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Disput

Demokratie ohne Frieden

Von Stefan Bollinger

Es war kein gutes neues Jahr 1917 – weder für die Herrschenden in Russland, noch für seine Bürger und Soldaten. Die dritte Kriegsweihnacht in einem ausgebluteten, hungernden Land war vorüber. Der kriegsmüde Zar liebäugelte mit einem Separatfrieden. Die Menschen hungerten, sie waren unzufrieden. Hinter den Mauern der Petersburger Paläste liefen Intrigen. Kurz vor Jahresende hatten Adlige Rasputin, den Mönch, Zaren vertrauten, Wunderheiler und Kriegsgegner, brutal ermordet. Dieser Sündenbock reichte aber nicht.

Teile der politischen Elite machten den Zaren für das Desaster verantwortlich. Sie waren bereit, ihn in Übereinstimmung mit den Entente- Verbündeten zu stürzen. Ausschlag aber gaben unzufriedene Arbeiterinnen und Arbeiter, Soldaten und Matrosen. Es gor nun nicht mehr nur, es wurde gestreikt. Am 18. Februar legten die Arbeiter der Petrograder Putilow-Werke, dem wichtigsten Groß- und Rüstungsbetrieb, die Arbeit nieder. Die Straßen füllten sich mit Demonstranten unter roten Fahnen. Arbeiterfrauen mitten unter ihnen. Sie riefen: »Weg mit dem Zaren«, »Brot«, »Frieden«.

Die besseren Stände bekamen Angst ob der Urgewalt des Volkes, das endlich handelte. »Jede Stunde bringt uns dem Unvermeidlichen näher: die Armee beginnt für das Volk Partei zu ergreifen. Nicht einmal der Treue der Gendarmen und der Polizei ist man sicher. Überall rotten sich Menschen zusammen und schreien ›Brot! Brot!‹«, heißt es im Bericht eines Augenzeugen. »Szenen von großer Erhabenheit spielen sich fast auf Schritt und Tritt ab. Ein Bataillon des Semenovskij Garderegiments hat den Befehl erhalten, den Nevskij Prospekt zu räumen. Es eilt herbei und stößt auf ein Bataillon des Wolhynischen Regiments, das die Partei des Volkes ergriffen hat.

Die beiden Regimenter fordern sich heraus, ein großer Schauer schüttelt das Volk. Was wird geschehen? Und plötzlich erlebt man eine ungewöhnliche Szene. Der alte Offizier, der die Soldaten der Garde kommandiert, richtet sich in seinen Steigbügeln auf und wendet sich an seine Männer: ›Soldaten, ich kann euch nicht den Befehl geben, auf eure Brüder zu schießen, aber ich bin zu alt, um gegen meinen Eid zu handeln!‹ Darauf zieht er seinen Revolver und erschießt sich. Man hat seinen Leichnam in eine Fahne gehüllt, und seine Soldaten haben sich auf die Seite des Volkes gestellt.« Nicht überall geht es so glimpfl ich ab, es gibt Tote, aber die Arbeiter und Soldaten triumphieren.

Festtag des Volkes?

Der erste Augenblick der neuen Freiheit begeistert, »eine Flut von Purpur und Feuer. Ein Strom von Menschen, trunken vor Freude, in dem sich Soldaten, Arbeiter, Studenten, Frauen und Kinder mischten, nahm mit Begeisterung ... den Justizpalast, das Kresty-Gefängnis, das Arsenal und die Peter-Pauls-Festung«, beschreiben Zeitgenossen die Lage, deren Schilderungen Richard Kohn in dem Buch »Die Russische Revolution in Augenzeugenberichten« veröffentlicht hat. »Alle Polizeibüros gingen in Flammen auf. Alle Gefängnisse öffneten sich. Ganze Kompanien, sehr gutmütig und froh, nicht mehr kämpfen zu müssen, verteilten ihre Gewehre und Patronen unter das Volk«, heißt es dort. »Sie wurden von den Fabrikarbeitern sorgfältig aufbewahrt und bildeten später die erste Ausrüstung der Roten Garde.«

Während die sich bildende Provisorische Regierung die Bündnispflichten bekräftigte und demokratische Strukturen anstelle der zaristischen Diktatur etablierte, waren die Forderungen der Arbeitenden profaner. Sie wollten Frieden, Demokratie, vor allem eine Verbesserung ihrer Lebenslage. Zu den Forderungen der Arbeiterinnenversammlung des Petrograder Rayons Moskovskij am 7. März gehörten: »1. die demokratische Republik, der Acht-Stunden-Arbeitstag, die Konfiszierung von Gutsherren-, Kloster- und Apanageland für die Bauern; 2. die volle Gleichberechtigung der Frauen; 3. die Sozialversicherung und der gesetzlich festgelegte Schutz der Frauen- und Kinderarbeit, das völlige Verbot von Überstunden- und Nachtarbeit für Frauen und Kinder«, wie in der Dokumentation »Die russische Revolution 1917. Der Aufstand der Arbeiter, Bauern und Soldaten« von Richard Lorenz nachzulesen ist.

