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DISPUT

»Armut ist Bildungshemmnis«

Am 28. September 2019 fand in Wuppertal die bundesweite Fachtagung der LINKEN statt. Die Forderung: »Gute Bildung für alle ermöglichen!« 

 

Von Gunhild Böth

Über 70 Bildungsexpert*innen diskutierten in der Gesamtschule Else Lasker-Schüler über die Erscheinungsformen von Armut, deren bildungsbehindernde Auswirkungen – aber vor allem über Maßnahmen dagegen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene. Wuppertals Oberbürgermeister Andreas Mucke eröffnete die Tagung und begrüßte die Teilnehmenden in der Stadt Friedrich Engels. Er verwies auf die Schwierigkeiten des Strukturwandels, den Wuppertal ohne Hilfen vollziehen musste und der immer noch nachwirkt: Sichtbar an einer Unterbeschäftigungsquote von 15 Prozent, der zweithöchsten Armutsquote in NRW und einem nicht selbst verschuldetem Schuldenberg. Bildung habe einen hohen Stellenwert in der kommunalen Politik, aber die Finanzen seien extrem knapp.
 

Vielfältige Probleme in armen Familien

Mit Kinderarmut ist zuerst einmal die materielle Armut der Eltern gemeint. Aber in armen Familien gibt es oft weitere Probleme: fehlende Tagesstruktur, psychische Probleme der Eltern, Mangel an Bestätigung, um nur einige zu nennen. Wie alle Kinder passen sich auch Kinder aus schwierigen häuslichen Verhältnissen ihren Bezugspersonen an. Daher müssen die Eltern einbezogen werden, stellte die psychotherapeutische Ärztin Korinna Bächer vom Kölner Kinderschutzzentrum dar. Verhaltensweisen und Einstellungen, die Kinder in den ersten vier Lebensjahren einüben, sind später nur noch schwerlich zu verändern. Daher müsse die soziale Segregation durch zum Beispiel intelligente Stadtplanung aufgebrochen werden, damit Kinder auch andere Verhaltensweisen und Einstellungen kennenlernen als die des häuslichen Umfelds.

Dorothee Kleinherbers-Boden von der Landesvereinigung der Gesamtschulleitungen schilderte eindrücklich, dass bei vielen Schüler*innen aus armen Familien zuerst einmal eine Beziehung aufgebaut werden müsste, um in ihnen Selbstvertrauen zu wecken. »Wenn ein Mädchen mir erklärt, dass ihre Zwei in der Klassenarbeit zu Hause keinen interessiert, dann müssen wir an den Schulen das leisten, was bei anderen Kindern die ganze Familie leistet: Zutrauen zu sich und Stolz auf sich.« Dies sei eine andere Art von Schule und stelle andere Aufgaben an Lehrkräfte als Fachunterricht. Aber ohne diese Beziehung und das In-den-Blick-Nehmen könnten Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen nichts lernen, weil es sie blockiere. »Beziehungsarbeit geht bei uns immer vor, und das kostet Zeit, die Lehrkräfte eigentlich nicht haben.« Schulen mit diesen vielfältigen Aufgaben brauchen daher mehr Personal und die Ausbildung muss auf solche Anforderungen vorbereiten. Aber auch die Kommune muss eine bessere Ausstattung liefern, denn gerade diese Schüler*innen sollten durch schöne, gepflegte und gut ausgestattete Gebäude Wertschätzung ihrer Leistungen erfahren. »Sie dürfen am allerwenigsten in heruntergekommenen Schulen lernen müssen.«

Die doppelte Benachteiligung durch Armut und Migration nahm Christiane Bainski, langjährige Leiterin der NRW-Koordination der kommunalen Integrationszentren, in den Blick. Untersuchungen durch Blind-Vergleichstests legen offen, dass häufig Lehrkräfte die Klassenarbeiten von Schüler*innen mit ausländisch klingenden Namen schlechter beurteilten als die mit vermeintlich deutschen. Zudem halten sich nach wie vor falsche Thesen: Beispielsweise, dass mehrsprachige Kinder nur Deutsch sprechen sollten. Viele Studien und neurowissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt haben, dass Mehrsprachigkeit andere Lernstrategien hervorbringt – die viele Lehrkräfte aber nicht kennen. Viele erprobte und erfolgreiche Konzepte sind vorhanden, werden aber nicht flächendeckend umgesetzt – ein weiteres Hindernis für mehrsprachige Schüler*innen in der Bildung.

