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DISPUT

Der Stier und die Toreros

VON JENS JANSEN  

Eine Sage sagt, dass vor 3000 Jahren der griechische Göttervater Zeus erfuhr, dass in Asien eine reizende Königstochter mit Namen Europa lebt. Da Zeus bei solchen Tipps schnell in Wallung kam, verwandelte er sich sofort in einen starken Stier, trabte ins ferne Asien, fand das Mädchen und lud sie ein, mit ihm einen Ritt zu machen. Und schon trug er sie bis in seinen Palast auf Kreta. Dort fragte sie erstaunt: »Wo bin ich hier?« Worauf er sagte: »Dieser Erdteil ist mein Königreich. Doch wenn du mich liebst, soll er fortan deinen Namen tragen – Europa!« Noch heute zeigt die griechische Zwei-Euro-Münze den Stier mit dem Mädchen auf seinem Rücken, obwohl Griechenland von der Sparpolitik der Europäischen Union ziemlich gerädert wurde. Doch nun soll es ja einen Neuanfang der EU mit anderen Spielregeln geben. Denn Großbritannien möchte abspringen, weil es sich in seiner Souveränität als Großmacht zu oft verletzt fühlte. Frankreich als große Nation hat auch neue Regeln entworfen. Deutschland litt über ein Jahr an innenpolitischem Schüttelfi eber, möchte aber den künftigen Kaiser für die EU-Kommission in Brüssel stellen. Rom ist von einer »Braunfäule « erfasst. Ungarn und Polen möchten nicht nach der Pfeife der Europa- Kommissare tanzen. Die Balten betteln um NATO-Schutz. Die Ultra- Rechten aller Länder üben Kumpanei. Und die Tweets von Trump wirbeln den ganzen Haufen kräftig durch. 751 Abgeordnete aus 183 nationalen Parteien im Europa-Parlament sind in acht Fraktionen gebündelt. Aber die Strippe ist dünn. Die Europäische Linke stellt 52 Mandatsträger, darunter 7 aus Deutschland. Die haben es oft mit vielerlei An- und Absichten zu tun. Und trotzdem wollen unsere paar »Toreros « den »ungebändigten Stier« in neue Bahnen lenken. Wir sind nicht gegen ein »Haus Europa «, aber dieses Haus soll keine Kaserne für 28 sprungbereite NATOStaaten sein. Die Militarisierung der Außenpolitik lehnen wir ab. Auch wenn die EU im Schoß der Marktwirtschaft gewachsen ist, dürfen die größten und gierigsten Konzerne nicht den »Rat der Götter« bilden. Die Lebensinteressen der 500 Millionen Normalbürger müssen Vorrang haben. Wir brauchen nicht stärkere Waffen, sondern bessere Schulen. Nicht fragwürdige Vorschriften, sondern soziale Hilfen. Statt Knebel für Geringverdiener, Höchststeuern für die Großverdiener. Kein Anheizen der Klimakatastrophe sondern Abstrafung der Verursacher. Wer den Rechtstrend in Europa stoppen will, muss LINKS wählen! Mit 70 Stimmen hätten wir mehr Einfl uss als mit 7. Natürlich wird der Stier mit den Hufen scharren, wenn die Linken mit roten Westen kommen. Aber er wird sich bewegen, wenn wir uns vereint bewegen. Kann sein, dass die konservative Mehrheit im EU-Parlament den Münchener CSU-Mann Weber zum Hausherrn macht. Seehofer hat seinen Sekt schon kalt gestellt. Aber viele Europäer fürchten, dass Deutschlands ökonomische Stärke schnell in politischen Größenwahn umschlägt. Und wenn der Mann im Weißen Haus nach Art der Nashörner ruft: »Hoppla, jetzt komm ICH!«, dann ist Europa zu klein und zu dicht besiedelt, um die Rhinozerosse aufzuhalten. Dazu drei Zahlen: Erdbevölkerung 7,4 Milliarden – Deutschland = 1,4 Prozent. Der eurasische Block mit China und Russland, der Mongolei und Nordkorea hat fast 2 Milliarden Einwohner, hat alle kostbaren Rohstoffe, ein starkes Wachstum und eine solidarische Grundhaltung als Reich der kleinen Leute. Wenn sich der Stier Europa auf die chinesische Seidenstraße zubewegen würde, hätten wir eine glückliche Zukunft als Drehscheibe des Handels. Als Prellbock der Supermächte landen wir im Staub.