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DISPUT

Die letzte Kolonie Afrikas

LINKE Frauen zu Gast in den Flüchtlingscamps der Westsahara

VON KATRIN VOß

Die Delegation von fünf Frauen der LINKEN fällt auf, hier in den Flüchtlingslagern der Westsahara im Süden Algeriens bei Tindouf. Nicht nur, weil eine von uns knallrote Haare hat, was besonders die Blicke der Kinder magisch anzieht. Besucher haben meist Naschereien dabei, für die es sich lohnt herbeizueilen. Für die Erwachsenen bedeutet es, ins Gespräch zu kommen, über Politik zu diskutieren. Denn Politik ist, was alle hier beschäftigt. Eine Woche werden wir in den Flüchtlingscamps Gespräche führen. Egal, in welches Zelt wir gebeten werden, ob in das von Ministern, engagierten Frauenorganisationen oder einfachen Beduinenfamilien: Spätestens bei der ersten Tasse des traditionellen Tees ist jedes Gespräch bei der aktuellen Politik Deutschlands und Europas. Wir haben uns auf den Weg gemacht, um mehr über die Flüchtlingslager zu erfahren. Bereits zu Beginn der Reise wird klar, dass diese Reise tief beeindruckend wird. Wir sind bei einer Familie untergebracht. Sie lebt seit mehreren Generationen in den Camps, so wie die meisten Familien. Alle warten auf die Einlösung des Versprechens, der Durchführung eines Referendums. Die Bewohner der Camps sind auf die Hilfsgüter der Vereinten Nationen angewiesen. Diese werden immer weniger, da die Gelder auf die Konfliktregionen weltweit aufgeteilt werden. Es mangelt an fast allem. Die gelieferten Lebensmittel umfassen nur das Notwendigste wie Mehl, verschiedene Getreide, Fett und Zucker, in Ausnahmefällen Kartoffeln oder Karotten. Die Qualität des Wassers, das in den Verwaltungsbezirken (Wilayas) zentral gepumpt wird, nimmt stetig ab. Die Fahrzeuge, die das Wasser an die einzelnen Sammelstellen der Familien ausliefern, sind veraltet, nicht immer einsatzbereit und die Lieferung unregelmäßig.

 

Marokko hält die Westsahara besetzt

Das Gebiet der Westsahara gilt als die letzte Kolonie Afrikas. Die historischen Zusammenhänge des Konfliktes sind kaum bekannt. Während der spanischen Kolonialzeit gründete sich 1973 die sahaurische Befreiungsbewegung, die Frente Polisario. Sie führte den bewaffneten Kampf für die Unabhängigkeit der Westsahara und für eine Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS). Als sich Spanien 1975 aus Spanisch- Sahara zurückzog, marschierten Marokko und Mauretanien in das Gebiet ein. Die Frente Polisario kämpfte nun gegen die neuen Besatzer für die Unabhängigkeit. 1979 zog sich Mauretanien aus der Westsahara zurück. Marokko änderte die Kriegsstrategie un marschierte nun auch in die ehemals durch Mauretanien besetzten Gebiete ein. Zur Sicherung errichtete Marokko eine Mauer mitten in der Wüste, um die Angriffe der Frente Polisario abzuhalten. Diese Mauer existiert bis heute, ist über 2700 Kilometer lang. Das Gebiet entlang der Mauer hat die größte Dichte an Landminen, Schätzungen gehen von etwa sieben Millionen Landminen aus. Erst 1991 kam es zu einem Waffenstillstandsabkommen zwischen der Frente Polisario und Marokko. Die Grundlage dafür bildete ein durch die Vereinten Nationen ausgehandeltes Abkommen, über eine Durchführung eines Referendums. Bei diesem soll die Bevölkerung der Westsahara über deren Zukunft entscheiden. Vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen wurde eine UN-Mission (MINURSO) eingesetzt, deren Mandat die Überwachung des Waffenstillstands in der Westsahara sowie die Durchführung des Referendums umfasst. Das Gebiet der heutigen Westsahara unterteilt sich in drei Teile. Der größte Teil sind die von Marokko besetzten Gebiete im Westen des Landes, die sich durch Fischreichtum an der Küste, Phosphat- und Erdölvorkommen auszeichnen. Im Landesinneren, abgetrennt durch die Mauer, sind die befreiten Gebiete. Und ein großer Teil der Bevölkerung lebt als Folge der kriegerischen Auseinandersetzungen mit Spanien, später mit Marokko, seit nunmehr über 45 Jahren in Flüchtlingslagern im Süden Algeriens. Es sind insgesamt fünf Flüchtlingslager, welche die Namen von Städten aus den besetzten Gebieten tragen.  