Tim Spieker schilderte die Arbeit mit Jugendlichen, die in einer Jugendwerkstatt nach Schulscheitern, Schulverweigerung oder dem Hin-und-her-geschoben-Werden in der Jugendhilfe Fähigkeiten und Fertigkeiten für ein Berufsleben aufbauen sollen. Auch hier ist Selbstwirksamkeit ein großes Ziel: das Gefühl, etwas geleistet zu haben, etwas zu können. Dabei müssen viele erst einmal über ihre Versagensgeschichten hinwegkommen. Mit intensiver Betreuung gelingt es oft, einen Schulabschluss nachzuholen. Leider führt das trotz der erworbenen berufsbezogenen Fähigkeiten meist noch nicht zu einem Ausbildungsplatz. Diese Jugendwerkstätten sind aktuell die letzte Station vor der Perspektivlosigkeit – und die Teilnahmezahlen steigen.

In den anschließenden Arbeitsgruppen wurden Vorschläge und Forderungen für die notwendigen Schritte erarbeitet und überlegt, welche Bündnispartner*innen einbezogen werden sollten.


Bildung allein reicht nicht

Den Nachmittag leitete Prof. Christoph Butterwegge mit seinen Thesen ein: »Bildung allein reicht nicht zur Armutsbekämpfung!«. Denn wenn alle eine bessere Bildung hätten, gäbe es vielleicht mehr Taxifahrer mit Hochschulausbildung, aber die prekären Arbeitsverhältnisse würden sich ohne Umverteilung nicht ändern. Er forderte einen höheren Mindestlohn, gleichzeitig müssten die Steuern für Reiche eine auskömmliche Finanzierung von staatlichen Leistungen sicherstellen.

Beim Abschlusspodium gab er das Stichwort für den Wuppertaler Beigeordneten Dr. Stefan Kühn, der die Unterfinanzierung der Kommunen thematisierte. In Wuppertal lebt jedes dritte Kind in Armutsverhältnissen und viele Maßnahmen werden allein über eingeworbene Projektmittel finanziert, was sie immer zeitlich begrenzt. Die umfassende Begleitung von Familien gelingt in einem Stadtteil mit 60 Prozent armen Familien nicht in ausreichendem Maß. Der Kita-­Ausbau komme nur schleppend voran – der offene Ganztag an Grundschulen sei eine Mogelpackung, da das Land eine echte Ganztagsschule nicht finanzieren wollte.

Dorothea Schäfer, ehemalige GEW-Vorsitzende in NRW, stellte heraus, dass Ungleiches ungleich behandelt werden müsse: Schulen mit schwierigen Anforderungen müssten personell und sächlich besser ausgestattet werden. Diese Schulen hätten schon jetzt bei Stellenausschreibungen kaum noch Bewerbungen: Junge Lehrkräfte arbeiteten lieber in Schulen, die besser ausgestattet sind und mit weniger Herausforderungen zu kämpfen haben. Mittel und Personal dürften nicht mehr nach dem Gießkannen-Prinzip verteilt werden, sondern nach einem genauen schulscharfen Sozialindex für die einzelne Schule und ihre konkreten Schüler*innen. Der bisherige Sozialindex gilt nur für Grund- und Hauptschulen, differenziert nicht nach dem Schulstandort und ist viel zu gering ausgestattet. Auch müsste mehr in Ausbildungs- und Studienplätze investiert werden, um den Bedarf an pädagogischem Personal sicherzustellen.

Dr. Birke Bull-Bischoff, MdB der Partei DIE LINKE, verwies darauf, dass die vorgelegten Programme und Gesetze der Bundesregierung einmal mehr ein Tropfen auf den heißen Stein seien. Bildungspolitik krankt in Deutschland daran, dass nicht nur viel zu wenig Mittel bereitgestellt werden, es gibt darüber hinaus ein eklatantes Ungleichgewicht zwischen der Förderung von so genannten Exzellenzprogrammen und der Förderung von Bildungsgerechtigkeit. Das »Starke-Familien-Gesetz« setze die Tradition »herablassender Sozialpolitik« fort. Menschen werden als Arme identifiziert und zugleich stigmatisiert. Armutsbekämpfung komme so eher einem Akt der Barmherzigkeit gleich. Die Bürokratie für die Verwaltung dieser Programme verkenne zudem vielfach die Lebenssituation der betroffenen Familien. Bereits mit der Antragstellung sind viele völlig überfordert oder verzichten aus Schamgefühl auf finanzielle Unterstützung. Auch die Förderung durch das »Gute-Kita-Gesetz« läuft nur wenige Jahre, bis 2022. Es sei verpasst worden, auch notwendige Qualitätsstandards miteinander zu vereinbaren, beispielsweise verbindliche Personalschlüssel oder Qualifikationen der Fachkräfte. Ein wirklich ernstzunehmender Schritt für die Bekämpfung von Armut sei weder das eine noch das andere. 

Gunhild Böth ist im Koordinierungskreis der der BAG Bildungspolitik der Partei DIE LINKE aktiv.