Klartexte

Text

»Seit nunmehr 80 Jahren kämpfen in Deutschland organisierte Kommunisten. Seit 80 Jahren sind sie dem Druck des Antikommunismus ausgesetzt. Er konnte ihnen schwerste Niederlagen zufügen, größte Opfer abverlangen. Aus der Welt schaffen konnte der deutsche Antikommunismus die kommunistische Bewegung in Deutschland nicht.«

So resümiert Prof. Heinz Karl. Auf drei Druckseiten hatte er 1998 sein Nachdenken über acht Jahrzehnte Geschichte der Kommunistischen Partei in Deutschland zusammengefasst. Das sollte man gelesen haben! Und das kann man – neben vielem anderen, nicht minder interessantem – im kürzlich erschienen Band Klartexte. Beiträge zur Geschichtsdebatte.

In seinem Vorwort schreibt Prof. Hermann Klenner: »Den Herausgebern dürfte es schwer genug gefallen sein, aus den in mehr als zweihundert Mitteilungen der KPF gebotenen Beiträgen eine der Themen- wie der Autorenvielfalt gerecht werdende Auswahl zu treffen ...«

400 Seiten, rund 50 Arbeiten von 21 Autoren aus den genannten 200 Ausgaben Mitteilungen der Kommunistischen Plattform.

Der interessierte Leser wird Nachdenkliches und manches zu Bedenkende finden; unbedingt aber bemerkenswerten Reichtum an Gedanken. Konsequente Bemühung um Erkenntnis, sollte sie auch schmerzen. Und beeindruckende Kontinuität seit dem ersten Heft.

Wie zum Beispiel Prof. Uwe-Jens Heuer erklärt und begründet, dass antikapitalistischer Kampf nur möglich ist auf der Basis von Vorstellungen einer sozialistischen Alternative, die auch angesichts der gegenwärtigen weltweiten Offensive des Kapitals wach zu halten sind; »...wenn wir auch nicht wissen, ob die sich zuspitzenden Widersprüche rechtzeitig Kräfte hervorbringen, die eine neue sozialistische Gesellschaft schaffen ...«

Alle Autoren – Prof. Michael Benjamin, Ellen Brombacher, Daniela Dahn, Kurt Goldstein, Prof. Erich Hahn, Jürgen Herold, Prof. Uwe Jens Heuer, Gisela Karau, Prof. Heinz Karl, Prof. Hermann Klenner, Egon Krenz, Prof. Anton Latzo, Prof. Ronald Lötzsch, Siegfried Lorenz, Prof. Moritz Mebel, Prof. Kurt Pätzold, Dr. Andrej Reder, Walter Ruge, Sergio Villegas, Sahra Wagenknecht, Dr. Friedrich Wolff, Werner Wüste – sind der wachsenden Schar jener zuzurechnen, die das Antwortsuchen zu ihrer Lebensaufgabe gemacht haben.

»Das Verhältnis von Kommunisten zur Geschichte ist mindestens ebenso das Verhältnis zur Zukunft«. Bei diesem Konzentrat von Ellen Brombacher kurz zu verweilen, ist nützlich. Es kann so etwas wie ein Wahrheits- und Aufrichtigkeitskriterium sein: Wie Du zu dem »vergangenen«, dem »frühen«, dem »unreifen« Sozialismus, dem ersten sozialistischen Versuch eben, stehst, so auch zu dem kommenden, dem erstrebten, dem erklärten Ziel unser aller Anstrengung. Anders und kritisch gesagt: Wer den gewesenen Sozialismus nur verdammen, nicht aber analysieren will, setzt sich zumindest dem berechtigten Verdacht aus, Sozialismus überhaupt nicht zu wollen.

»Keine Massenerfahrung versinkt spurlos im Schlund der Geschichte«, sagt Gisela Karau. Und: »... was ich im Krieg erlebt und danach über ihn erfahren habe, werde ich nicht vergessen. Wissen ist mir zum Bewusstsein geworden, und es hat mich eine neue Welt ersehnen und bejahen lassen.«

Daniela Dahn, im Nachdenken über jenes obskure, aber heftig gewollte Zentrum gegen Vertreibung, nennt sich selbst eine Nachgeborene und insofern für das, was geschah, »nicht verantwortlich, aber zuständig«; und zieht den Schluss: »Wir brauchen kein Zentrum gegen Vertreibung. Wir brauchen ein Zentrum gegen Krieg«. Ihr Albtraum: In fünf Jahren ein Schreiben des Inhalts »... teilen wir Ihnen hiermit mit, dass für den Fall der Nichtinanspruchnahme des Ihnen grundbuchlich zustehenden Eigentums, die Rechte an dem Haus am Breslauer Ring an die Preußische Treuhand deutsche Ostgebiete verfallen.«

Muss hier ausdrücklich erwähnt werden, dass aus Sicht des Bundessprecherrats der Kommunistischen Plattform dieses Buch als Streitschrift verstanden sein will? Dass es, weil es so in der Natur der Sache liegt, zugleich als Beitrag zur bevorstehenden Diskussion um ein neues Programm der LINKEN zu betrachten ist?

Vor inzwischen fünfzehn Jahren bereits haben Prof. Michael Benjamin, Ellen Brombacher, Thomas Hecker, Prof. Heinz Karl, Dr. Heinz Marohn und Sahra Wagenknecht es für geboten gehalten, eine Gemeinsame persönliche Erklärung abzugeben: »Wir bekennen uns zur Legitimität des frühen Sozialismus, und wir bedauern es zutiefst, dass der Beginn realer sozialistischer Entwicklung – zumindest in Europa – vorerst abgebrochen ist. ... Wir lassen uns durch den Stalinismusvorwurf nicht stigmatisieren, sondern bleiben bei unserem Standpunkt: Ahistorische Sicht auf Geschichte ist keine Analyse. Sie bringt keine Schlüsse für Gegenwart und Zukunft. Um die aber geht es uns.«

Selbstverständlich ist diese noch immer in höchstem Grade aktuelle Grundsatzerklärung in Klartexte im vollen Wortlaut nachzulesen.

Werner Wüste