Mitteilungen der Kommunistischen Plattform

Indonesien '65

Harry Thürk (1927-2005)

Am 24. November 2005 starb Harry Thürk, einer der meistgelesenen DDR-Autoren.

Klappentext:

September 1965. Aufrüttelnde Meldungen laufen durch die Weltpresse: Indonesien erlebt eine der größten politischen Erschütterungen seiner Geschichte. Vorerst erfährt man: Ein Oberstleutnant von Präsident Sukarnos Leibwache hat einen Putsch inszeniert, die Armee aber hat zurückgeschlagen. Angeblich hat sich die millionenstarke Kommunistische Partei Indonesiens an dem Putsch beteiligt. Nun jagen Kommandos der Armee die indonesischen Kommunisten. Ermordete Armeegenerale werden gefunden, die Täter sollen ebenfalls Kommunisten sein. In den Moscheen des Insellandes, dessen Bewohner sich überwiegend zum Islam bekennen, predigen fanatische Vorbeter den Djihad, den Heiligen Krieg, gegen die Kommunisten.

Inzwischen hat die gutorganisierte Armee bereits die Macht im Lande erobert. Sie erklärt den indonesischen Kommunisten den Krieg auf Leben und Tod. Doch was sich da abspielt, ist nicht Kampf, denn die Kommunisten und die Masse der arbeitenden Bevölkerung stehen den Panzern und Maschinengewehren wehrlos gegenüber. Es ist vielmehr ein großes Abschlachten der Kräfte, die sich für eine progressive Entwicklung Indonesiens einsetzen: die Saison der Hackmesser. Bis die Generale keinen Widerstand mehr finden und sich den Freuden der Macht zuwenden, dem Geld, dem Öl, den Luxusautos und den stillen Bankkonten, die sie sich in der Schweiz anlegten. In Indonesien hat der faschistische Terror über das arbeitende Volk gesiegt. Wie konnte das geschehen? Wie kam es dazu? Wer stand hinter den Generalen? Wieso konnte die PKI so leicht überwältigt werden? Diese und ähnliche Fra-gen versucht das Buch zu klären. Es bringt Fakten da, wo sie aufspürbar waren, und es bringt fiktive Gestalten dort, wo der Mord keine Zeugen übrig-ließ. Der Leser soll über das, was geschah, auf eine Weise informiert werden, die es ihm möglich macht, hinter die äußeren Vorgänge zu blicken.

Harry Thürk, ein Erzähler, dessen Bücher über Asien Millionen Leser gefunden haben, hat dieses Buch in Gemeinschaftsarbeit mit Prof. Dr. Diethelm Weidemann geschrieben, einem renommierten Staatsrechtler und Kenner der asiatischen Szene. Ein Schriftsteller und ein Wissenschaftler präsentieren ein Werk, das dem Leser die Wahrheit vermittelt, spannend und ohne Zurückhaltung: die Anatomie eines Militärputsches, bei dem eine halbe Million Indonesier bestialisch getötet wurde und der die Entwicklung dieses reichen, unvergleichlich schönen Landes zurückdrehte, es wieder zu einem Ausbeutungsobjekt internationaler Konzerne machte, die es als »Gegenleistung« vor dem »Einfluß des Kommunismus bewahren« wollen.

S. 271-279: [...] Der große Feldzug gegen die Kommunisten begann noch im Oktober 1965. Schwerpunkte der Tötungsaktionen, die systematisch abliefen, waren Zentraljava, das als Hochburg der PKI galt, weiterhin Ostjava, Sumatera und Bali. Auf den übrigen Inseln war die Zahl der Getöteten zwar auch hoch, der Terror erreichte jedoch nicht das Ausmaß wie beispielsweise in Zentraljava oder auf Bali.

