Disput

Ein Jahrhundert-Journalist

»Nicht gebrochen aber ist mein Herz ...« – Egon Erwin Kisch wurde vor 125 Jahren in Prag geboren

Von Klaus Haupt

Noch Jahrzehnte nach dem Ereignis zitierte ein Australier, als ich ihn nach Kisch fragte, zuallererst diese Worte: »My English is broken, my leg is broken, but my heart is not broken ...« So hatte Egon Erwin Kisch am 18. November 1934 in Sidney Domain, einer Versammlungsstätte unter freiem Himmel, seine Rede vor 20.000 australischen Kriegsgegnern begonnen. Es war sein erster Auftritt auf dem Fünften Kontinent als freier Mann: »Mein Englisch ist gebrochen, auch mein Bein ist gebrochen, nicht gebrochen aber ist mein Herz ...« Hinter Kisch lagen dramatische Wochen.

Am 13. Oktober hatte er an Bord des 20.500-Tonnen-Liners »Strathaird« in Marseille die Reise zu den Antipoden angetreten. Und zwar nicht in erster Linie als »rasender Reporter«, sondern als Delegierter des Weltkomitees gegen Krieg und Faschismus mit Sitz in Paris. Henry Barbusse, Kischs französischer Berufskollege, der die Funktion eines Sekretärs des Weltkomitees bekleidete, hatte ihn gebeten, am australischen Antikriegskongress teilzunehmen, der zum 10. November in die Stadthalle von Melbourne einberufen worden war.

Die Wahl war nicht umsonst auf Kisch gefallen. Der war zu jener Zeit in Europa ein viel gelesener, außerordentlich populärer Mann: »Der rasende Reporter«, Ende 1924 erschienen, und dann in den nächsten Jahren »Hetzjagd durch die Zeit«, »Wagnisse in aller Welt« und »Eintritt verboten«, diese bunten Reportagebände hatten den Lesern die Welt ins Haus gebracht und den Autor berühmt gemacht. Ebenso wie die in sich geschlossenen, einem Land gewidmeten Bücher »Zaren, Popen, Bolschewiken«, »Asien gründlich verändert«, »Paradies Amerika« und »China geheim«, das Tagebuch aus dem Ersten Weltkrieg von der serbischen Front »Schreib‘ das auf, Kisch!«, die Sammlung merkwürdiger Gerichtsfälle »Prager Pitaval« und die von ihm vor dem Ersten Weltkrieg enthüllte Spionageaffaire »Der Fall des Generalstabschefs Redl«.

Doch Kisch war ein Mann, der nicht nur die Feder führte. Er ergriff das Wort in Versammlungen, auf Konferenzen, Kundgebungen, im Rundfunk, wenn es darum ging, Krieg und Faschismus zu bekämpfen. Überdies hatte er mit den deutschen Faschisten eigene Erfahrungen gemacht. Am Morgen nach dem Reichstagsbrand war er in seinem Untermieterquartier in Berlin verhaftet worden. Da sah er dann zuerst im Gefängniskeller des Polizeipräsidiums am Alexanderplatz, wie Politiker, Dichter und Arbeiter gleichermaßen gepeinigt und zu Krüppeln geschlagen worden sind.

Sein Bericht »In den Kasematten von Spandau« – geschrieben nach der erzwungenen Freilassung als tschechoslowakischer Staatsbürger – hatte Aufsehen erregt. Er kannte also die Verbrechen der Nazis aus eigenem Erleben. Er wusste auch, wie ernst die Warnung von Thälmann, Ossietzky sowie anderen Antifaschisten zu nehmen war, wonach der Hitlerfaschismus eine Gefahr für den Frieden bedeutet. Seine Bücher waren dabei, als am 10. Mai 1933 die Weltliteratur verbrannt worden ist. Kisch war also geradezu prädestiniert, eine Stimme aus Europa in Australien zu sein.

Am 6. November erreicht die »Strathaird« Fremantle und Kisch die Mitteilung: Landeverbot. Hier wollte er von Bord gehen, um mit dem Zug rechtzeitig nach Melbourne zu gelangen. Doch die australischen Behörden verweigern ihm – »auf Wunsch der deutschen Nationalsozialisten«, wie Kisch später konstatiert – die Einreise. Der Pass wird ihm abgenommen. Mit Kisch an Bord legt das Schiff wieder ab und erreicht schließlich am 12. November Port Phillipp, den Hafen von Melbourne. Inzwischen hat sich eine Bewegung formiert, die Kischs Landung erzwingen will. Kriegsgegner unterschiedlicher Schichten und Berufe, Arbeiter, Journalisten, Rechtsanwälte, Parlamentarier fordern: »Kisch must land!« – »Kisch muss landen!«

