DISPUT

Abwehrkämpfe. Neu im Kino.

Von Jürgen Kiontke
 

 

Jojo Rabbit

Der zehnjährige Johannes hat wenig zu lachen. Es ist der Zweite Weltkrieg und mit seinen Pimpf-Kollegen soll er für den Fronteinsatz trainieren. Aber als er sich als zu harmlos erweist, einen Hasen zu töten, hat er seinen Spitznamen weg. Auch mit Bewegung hat er es nicht. Wenn er mit der Handgranate wirft, kann man sicher sein, dass sie von einem Baum zurückprallt und an Jojos ohnehin lädierter Rübe gehörige Schäden hinterlässt.

Spätestens hier setzt das Kopfkino ein. Dort steht Jojo der imaginäre Führer Adolf Hitler persönlich zur Seite, wenn es darum geht, ein richtiger Nazi zu werden. Da fläzt sich Adolf im Sessel und gibt gute Ratschläge.

Einen massiven Grund, den Aktionsradius seines Hirngespinstes einzuschränken, ist Jojos Entdeckung, dass seine Eltern offenbar im Widerstand aktiv sind. Bald findet er raus, dass im Wandschrank jemand haust – Jojos Mutter hat offensichtlich ein jüdisches Mädchen versteckt. Und Elsa gibt dem fanatischen Mini-Nazi einen Reality-Check nach dem anderen.

»Jojo Rabbit« war der Publikumsrenner auf allen Festivals, auf denen der verrückte Film über den Führer im Kopf lief. Regisseur Taika Waititi hat ein auch in den Nebenrollen mit Sam Rockwell und Scarlett Johansson bestens besetztes Drama gedreht.

 

Die Wütenden – Les misérables

Mit Victor Hugos berühmtem Roman hat Ladj Lys gleichnamiger Film »Die Wütenden – Les misérables« den Schauplatz gemeinsam: Die Pariser Vorstadt Montfermeil, Ort krasser sozialer Spannungen, dem Hugo mit seinem Werk ein Denkmal setzte. Und wie der Romancier berichtet auch Ly, der in diesem Viertel aufwuchs, von Polizeigewalt und Kleinkriminalität.

So spielt sein Film die meiste Zeit in einem zivilen Streifenwagen. Ordnungshüter Stéphane, der seinen ersten Einsatz in der Einheit für Verbrechensbekämpfung hat, kriegt gleich mit, wie die Machtlinien auf der Straße und in den Wohnblocks verlaufen. Er und seine mies gelaunten Kollegen schlichten hitzige Auseinandersetzungen, besorgen geklautes Eigentum wieder und halten auch schon mal eine Waffe an den Kopf eines Verdächtigen. Legal ist hier meist gar nichts.

Beim Versuch, einen jugendlichen Dieb festzunehmen, der – bitte­ festhalten: ein Löwen-Baby gekidnappt hat – werden die Polizisten von einer Drohne gefilmt. Da einer von ihnen den Verdächtigen fast getötet hat, hätten sie nur allzu gern die Speicherkarte mit der Aufnahme.

Diese Version von »Les misérables« hält sich nicht lange auf mit der Schilderung politischer Prozesse, mit der Darstellung der Organisation von Macht und Gegenmacht. Das hier ist ein Run Trainingsanzug und Hoodies tragender Protagonisten durch einen Vorstadt-Parcours, in den sich die Oberschicht nie verirrt. Fazit: Unten ist die Luft dick, oben dünn: Ein Film, der zeigt, dass sich in den letzten 150 Jahren an den Verhältnissen nicht viel geändert hat.

 

Beide Filme starten am 23. Januar 2020