Mitte Oktober zog Oberst Sarwo Edhie mit seinen Truppen zunächst nach Solo. Die Fallschirmjäger waren vorher genau instruiert worden, wie sie vorzugehen hätten. Sie hatten den Befehl, keine Milde walten zu lassen; es wurde darauf hingewiesen, daß es sich um eine Aktion zur Dezimierung des Gegners handle. Demzufolge verfuhren die Paras der RPKAD Sarwo Edhies systematisch und brutal. In Solo, wie auch in allen anderen Orten, wurden zunächst die Anhänger der »Aktionsfronten« zusammengerufen und instruiert. Auf der Landkarte wurden Planquadrate eingezeichnet und Trupps für diese einzelnen Quadrate eingeteilt. Meist wurden einem solchen Trupp Soldaten zugeordnet, die dafür sorgten, daß die Jugendlichen ihre Aufgabe ungestört und ungefährdet ausführen konnten. So wurde jeweils ein Gebiet eingekreist, dann wurden anhand der zuvor aufgestellten Listen die Kommunisten zusammengetrieben und entweder an Ort und Stelle getötet oder zur Hinrichtung ins Gelände außerhalb der Ortschaft gefahren.

Überall strömten den Henkern sogleich jene Kräfte zu, die aus den verschiedensten subjektiven Gründen nur darauf warteten, sich der Kommunisten entledigen zu können. Meist waren das die örtlichen Vertreter der Grundbesitzerklasse, aber auch Kaufleute und Händler sowie – besonders in Ostjava – die Repräsentanten der Moslemgemeinden. In Solo starben bei der ersten antikommunistischen »Säuberungsaktion« bereits mehrere Tausend Menschen. Nicht alle von ihnen waren Kommunisten, denn die Massentötungen machten es natürlich möglich, auch persönliche Rechnungen zu begleichen. So kam es vor, daß irgend jemand einen anderen als Kommunisten denunzierte, nur weil er bei ihm Schulden hatte. Mit dem Tod des Gläubigers entfiel für ihn die Last der Rückzahlung.

In Djogjakarta starben binnen weniger Tage fünfzehntausend Menschen. Darunter befanden sich allein über zweitausend Studenten, die zum Teil in der PEMUDA RAKJAT organisiert gewesen waren. Tote lagen oft tagelang auf den Straßen herum, das Militär achtete darauf, daß sie nicht weggeschafft wurden, weil es sich von den Leichen auf den Straßen einen Einschüchterungseffekt versprach. Frauen, die zur GERWANI oder zur PKI gehörten, verbrachten oft erst eine qualvolle Zeit in den Biwaks der Truppen, bevor sie getötet wurden. Aber es wurde nicht nur aus Haß gemordet, sondern auch aus Angst. Viele Indonesier verschafften sich durch die Teilnahme an den Terroraktionen ein Alibi, das sie selbst schützte. Und immer noch wurde die hemmungslose Gewaltanwendung damit motiviert, daß sie gegen Leute erfolgte, die den guten alten Bung Karno, den Präsidenten, hätten beseitigen und an seine Stelle eine kommunistische Regierung setzen wollen. Die Verwirrung war vollkommen. Nur die Armee behielt die Übersicht, und das KOSTRAD verfuhr bei der Lenkung der Aktionen generalstabsmäßig.

Aidit, von dem bekannt geworden war, daß er sich nach dem Putsch in Zentraljava aufhielt, war das Ziel einer besonders intensiven Suchaktion der Armee. Am 22. November wurde er schließlich in Sambiredjo, einem Dorf unweit von Solo, aufgespürt und an Ort und Stelle ermordet. Man gab ihm nicht die geringste Möglichkeit zu sprechen, denn niemand hätte den Terror der Armee stärker entlarven können als der Generalsekretär der PKI.

Dadurch, daß die Armee Aidit und später Lukman, Njoto, Sakirman und andere Mitglieder des Zentralkomitees kurzerhand töten ließ, verhinderte sie, daß diese führenden Kommunisten bewiesen, daß die PKI nichts mit Untungs Verschwörung zu tun hatte. Doch es ging der Armee nicht um die Hintergründe; die kannte sie genau. Sie hatte nur einen Anlaß benötigt, um losschlagen zu können. Jeder, der im Nachhinein aufdecken konnte, wie ausgeklügelt die Armee ihre Vernichtungskampagne gegen die Kommunisten gestartet hatte, gefährdete schließlich ihren Sieg.