Tags darauf, am 13. November, 2.00 Uhr nachmittags Ortszeit, wird Kisch mitgeteilt: Mr. Robert Menzies, Generalstaatsanwalt der australischen Bundesregierung, hält am Landeverbot fest. Fünfzehn Minuten später legt die »Strathaird« vom Kai ab. In diesem Augenblick erklimmt Kisch auf dem Achterdeck die Reling. Es ficht ihn nicht an, dass er kein junger »Hüpfer« mehr ist, sondern kurz vor Vollendung des 50. Lebensjahres steht. Er will seinen Friedensauftrag unbedingt erfüllen. Aus einer Höhe von fünfeinhalb Metern springt er auf den australischen Kontinent – und bricht sich das rechte Bein gleich zwei Mal. Nun ist er Kisch »the Jumper«, wie es in der Presse am folgenden Tag heißt: Kisch, der Springer.

Menzies Konstabler und Polizeidetektive jedoch sind unerbittlich: Kisch wird unverzüglich zurück geschleppt an Bord der »Strathaird«, die wieder angelegt hat, und als Gefangener des Kapitäns nach Sydney mitgenommen. Kein Arzt hilft ihm. Von Sydney tritt der Liner die Rückreise nach Europa an und der Gefangene soll zwangsweise mitgenommen werden. Die Rechnung geht nicht auf. Die Öffentlichkeit ist in Aufruhr. Der »Landgang« wird erzwungen. Direkt vom Schiff wird Kisch ins Polizeiquartier transportiert – und es beginnt ein Justizskandal mit unglaublichen Possen: Er wird vor Gericht gestellt, einer paradoxen Sprachprüfung in Gälisch unterzogen (ein Lesespaß erster Güte), schließlich zu sechs Monaten Zwangsarbeit und zur Zahlung der Gerichtskosten in Höhe von tausendfünfhundertvierundzwanzig Pfund verurteilt.

In hartnäckigen politischen wie juristischen Auseinandersetzungen wird schließlich Kischs Freilassung erzwungen. Der Antikriegskongress hat zwar ohne ihn stattgefunden, die Antikriegsbewegung aber ist im Kampf für Recht und Freiheit des europäischen Delegierten auf dem australischen Kontinent in einem Maße erstarkt und mit einer Autorität versehen, wie das vor Kischs Ankunft und seinem Auftreten vor Gericht, auf Pressekonferenzen, Versammlungen und Großkundgebungen keiner der Organisatoren des Kongresses erwarten konnte. Als Kisch den Fünften Kontinent am 11. März 1935 wieder verlässt, nimmt er mit sich die Sympathie vieler Australier und die Idee für ein neues – bis auf den heutigen Tag lesenswertes – Buch: »Landung in Australien«.

Kischs »Landung in Australien« illustriert eine der außergewöhnlichen Eigenschaften des deutschen Juden aus dem berühmten Haus »Zu den zwei goldenen Bären« in Prag, wo er am sonnigen 29. April 1885 als zweiter von insgesamt fünf Söhnen des Tuchhändlers Hermann Kisch und seiner Frau Ernestine geboren worden ist: Er war bis zum Ende seiner Tage niemals nur ein Mann der Feder. Bereits als junger Reporter in Prag vor dem Ersten Weltkrieg, der sich in Berichten, Skizzen, Reportagen wie auch in seinem einzigen Roman »Der Mädchenhirt« mit den sozialen Problemen der Gesellschaft befasste, kam er mit der Arbeiterbewegung in Kontakt, mit namhaften linken Sozialdemokraten, die sich später in der kommunistischen Bewegung engagierten – der auch er sich angeschlossen und bis zu seinem Tode am 31. März 1948 in Prag als Mitglied einer kommunistischen Partei angehört hat.

Und so war es kein Zufall, dass er in den Kämpfen seiner Zeit niemals abseits stand. Immer engagierte er sich aufseiten derer, die für Frieden und Menschenrechte kämpften: Im November 1918 in Wien wählten ihn die Soldaten in freier Wahl zum Kommandeur der Roten Garde; als in Deutschland die faschistische Gefahr heraufzog, zeigte er sich als Nazigegner in Versammlungen und auf Kundgebungen; nachdem die Faschisten die spanische Republik überfallen hatten, ging auch er an die Front. Und wieder nicht nur als »rasender Reporter«, obwohl er natürlich auch vom Schauplatz berichten wollte. Viele Stunden und Tage seiner spanischen Zeit widmete er Besuchen bei Einheiten in vorderster Linie. Tschechen, Slowaken, Deutsche, Österreicher, Spanier – Genosse Kisch war gefragt. Und so traf er eines Tages auch beim Tschechischen Zug des Tschapajew-Bataillons der 21 Nationen ein.

