DISPUT

Auf 'ne Mate beim Roten Baum

Seit 1993 bietet der gemeinnützige Verein Ferienfahrten an. Die sind unvergessliche Erlebnisse, für die Teilnehmenden wie für die Betreuer*innen

 

Von Sophia Sprunk

 

Die Sommersonne glüht brutal durch die Häuserschluchten und legt jeglichen Anspruch an Produktivität in Schutt und Asche. Zum Glück braucht man für ein gutes Kennenlerngespräch keinen kühlen Kopf. Meinen würde ich derzeit eher »Glühbirne« taufen. Erleichtert entdecke ich, dass sich Konny im Schatten niedergelassen hat. Sie kippelt gekonnt mit einer Zeitung in der Linken und einer Mate in der Rechten auf einem gefährlich geneigten Stuhl. Eine alte Frau dreht sich empört weg, als sie den Computer aufklappt. Auf einem Sticker steht groß: »Kein Mensch ist illegal!«

Konny grinst über beide Ohren. Ich setze mich zu ihr, schaue verschämt auf den Boden und schweige. »Hallo Max! Kennst du den Roten Baum eigentlich schon?«, fragt sie mich. Ich schüttele den Kopf. Tatsächlich bin ich vollkommen neu und auch noch nie Betreuer gewesen. Außer im Fußballverein, aber das zählt wohl nicht. Immerhin gehörte den Arm auszustrecken vor der Kabine der ostdeutschen Planviertel tragischerweise noch zum allgemein akzeptierten Umgangston.

»Du kennst doch vielleicht das Haus der Begegnung an der Großenhainer Straße. Gleich daneben steht so ein kunterbunt bemaltes Haus, vor dem auch manchmal ein paar Jugendliche sitzen. Da sitzt der Rote Baum. Wir sind '93 entstanden, aus dem Wunsch heraus, unsere Werte an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Und natürlich der aufstrebenden Rechten unmittelbar nach der Wendezeit etwas entgegenzuhalten. Hilfe von Jugendlichen für Jugendliche. Ich selbst war da natürlich noch Quark im Schaufenster. Oh, Entschuldigung, bist du vegan? Ein Apfel in der Auslage.« Als der Kellner kommt, verteilt er den halben Kaffee über meiner Hose. Ich versuche, mir den Ärger nicht anmerken zu lassen. Es gelingt nur mäßig. Mein Bein brennt höllisch.

»Wir sind als anerkannter Träger der Jugendhilfe, aber auch in anderen Bereichen aktiv. Zum Beispiel in Streetwork- und Modellprojekten wie dem Eltern-Kind-Büro. Wie war denn deine Schulzeit und Jugend?« Aufmunterndes Lächeln. Ich verschlucke mich und huste heraus: »Viel Gutes dabei, aber unter dem Strich unangenehm. Auf 'ner Skala von Landserkonzert bis Revolution eher so 'ne zwei. So ein Zahnarztbesuch, wo man vorher noch mal anfängt zu putzen. Wir hatten so einige Querschläger, die einem das Leben zur Hölle machen konnten. Gerade wenn man es wagte, über Politik zu reden. Also über die falsche Art von Politik.« Sie nickt und lehnt sich zu mir. »Ja, von so was können hier viele erzählen. Auch die Älteren unter den Betreuer*innen, die zum Teil noch die Baseballschlägerjahre mitgemacht haben. Genau deswegen wollen wir eine kulturelle, soziale und politische Heimat sein. Für deinen Fall hätten wir zum Beispiel Schulsozialarbeiter*innen, und die politische Bildung kommt natürlich auch nicht zu kurz. Ausgrenzung jeder Art ist besch… äh, bescheiden. Und das lernen wir lieber in der Jugend als zu spät.« Ihr Smartphone bimmelt ätzend laut. »Oh Sorry!« Bedrückt fügt sie hinzu: »Leider sind momentan Instastories, Punkte beim Daddeln und tägliches Auskotzen auf Social Media attraktiver, als sich zu engagieren. Es ist aber auch so einfach geworden, wegzuschauen.«