Der Gegenputsch war die gezielte Aktion zur Ausschaltung jener Kräfte, die das Haupthindernis gegen ein militärbürokratisches, mit dem US-Imperialismus verflochtenes Staatssystem darstellten. Dies war keine Rache der Armee für den Tod von sechs Generalen; es war Klassenkampf, von der Armee mit der Waffe gefühft, gegen eine unbewaffnete, desorientierte und desorganisierte kommunistische Partei, gegen die Arbeiterklasse, die armen Bauern und alle fortschrittlichen Kräfte in den kleinbürgerlichen Kreisen.

Ein amerikanischer Korrespondent, über die Massaker schockiert, bezeichnete sie als »Klassenkampf auf Vorschuß«. In der Tat versuchte sich das neue Regime im voraus von all jenen Kräften zu befreien, die ihm in absehbarer Zeit gefährlich werden konnten. Aus den Aktionen ging das einwandfrei hervor, denn sie zielten erstrangig und schwerpunktmäßig dorthin, wo das Proletariat am stärksten war, wo es sich, durch die Lebensumstände bedingt, am meisten den Ideen der Kommunisten aufgeschlossen hatte.

Neben den Arbeiterbezirken der großen Städte waren das in Java vor allem das Gebiet von Klaten, Bojolali und Solo, die ostjavanischen Gebiete um Kediri und Banjuwangi sowie die Gegend um Garut in Westjava. Auf Sumatera waren es besonders die Gebiete um Medan, die Erdölzentren und die großen Plantagen im Norden. Dazu kam die Surabaja vorgelagerte Insel Madura und schließlich Bali, die idyllische Insel, als Südseeparadies gepriesen, wobei nie erwähnt wurde, daß gerade in diesem einzigen, vorn Islam so gut wie unberührten, geschlossenen Reservat des Hinduismus mit seiner Kastenstruktur Armut und Reichtum in einem selten krassen Gegensatz zueinander standen.

Das System, mit dem die Armee die Massentötungen dirigierte, sollte auf Jahre, vielleicht auf Jahrzehnte hinaus die sozialistische Idee überhaupt vernichten, sollte die nach der Denkweise der Generale dafür am meisten anfälligen Teile der Bevölkerung, die Armen und Ärmsten, einfach zahlenmäßig dezimieren und zudem die Angst verbreiten, in Zukunft überhaupt noch an eine Lösung der Misere durch eine sozialistische Bewegung zu denken. [...]

Die Armee brachte die Tötungsmaschinerie überall in Gang und sorgte dann dafür, daß die lokalen Moslemfanatiker, die Jugendorganisationen der reaktionären Moslemgruppen sowie die Hilfstruppen der Grundbesitzer sie weiterführten. Danach begnügte sie sich mit der Rolle des Überwachers, sie riegelte die Gebiete ab und ließ die Henker sich austoben, und sie verhinderte mit der Waffe jede versuchte Gegenwehr. Besonders tat sie das in Zentraljava, wo sich in vielen Orten die Kommunisten zur Wehr setzten, anstatt sich willenlos abschlachten zu lassen. In solchen Fällen liquidierte die Armee dann ganze Dörfer und tötete nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Kinder.

Ostjava, traditionell eine Hochburg des Islam, benötigte nur einen Anstoß von seiten der Armee, dann organisierten sich die Terrorgruppen der Moslems und operierten auf eigene Faust weiter. Zuweilen übergab die Armee ihnen Gewehre und andere leichte Waffen, aber meist töteten die Kommandos der Moslemfanatiker mit Messern, Knüppeln, Bambusspießen und mit dem Kris, der traditionellen Waffe, einem kunstvoll geschmiedeten Dolch.

