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DISPUT

Das linke Islamdilemma

Der kritische Geist der LINKEN im Sumpf der Solidarität oder warum es sich die Partei zu einfach macht und jene allein lässt, die ihre Solidarität tatsächlich brauchen

VON SARAH MEYERS

Es gab Blutwurst. Wurst aus Schweineblut und Schweinefl eisch zur Deutschen Islamkonferenz, zu der Horst-»Der Islam gehört nicht zu Deutschland«-Seehofer im November 2018 einlud. Aber nicht nur die für Muslime unerlaubten Häppchen boten Anlass zur Kontroverse, sondern auch die Zusammensetzung der Gäste. Die Deutsche Islamkonferenz war ein Abbild dessen, was die Diskussion über den Islam in Deutschland teilweise so schwierig gestaltet. Denn während Horst und Co. ihre kleinen oder großen Probleme mit dem Islam zu haben scheinen, sind sich die Musliminnen und Muslime unterschiedlicher Strömungen völlig spinnefeind. Es wurde gestritten, geschimpft, gebrüllt und verurteilt auf dieser Konferenz. Einzig der Name der Veranstaltung schien einen Zusammenhalt zu symbolisieren. Die Musliminnen und Muslime bei der Deutschen Islamkonferenz hätten sich zwischenzeitlich wohl gern gegenseitig den Kopf abgerissen. Zu unterschiedlich sind ihre Ansichten, den Islam betreffend. Und wie verhält sich DIE LINKE in all dem Chaos? Sie summt vergnügt die Internationale vor sich hin. Ach, das bisschen Streit! Hauptsache ist doch, hier wird niemand von rechts diskriminiert, weil man dann, von unbändiger Leidenschaft getrieben, eingreifen müsste.

 

Wie steht DIE LINKE zum Islam?

Wenn die AfD A sagt, dann brüllt man B – unabhängig vom Inhalt. Und wenn die AfD den Tierschützer mimt und die Praxis des Schächtens verbieten will, dann heißt es: »Antisemiten! Islamfeinde!« Klingt logisch, immerhin lässt sich nicht leugnen, dass sich unter dem roten, nicht nur symbolisch nach Rechts geschwungen Pfeil durchaus Antisemiten und Islamfeinde tummeln. Aber abgesehen von der Tatsache, dass die AfD sicherlich keine Alternative bietet, ist die Frage: Wie steht DIE LINKE denn nun zum Islam? Und mit Islam ist an dieser Stelle nicht der zu rettende Flüchtling im Mittelmeer gemeint, der zufällig Muslim ist, und auch nicht die Frau in der U-Bahn, die von einem Neonazi angespuckt wird, weil sie ein Kopftuch trägt.

 