Das kleine Männeken auf der Brusttasche ihrer Jacke wirft ein Hakenkreuz in den Abfalleimer. »Also in meiner Ferienlagerzeit gab es eher weniger coole Sichtweisen«, murmle ich. »Oder besser: Ältere, die uns ihre kritische Sichtweise hätten erklären können.« Ich runzele die Stirn etwas zu sehr beim Nachdenken. »Es ist ja schon ein Weilchen her, aber ich habe bei den Badeferien an der Ostsee vor allem zur Kuschelrock 8 bis 12 getanzt und am Lagerfeuer den ersten Kuss bekommen. Natürlich nur, um gleich wieder abgeschrieben zu werden. So Jungs wie ich waren immer zu weich für die toughen Mädels. Ich wünschte, uns hätte damals schon jemand die Gefahr von falschen Rollenbildern gezeigt.« Also zumindest trägt Konny ihre Haare raspelkurz zu einer Hose mit Trägern, ich trage ein pinkes Hemd und Wallemähne. Irgendetwas scheint doch anders gelaufen zu sein. »Wenn du dich selbst als Kind betreuen müsstest, was hättest du getan? Du hättest doch deine Handlungen und Ziele für die Zukunft auf die Fehler deiner Vorfahren geprüft, oder nicht? Niemand von uns möchte die altrechten Jugendorganisationen wiedersehen. Wir wollen Empowerment vorleben und nicht nur von ungehinderter Selbstentfaltung im Kapitalismus predigen, wie du es sonst überall in den Institutionen finden wirst. Und das lässt sich jeden Tag umsetzen, eben auch in den Ferien. Wenn du als Bademeister dafür sorgst, dass jedes Kind genauso oft vom Steg springen darf wie das andere. Oder du mit den Ängstlichen zusammen hüpfst, während der kranke Knirps ein Eis schleckt, dann lernen wir eben schon Gleichgewicht im Kollektiv, Solidarität und Hierarchiefreiheit.« Ich füge grübelnd hinzu: »Und wenn ich möchte, dass wir die Welt erkennen, dann mache ich daraus ein Detektivspiel.«

Konny bastelt aus ihrer Zeitung einen zumindest schematisch erkennbaren Hut und setzt ihn mir auf: »Und welche Gruppe die richtige Antwort findet, muss den anderen erklären, wie wir dieses Wissen zum Wohle aller Menschen einsetzen können. Auch Kinder dürfen bei uns Vorbild sein und lernen, wie wirksam sie sein können. Überhaupt sollen die Kinder ja Eigenverantwortung lernen. Sie sollen sich Aufgaben selbst mit einteilen und auch erledigen. Du musst nicht alles machen, aber die anstehende Arbeit solltest du gemeinsam mit den Kindern auf Augenhöhe bewältigen. Dann behalten sie die Zeit im Gedächtnis. Von solchen Erinnerungen lässt es sich ein Leben lang zehren. Und irgendwann wollen sie dann bestimmt auch einmal selbst eine Fahrt betreuen.« Ich knabbere an meinen Fingernägeln und versuche in Worte zu fassen, was mich beschäftigt. »Aber ich bin doch gar kein Sozialpädagoge oder Erzieher?« Diesmal kann sich Konny das Lachen nicht verkneifen. »Keine Sorge. Einzige Grundvoraussetzung ist erst mal, dass du die Kinder so nimmst, wie sie sind. Weder predigst du ihnen was vor, noch sollten sie dir egal sein. Leb ihnen einfach ein gutes Beispiel vor. So, wie du selbst als Kind gerne behandelt werden würdest. Für alles weitere machst du zunächst eine erprobte Betreuer*innen-Schulung, die dir das nötige Wissen nahelegt. Wir haben außerdem ein kompetentes Team aus Professionellen und Altbetreuer*innen, die du natürlich um Rat fragen darfst. Zum Beispiel bei einem unserer Betreuer*innen-Seminare. Genaueres findest du aber auch im Internet.«

Das Hütchen rutscht mir gleich wieder vom Kopf. Der Preis der Zeitung steht obenauf. Ich überlege kurz. »Und was wäre, wenn ich mir das Ferienlager schlichtweg nicht leisten kann? Meine Eltern konnten damals mich und meine Schwester nur abwechselnd auf die Reise schicken.« Ein Nicken signalisiert mir, dass es Konny wohl ähnlich ergangen sein muss. »Diese Gesellschaft entzieht vielen ihre natürlichen und sozialen Lebensgrundlagen. Deswegen sind wir als Roter Baum aktiv geworden. Bei uns bekommt jede Familie die Gelegenheit, ihren Kindern eine Reise zu ermöglichen. Fernab vom knappen Hartz-IV-Satz. Wir geben die entsprechenden Landes- und Stadtfördermittel deswegen an die Teilnehmenden weiter. Natürlich muss es immer die Chance geben, dass man sich unabhängig von seiner ethischen, sozialen und kulturellen Herkunft selbst verwirklichen kann.« Kurz pausiert sie und blickt in die Ferne: »Wir brauchen die Hilfe von Freiwilligen wie dir.« – »Ich wäre sehr gern mit dabei! Und anpacken kann ich auch. Ich will zeigen, dass jedes Kind und jeder Mensch wertvoll ist.« 

 

Sophia Sprunk arbeitet derzeit als Praktikantin im Projekt Ferienfahrten