 

Auf Bildung wird viel Wert gelegt

Dank der guten Organisation in den Lagern gelingt es, Normalität in den Alltag der Geflüchteten zu bringen. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Jugend, der unter den aktuellen Umständen kaum Perspektiven geboten werden können. Die Gefahr, insbesondere von Marokkanern für den Handel mit Drogen angeworben zu werden, ist sehr hoch. Dagegen setzt die Polisario auf gute Bildung. Die beginnt bereits früh mit Vorschulklassen. Mit einfachsten Mitteln werden pädagogische Hilfsmittel gebastelt und einfache Lehmwände kindgerecht gestaltet. Die Alphabetisierung der Sahauris liegt laut Studie der Afrikanischen Union auf Platz zwei im Vergleich mit den afrikanischen Ländern. 80 Prozent der Jugend besitzt einen Studienabschluss, berichtete uns stolz Ahmed Lehbib, Minister für Jugend und Sport. Er verweist auf ein zentrales Projekt, Kinder während der Sommermonate, in denen die Temperaturen in der Wüste 50 Grad erreichen können, in europäische Länder zu entsenden. Neben den besseren Lebensbedingungen in Europa wird dieser Ferienaufenthalt aber vor allem auch als Bildungsreise für Kinder verstanden. Der Polisario ist es wichtig, dass die nachkommende Generation nicht den Anschluss an die allgemeine Entwicklung verliert. Die Kinder sollen Flugzeuge, Schiffe, aber auch Seen und Bäume nicht nur aus Erzählungen kennen. Alle diese Vorhaben sind jedoch nur über Spenden und die Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen möglich. Leider, so wurde uns in vielen Gesprächen immer wieder mitgeteilt, spielt Deutschland in der internationalen Solidaritätsbewegung fast gar keine Rolle. Wir sind mit dem Versprechen zurück nach Deutschland gereist, dies zu ändern! Bei allen Gesprächen ging es immer wieder um die Verträge der Europäischen Union mit Marokko. Diese ermöglichten der Europäischen Fischfangflotte den Zugang zu den Fischgründen der Westsahara. Im letzten Jahr wurden diese durch den Europäischen Gerichtshof für ungültig erklärt. Viel Hoffnung war mit diesem Urteil verbunden. Diese wurde jedoch im Februar dieses Jahres zerstört, als das Europäische Parlament mit deutlicher Mehrheit ein neues Fischereiabkommen mit Marokko auf den Weg brachte. Gefragt wurde auch, welche Position Deutschland in diesem Konflikt einnimmt? Hat die Ernennung des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler 2017 zum UN-Sonderbotschafter des Westsahara-Konflikts zu einem Umdenken in Deutschland geführt? Und wir werden mit den Bedenken konfrontiert, wie lange die Jugend noch auf eine friedliche Lösung warten wird. Ob sie ungeduldig werden, zu den Waffen greifen, um sich ihr Land zurück zu erobern. Wir kehren betroffen, aber auch ermutigt zurück. Betroffen, weil wir wissen, dass Europa und Deutschland Marokko als wichtigen Verbündeten in der Flüchtlingsabwehr sieht. Es werden weiter Gelder an Marokko gezahlt, um zu verhindern, dass Flüchtlinge aus Afrika nach Europa gelangen. Die Menschenrechte der Sahauris spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle. Wir sind betroffen, weil wir als Europäer*innen mitverantwortlich sind für die Ausbeutung der Ressourcen in den besetzten Gebieten. Aber wir kehren auch ermutigt zurück, weil wir unglaublichen Menschen begegnet sind. Menschen, die uns aufgezeigt haben, wie wichtig jede einzelne Stimme von uns gegen die Ungerechtigkeit dieses Konfliktes ist. Wir haben erfahren, wieviel das den Menschen der Westsahara bedeutet. Sie sind gestärkt, weil sie wissen, in uns neue Verbündete für ihren Kampf gewonnen zu haben.

 

Katrin Voß arbeitet im Bereich Internationales der Bundesgeschäftsstelle der LINKEN