Homophob und konservativ

Mit Islam gemeint ist die Religion, ihre Werte, ihre Einstellung und ihr Weltbild. Zwar war mir von Anfang an klar, dass die Position der LINKEN zum Islam durchaus kontrovers diskutiert wird, wie steinig dieser Weg zu Antworten aber tatsächlich ist, wurde mir erst im Rahmen der Recherche für diesen Artikel wirklich bewusst. So richtig über das Thema sprechen wollte niemand. Zuckende Schultern oder diplomatisches Ausweichen waren die Reaktionen, die ich statt Antworten bekam. »Es ist kompliziert«. Aber wieso eigentlich? Kritik an religiösen Dogmen, Wertvorstellungen oder Praktiken ist ein hohes Gut, das DIE LINKE traditionell verinnerlicht hat. Religion ist Opium für das Volk – gilt das nur für das Christentum? Denn Religionskritik, sofern begründet und sachlich formuliert, ist kein Rassismus. Kritik am Islam ist also keine Islamfeindlichkeit. Beim Christentum kritisiert DIE LINKE freudig von der Leber weg. Beim Islam scheint sich innerhalb der LINKEN die Angst verbreitet zu haben, sich die Finger verbrennen zu können und in eine rechte Ecke gestellt zu werden. Darüber hinaus wissen viele inhaltlich und geschichtlich zu wenig über den Islam, als dass sie gegen rechte Hetze und für einen kritischen Umgang mit der Religion argumentieren könnten. Und so tut DIE LINKE das, was sie als ihr sicheres Terrain bezeichnet: Sie argumentiert stringent gegen Rechts – ohne wirklich zu wissen, wen und welche Wertvorstellung sie da eigentlich verteidigt. Verschwindet der kritische Geist der LINKEN im Sumpf der Solidarität? Patriarchat, Homophobie und Konservatismus sind doch alles Zielscheiben der LINKEN. Mit ihrem verhaltenen Schweigen überl.sst sie das breite Feld der Kritik an Weltbildern, die nichts übrig haben für Menschen fern von der Hetero-Normativität, niemand geringerem als den Rechten selbst. Dankbar und zutiefst populistisch bedienen sie den Hass auf Muslime und den Islam und instrumentalisieren hierfür die Aufklärung und die Menschenrechte. Auf einmal werden die Rechten zu Frauenrechtlern, Demokratieschützern und Freiheitskämpfern mit einem großen Herz für Tiere. Dass diese perfi de Masche nichts mit Religionskritik zu tun hat, ist uns klar. Stellt sich DIE LINKE aber nicht mit konstruktiver Religionskritik dagegen, haben die Rechten trotzdem das letzte Wort. Mit ihrem Schweigen über den Islam vergibt DIE LINKE nicht nur die Chance, den rechten Populismus zu entlarven, sondern verkennt auch, wie intolerant derzeitige Islamauslegungen angesichts islamischer Geschichte eigentlich sind. Ein Blick in die islamische Geschichte zeigt, wie konservativ der Islam heute interpretiert und gelebt wird. Wer erinnert sich im Kontext der heutigen strengen Alkoholabstinenz vieler Muslime an die islamische Dynastie, in der guter Wein als tägliches Genussmittel geschätzt und die Weingläser mit religiösen Inschriften versehen wurden? Was ist mit den Bestrebungen der »Nahda« eine stabile Demokratie auf der Basis eines weiterentwickelten Islam zu errichten? Wo sind all die Frauenrechtlerinnen islamischer Geschichte hin verschwunden? Dass Kopftuch, Niqab und Burqa zum Islam gehören, scheint gesetzt, aber ganz so eindeutig und klar lässt sich das gar nicht sagen, denn wer interpretiert die betreffenden Suren 24 und 33? Wer einmal einen Blick auf Fotografi en aus dem Iran, Afghanistan, Ägypten oder Marokko vor 1978 geworfen hat, bemerkt schnell, dass vor der islamischen Revolution unter Ayatollah Chomeini ein komplett anderer Islam gelebt wurde. Konservative islamische Strömungen möchten ihr Verständnis vom Islam als einzig rechtsgültige Form anerkennen lassen und reichen den Rechten damit die Hand, die sich selbstverständlich nicht die Mühe machen, einen pluralistischen Islam in seiner ganzen Fülle zu betrachten. So zeigt sich, dass das wohl größte Problem in der Debatte mit dem und über den Islam die Tatsache ist, dass die Rechten von dem Islam als homogen-konservativer Weltanschauung sprechen, der in der Form gar nicht existiert, da es innerhalb der islamischen Religion sehr heterogene Strömungen gibt. Indem DIE LINKE ein Islam-Kollektiv vor den Rechten in Schutz nimmt, tappt sie genau in die Falle. Die Debatte über den islamischen Glauben wird dabei populistisch und künstlich völlig vereinfacht.

 

Die liberalen Muslime stützen

Schließlich geht es gar nicht mehr um fundierte Religionskritik, sondern die Diskussion über den Islam rutscht viel zu schnell ab in ein dschungelhaftes Argumentationsdickicht: deutsche Muslime oder muslimische Deutsche? Muslime gehören zu Deutschland, der Islam aber nicht? Und so dreht sich die Spirale immer weiter, bis schließlich gar kein Raum mehr bleibt für Kritik an Dogmen und Interpretationen von Suren, Hadithen (Zitate und Handlungen des Propheten Mohammed) und der Frage: Wie lässt sich Religion weiter entwickeln, dass sie ins Jahr 2019 passt? Es geht am Ende leider nur ums nackte Schwarz-Weiß-Malen. Wie wäre es zur Abwechslung mal mit bunt? Dass DIE LINKE sich an dieser Stelle auf die Seite der Minderheit, der Muslime, stellt, ist löblich – ändert aber nichts daran, dass sich DIE LINKE somit aus dem innerislamischen Diskurs über die Religion an sich zieht. Und dabei lässt sie eine ganz besonders wichtige und schutzbedürftige Minderheit innerhalb der Minderheit leider komplett im Regen stehen: die liberalen Muslime.  

 

Sarah Meyers studiert an der Freien Universität Berlin Islamwissenschaften und macht ein Praktikum in der Pressestelle der LINKEN.