DISPUT

ALLES GUTE?

Feuilleton

 

Von Jens Jansen
Das wünscht man so zum Jahresbeginn. Aber die Zeiten, als das Wünschen noch half, sind vorbei. Das galt nur, solange ein ungefähres Gleichgewicht zwischen dem Guten und dem Bösen auf diesem Erdball bestand. Eine sachliche Debatte, woran man das Gute oder das Böse erkennen kann, hat bis heute nicht stattgefunden. Nach1990 verkündeten die jeweiligen Herrscher der USA den Endsieg des Turbo-Kapitalismus. Sie nennen sich die stärkste Militärmacht aller Zeiten. Sie nennen alle Staaten, die ihre Wünsche nicht umgehend erfüllen, Schurkenstaaten. Sie senden Ultimaten und Drohnen aus, um Regimewechsel zu erzwingen. Und doch haben immer mehr Regimekritiker den Eindruck, dass die Freiheitsstatue den Arm mit der Fackel sinken lässt und die eigene Haut verbrennt, weil andere Mächte mächtiger werden. Beim Blick auf Peking und Moskau treten in Washington und London immer öfter Fälle von politischer Tollwut auf. Europa mit Berlin und Paris
entwickelt sich zur Knautschzone zwischen zwei gewaltigen und gewalttätigen Machtblöcken. Mächtige Bewegungen mit Gelben Westen oder Schultaschen, Streikhelmen und Enteignungsforderungen zwingen die Staatslenker zu Überstunden und Kompromissen. Deutschland und Frankreich ernten viele Fußtritte von Mister Trump. Aber die hiesigen Minister für Verteidigung, Wirtschaft und Außenpolitik küssen dennoch seine Füße. Deutschland spendiert noch mehr Geld für die NATO. Auch für Auslandseinsätze der Bundeswehr. Demnächst ziehen 37.000 Soldaten aus 16 Bündnisstaaten und mit schwerem Kriegsgerät zum Manöver vor Putins Haustür. Das wird der dritte Aufmarsch seit 100 Jahren mit deutschen Panzern im Balkan und im Baltikum! Vielleicht stoßen unsere Jungen da noch auf Opas Helm? Er hatte ihn beim Rückzug abgeworfen und geschrien: »Nie wieder!«
Hier im Zentrum Berlins wurde wieder so viel geböllert, dass kein böser Geist überleben sollte. Ein grünlicher Gut-Geist hatte gewarnt, dass in der Silvesternacht 15 Prozent des Jahresaufkommens an Feinstaub in die Luft geblasen wird. Aber Deutschland steht ja beim Klimaschutz auf Rang 23, hinter Rumänien. Da kann Berlin kein Luftkurort werden!
Hingegen hat unser rot-rot-grüner Senat viel Beifall und einige Buh-Rufe­ für den Mietendeckel empfangen. Der wird die Kleinverdiener in unserer Mieterstadt vor den Daumenschrauben der Hausbesitzer schützen. Die Spezialisten für Luxusbuden wollen aber erst vor Gericht hören, dass die Väter des Grundgesetzes­ derlei zum Schutz des Gemeinwohls erlaubt haben. Die Zweifel sind verständlich, weil ja ansonsten in diesem Reich der Reichen alles getan wird, um die Unternehmer bei Laune zu halten. Immerhin rechnen die 30 wichtigsten deutschen Konzerne auch 2019 mit Gewinnen um 25 Prozent. Da werden auch die Stadtvillen und Suiten nicht leer bleiben. Nur die Rentenkassen klagen jetzt schon, dass sich Ebbe anbahnt. Die Bundesbank schlägt deshalb vor, das Rentenalter auf 69 Jahre zu erhöhen. Wer dann noch von Schicht kommt, geht nicht mehr zur Demo. Er streckt sich nach der Decke. Aber vielleicht wird unsere Decke auch bald wieder länger und breiter. Die NATO muss nur erst den Einmarsch der Russen und Chinesen aufhalten und das geht nicht mit Silvester-Böllern! Nun wissen wir auch, warum die Neujahrsreden am Schluss immer flehen: »Gott schütze unser Vaterland!« In der Bibel stehen aber nirgends die Namen Trump, Johnson, Gauland oder Merz.