Die Dorfbewohner mußten am Rande ihrer Siedlungen tiefe Gruben ausheben, in denen dann die Ermordeten verscharrt wurden. Doch oft unterließ man selbst das. Dann wurden die Toten einfach in die Flüsse geworfen. So war es zwischen Oktober 1965 und April 1966 in Java keine Seltenheit, daß aufgedunsene Leichen in das weitverzweigte Bewässerungssystem der Reisfelder abtrieben. An Brücken, besonders in Ostjava, kam es immer wieder vor, daß sich Hunderte von Leichen an den Pfeilern verfingen, einen Wasserstau hervorriefen, der das umliegende Gebiet überschwemmte, bis die Armee mit Trupps von Pionieren anrückte, die mit langen Stangen die Knäuel auflösten. Besonders in kleineren Ortschaften Ostjavas sorgten lokale Moslemfanatiker dafür, daß die Köpfe von getöteten Kommunisten oder Mitgliedern des Bauernverbandes tagelang auf Stöcke gespießt zur Schau gestellt wurden. Der religiöse Fanatismus führte zu Exzessen, die alles übertrafen, was dieses Land an Grausamkeit während seiner bewegten Geschichte erlebt hatte. Man hatte auf den Inseln bisher das Phänomen des Amoklaufes gekannt, eine tropische Variante der Tobsucht, die einzelne Personen befiel. Aber jetzt erlebte man den Amoklauf als Massenerscheinung, hervorgerufen durch geschickt aufeinander abgestimmte Propagandamaßnahmen, die Ausnutzung vorhandener Klassengegensätze und religiöser Vorurteile.

Ausländische Journalisten, die lange nach den Massakern das Land bereisten und moslemische Jugendliche interviewten, die an dem Massenmord beteiligt gewesen waren, erhielten auf ihre Fragen nach der Atmosphäre, in der sich das alles abgespielt hatte, Antworten, die das ganze Ausmaß an Brutalität enthüllten, zu dem der aufgeputschte antikommunistische Mob fähig gewesen war. Ein junger javanischer Moslem faselte: »Die höheren Führer der Kommunisten flößten uns Angst ein; sie verfügten über magische Kräfte, die verhinderten, daß sie starben. Ich habe mit eigenen Augen gesehen: Man konnte sie schlagen, wie man wollte, sie starben nicht. Ihre Haare wuchsen nach, wenn man sie ausriß. Man mußte erst mit glühenden Eisen die Buchstaben PKI in ihre Kopfhaut brennen, ehe dieses Wunder aufhörte. Manche starben immer noch nicht, selbst nachdem man ihnen Bambusstäbe in Mund und Ohren gespießt hatte, ja nicht einmal nachdem man ihnen die Augen ausgerissen hatte. Daraufhin steckte man eine lebendige Katze in ihren Bauch. Die Katze ist das Symbol des Tigers. Da wurden sie wahnsinnig, verloren endlich ihre magische Kraft und starben.« [...]

Als sich [...] noch vereinzelte Gruppen jüngerer Kommunisten und Mitglieder der PEMUDA RAKJAT zusammenfanden, um gegen den Terror zu demonstrieren, mit demokratischen Mitteln, indem sie auf die Straßen gingen und Schilder trugen, auf denen zu lesen stand, daß es ungesetzlich sei, Leute einfach zu töten, änderte der General seine Taktik. Er ließ verbreiten, hinter den Demonstrationen stünden die Vertreter Chinas. Medan hatte immer einen hohen chinesischen Bevölkerungsanteil gehabt, hier befand sich auch ein Konsulat der Volksrepublik China. Geschickt lenkte Idris die latenten Rassenvorurteile, die es seit langem gegen die Chinesen gab, in die Bahn einer wütenden Antichinesenkampagne.

Systematisch wurden die niedrigsten Instinkte geweckt. Für einen Indonesier wurde es als erlaubt erklärt, einen chinesischen Händler zu töten, der auf Rückzahlung seines Kredits bestand. Bald befand sich die Stadt in einem Taumel, der aus einem Gemisch antichinesischer Vorurteile und stetig angeheizter Kommunistenhetze bestand. Durch die Verwaltungsbüros gingen Soldaten, die an die einzelnen Beamten lediglich die Frage stellten: »Bist du für Untung oder für Suharto?« Wer weder den einen noch den anderen kannte und daher mit seiner Antwort zögerte, wurde an Ort und Stelle erschossen. Wer auf gut Glück für Untung votierte, starb ebenfalls. Nur wer den bisher unbekannten Namen Suhartos nannte, blieb am Leben.

Bis zum Dezember tobte der Terror in der Stadt. […]

Harry Thürk, Diethelm Weidemann: Indonesien '65. Ereignisse, Tatsachen, Zusammenhänge. Anatomie eines Putsches, Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, 1. Auflage 1975. 295 Seiten.