Disput

Ehrung für Tante Barbara

Der Clara-Zetkin-Preis 2017 geht an das deutsch-polnische Projekt Ciocia Basia. Die Gruppe kämpft für das Recht von Frauen auf Abtreibung – ganz praktisch

Von Anja Krüger

Wäre es nach den Gästen im Südblock in Berlin-Kreuzberg gegangen, hätten wohl alle Projekte eine Auszeichnung bekommen. Der Applaus für jede der sechs vorgestellten nominierten Frauen- Initiativen am Abend der Verleihung des Clara-Zetkin-Preises war groß. Besonders groß war er, als die Moderatorin des Abends, die Vize-LINKE- Vorsitzende Caren Lay, die Gewinnerinnen verkündete: die Frauen der Gruppe »Ciocia Basia« (»Tante Barbara «). Sie helfen Frauen aus Polen, in Deutschland einen Schwangerschaftsabbruch zu organisieren.

Zum siebten Mal hat DIE LINKE den Clara-Zetkin-Preis ausgelobt, der aus Anlass des Internationalen Frauentags verliehen wird. Mit der Auszeichnung werden Aktivistinnen und Projekte gewürdigt, die Lebensbedingungen von Frauen verbessern, die sich für Gleichberechtigung einsetzen oder als Vorbild für andere dienen. Der Preis ist mit 1.500 Euro dotiert. Mehr als 40 Projekte haben sich um die Auszeichnung beworben, berichtete Caren Lay, die auch Mitglied der sechsköpfi gen Jury ist, bei der Preisverleihung am 3. März. In diesem Jahr verlieh die Jury auch einen Ehrenpreis, der an die HDP-Abgeordnete und Menschenrechtsaktivistin Feleknas Uca ging.

Mit der Gruppe »Ciocia Basis« wird ein Projekt geehrt, dass sich gegen das extrem restriktive Abtreibungsrecht in Polen stemmt. »Wir erleben weltweit und in Europa Angriffe auf das Selbstbestimmungsrecht der Frauen » sagte die LINKE Vorsitzende Katja Kipping, die die Laudatio hielt. Im erzkonservativen Polen rufe ein Projekt wie dieses aggressive Kritiker auf den Plan.

Die Gruppe unterstützt Frauen, die abtreiben wollen, ganz praktisch. »Wir organisieren Termine und Gelder für die Frauen«, berichtete Sarah Diehl, die gemeinsam mit Natalia Kolodziejska den Preis entgegennahm. Dazu arbeitet die Gruppe eng mit Gynäkologinnen und Beraterinnen zusammen. Pro Woche nehmen vier bis fünf Frauen Kontakt zu »Ciocia Basia« auf. Für die Aktivistinnen auf polnischer Seite ist das Engagement heikel: Das polnische Abtreibungsrecht sieht zwar keine Strafe für abtreibende Frauen vor, aber für alle, die sie beim Abbruch unterstützen. Die Aktivistinnen sind also von Strafverfolgung bedroht.

Die Lage im erzkatholischen Polen wird für Frauen immer schwieriger, auch wenn es dank großer Proteste gelungen ist, eine weitere Verschärfung des rigiden Abtreibungsrechts zu verhindern. Aber schon jetzt ist Abtreibung quasi verboten, sagte Natalia Kolodziejska. Schätzungen zufolge fi nden in Polen jedes Jahr 100.000 bis 200.000 illegale Schwangerschaftsabbrüche statt. Oft werden riskante Methoden angewandt, die die Gesundheit der Frauen gefährden.

Dabei gibt es nicht nur ein repressives Klima gegen Abtreibungen, auch sexuelle Aufklärung und Verhütungsmittel werden zunehmend stigmatisiert. »Es gibt erste Ärzte und Pharmazeuten, die sich weigern, Verhütungsmittel zu verschreiben oder auszugeben «, berichtete Natalia Kolodziejska. Gerade hat die Regierung angekündigt, die »Pille danach« von der Liste der rezeptfreien Medikamente zu streichen.

Auch wenn Kampagnen nicht Schwerpunkt ihrer Arbeit sind, kämpft »Tante Barbara« mitunter mit symbolträchtigen Aktionen für das Selbstbestimmungsrecht von Frauen. Vor zwei Jahren starteten die Aktivistinnen im deutschen Grenzgebiet eine Drohne, die über polnischem Gebiet Abtreibungspillen abgeworfen hat.

Zu den nominierten Projekten gehört das vom »Weibernetz«, der politischen Interessensvertretung von behinderten Frauen, initiierte Bundesnetzwerk für Frauenbeauftragte in Einrichtungen. In die engere Auswahl für den Preis ist auch das feministische DJ-Kollektiv »ProZecco« gekommen, das sich vor acht Monaten in Dresden gegründet hat. Das 12-köpfi gen Kollektiv will nicht nur mehr Frauen in die DJ-Szene bringen, wozu es unter anderem Workshops anbietet. Es geht auch um die Musik, die gespielt wird. Lieder mit sexistischen Texten etwa werden nicht aufgelegt. Ebenfalls nominiert wurden die Gruppe »Peperoncini«, die sich für den Zugang zur rechtlicher Verteidigung von Gefl ohenen einsetzt, die Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser sowie die überparteiliche Fraueninitiative Berlin, die sich vor rund 20 Jahren als fraktionsübergreifendes Projekt gegründet hat.