Der Schriftsteller und Spanienkämpfer Alfred Kantorowicz erinnerte sich: »Der junge Kamerad, der mir neulich nachgerufen hatte, ich möge doch mal an Kisch schreiben, er solle herkommen, war besonders begeistert. ›Grad hab ich’s gesagt, der Kisch, der müsst mal herkommen, und schon ist er da‹, rief er immer wieder, als ob sein intensiver Wunsch allein den Kisch hergezaubert habe ... Kisch musste erzählen, Kisch musste einen Witz machen; vor allem wollten sie wissen, wie es in Australien und im Gefängnis gewesen sei und wie es in Australien mit der antifaschistischen Bewegung stehe. Er erzählte ihnen von den Massendemonstrationen australischer Arbeiter, die dadurch seine Freilassung erzwungen hätten, von dem komischen Gerichtsverfahren, bei dem er in Gälisch geprüft worden sei, einer Sprache, die auf der ganzen Welt nur von ein paar hunderttausend Leuten im Hausgebrauch gesprochen würde, und er verblüffte und amüsierte sie herzlich durch einige echte Kisch-Anekdoten, so etwa, dass die Nachricht von seiner Verhaftung in Australien früher in den Nazizeitungen gestanden habe, als sie erfolgt sei ...«

Noch ist Kisch gezeichnet von seiner Landung mit doppeltem Beinbruch und er muss sich setzen, berichtet Kantorowicz weiter. Und so lässt er sich, ehe die Interbrigadisten sich versehen, auf einer Holzkiste nieder – deren Deckel unter seinem Gewicht durchkracht. »Und eine Erstarrung von einigen Sekunden löst sich in brüllendes Lachen auf: Kisch hat sich auf die Handgranaten gesetzt.« Als man ihn am Schluss der Begegnung für den Rückweg angesichts der Beinbeschwerden unter Mühen auf ein Maultier gehievt hatte, sitzt der berühmte Anekdotenerzähler wieder fest im Sattel und sagt würdevoll: »Don Kischote«.

Als Kisch in Australien angelandet war, da hatte ihn auf der anderen Seite der Erdkugel kaum ein Mensch gekannt. Stattdessen fragte man ihn auf einer von ihm improvisierten Pressekonferenz an Bord der »Strathaird«, ob er Lion Feuchtwanger kenne oder Vicky Baum. Zurück in Frankreich, wo er in der Emigration lebte, nahm er darauf Bezug in einem Brief vom 12. April 1935 an seine Prager Freundin Jarmila Haasová, der kongenialen Übersetzerin seiner sämtlich in deutscher Sprache verfassten Bücher ins Tschechische: »Einmal habe ich eine lustige Sache geschrieben, dass sie dort bezweifelt haben, dass ich wirklich ein Schriftsteller bin, aber weil irgendein Mensch aus der Provinz schrieb, dass er ein Referat über mich (›Eintritt verboten‹) in ›Neues Tagebuch‹ gelesen hat, ließen sich alle australischen Zeitungen den Wortlaut telegrafieren; aber sie wussten nicht, was Heinz Raabe (Pseudonym von Ludwig Marcuse, Autor der Buchbesprechung – K. H.) mit dem Ausdruck ›sein berühmtes Epitheton‹, nämlich ›rasender Reporter‹ meinte ...«

Ja, in Deutschland und Europa wusste man es. »Rasender Reporter« und Kisch: Das war Synonym und Markenzeichen zugleich. Keiner hat sich um die Reportage so verdient gemacht wie Kisch. Als er seine journalistische Laufbahn im Jahre 1906 zunächst beim »Prager Tagblatt« und dann bei der zweiten deutschen Tageszeitung »Bohemia« als Lokalreporter begann, da befanden sich Reporter und Reportage auf der untersten Stufe der Wertschätzung – sie waren das »Letzte«. Der Jahrhundert-Journalist Kisch hat sie salonfähig gemacht. Mehr noch: Er hat mit seinen brillanten Stilmitteln und seinem tiefgründigen sozialen Blick die Reportage in ein literarisches Genre verwandelt, hat Maßstäbe für die journalistische Arbeit gesetzt, die noch heute ihre Gültigkeit haben.

Im Verlag Hentrich&Hentrich ist in der Reihe »Jüdische Miniaturen« von unserem Autor eine Kisch-Biografie erschienen: Der rasende Reporter aus dem Haus »Zu den zwei goldenen Bären«.