Arbeiter, Bauern und Soldaten waren radikaler als die neuen Machthaber, die im Interesse des Kapitals nur die Form der Machtausübung geändert und Aushängeschilder getauscht hatten. So wichtig demokratische und soziale Reformen waren – Russland bekam das damals modernste und demokratischste Wahlrecht ohne Beschränkungen auf Grund von Stand, Alter, Geschlecht oder nationaler Zugehörigkeit – die eigentlichen Forderungen vertagten die Minister der neuen Regierung. Während die Provisorische Regierung noch über eine Bodenreform diskutierte, wurden Realitäten geschaffen. Darum nahmen die Bürger Brot, Boden, Frieden selbst in die Hand. In den Fabriken suchten sie mit Arbeiterkontrolle und Räten die Kapitalisten zu entmachten, Bauern und Landlose steckten Gutshöfe in Brand, Soldaten desertierten von der Front.

Die Sowjets

Auch der Parlamentarismus, der nun in einer im Spätherbst zu wählenden Konstituierenden Versammlung geordnete Bahnen der Demokratie vorsah, wurde mit einer basisdemokratischen »Erfindung« aus der gescheiterten Revolution von 1905 konfrontiert, den Sowjets. Sie waren zunächst nicht immer radikal, die linken Parteien waren noch unentschlossen und im Streit. Aber als neues Machtorgan stellten sie sich neben und gegen die Regierung. Alsbald kam es zu einem Machtkampf in einer Doppelherrschaft, in der Sowjets die bestimmende Rolle spielen sollten.

Die Arbeiter blieben wachsam »Die alte Macht ist noch nicht zusammengebrochen, und es ist eben so, dass der Feind noch nicht besiegt ist«, stellten Arbeiter der Petrograder Fabrik »Dynamo« Anfang März fest. »Schon einmal hat der Rat der Arbeiter- und Soldaten-Deputierten gefordert, unter dem Gesichtspunkt der Vaterlandsverteidigung den Streik zu beenden. Statt einen unverzüglichen Aufruf an das deutsche Volk zur Beendigung des Gemetzels anzufertigen, ruft er uns auf, Granaten zur Fortsetzung dieses Gemetzels herzustellen. Deshalb ist auch verständlich, warum wir nicht mit ihm zusammenarbeiten. Das Volk und die Armee sind nicht auf die Straße gegangen, um eine Regierung durch die andere zu ersetzen, sondern deshalb, um unsere Losungen durchzusetzen …: Freiheit, Gleichheit, Land und Unabhängigkeit sowie Ende des Krieges; wir, die nichtbesitzenden Klassen, brauchen kein Blutbad.«

Revolution wie Demokratie sind immer mit Interessen verbunden und die Interessen der Herrschenden waren nicht die der Arbeiter, Bauern und Soldaten. In diesen Wochen kehrten die meisten Politiker der Linken aus dem Exil in die Heimat zurück. Sie spürten, dass sie den Prozessen Richtung geben mussten. Der Streit ging darum, was und wie das Ziel sein sollte: Ein parlamentarischer Weg als Resultat einer bürgerlich- demokratischen Revolution, ein lange kapitalistische Umgestaltung. Das propagierten zahlreiche Marxisten in den Menschewiki, auch manche Bolschewiki. Oder die Einsicht, dass diese Revolution weitergetrieben werden musste, um das eigentliche Ziel zu erreichen: Den Frieden zu erzwingen, was jedoch ohne eine sozialistische Umwälzung unmöglich wäre. Das war die Losung Lenins in den April-Thesen. Zunächst als Fieberträumer abgetan, erwies er sich als weitsichtig. Er setzte auf die Sowjets. Denn genau das Festhalten am Krieg, an der Vaterlandsverteidigung und damit das Fortschreiben von Hunger, Elend und Tod desavouierte die Regierung und die sie tragenden, sich links verstehenden Sozialrevolutionäre und Menschewki.

Darum entbrannte der Streit, der im Oktober entschieden wurde und die Macht der Sowjets brachte. Allerdings auch jene Probleme, mit denen Linke sich bis heute schwertun.

Russische Revolutionen

Heute dominiert eine zwar emotionale Begeisterung für das Revolutionäre, Ausbrechende, welches Lebensweise wie Kultur umkrempelt. Aber zugleich drückt mit Blick auf Russland 1917 das schlechte Gewissen ob der destruktiven Fehlentwicklung mit einem tödlichen Interventions- und Bürgerkrieg, vor allem einer Entstellung des realen Sozialismus. Russlands Revolutionen sind nur in ihrer Komplexität zu begreifen. Der unvollendete Februar brachte keinen Frieden, der Oktober erzwang ihn um einen hohen Preis mit Deutschland und stieß auf breiten konterrevolutionären Widerstand von außen und innen. Erst mit der Neuen Ökonomischen Politik 1921 konnte Sowjetrussland sich aus der Schlinge des Krieges befreien, trotzdem alleingelassen vom internationalen Proletariat. Staatszentriertheit, Intoleranz und Machtkämpfe sorgten für jene Deformationen und Verbrechen, unter denen Linke bis heute leiden.

Was bleibt: Das Jahr 1917 war Chance, und zunächst wie höchst aktuell eine Revolution für den Frieden!

Dr. Stefan Bollinger ist Mitglied der Historischen Kommission beim Parteivorstand der Partei DIE LINKE.