Konferenz "Epochenbruch 1914-1923"

... und die eigene Geschichte kennen!

Janis Ehling

Der Epochenbruch 1914-1923 prägt unsere Zeit bis heute. Vor 1914 gab es im damaligen Deutschen Reich zwar schon eine parlamentarische Demokratie und ein starkes Bürgertum – aber noch immer dominierte der Adel und die Monarchie die Gesellschaft. Das Deutsche Reich war ein Ständestaat, geprägt von scharfer sozialer Ungleichheit, Militarismus und Autoritarismus.

Fast alle Menschen wurden schon in den Schulen und Kasernen dieses autoritären Staates gedrillt. In einer der drei, jüngst erschienen, Monographien zur Novemberrevolution, schildert Joachim Käppner den Geist der Obrigkeit an einem schaurigen Beispiel: Beim Exerzieren verletzte sich ein Wehrpflichtiger. Er zeigte seine Verletzung seinem Offizier. Dieser vermutete Drückebergertum und Faulheit. Der Offizier rief die Kompanie zusammen und zwang den Soldaten vor versammelter Mannschaft seine verletzte Hand in heißes Wasser zu tauchen bis ihm das Fleisch von den Knochen fiel. Diese Episode, von der sich viele finden lassen, zeigt die Willkür dieser Zeit und den despotischen Geist der – damals vergötterten – Offiziere besonders drastisch auf.

Die Sozialdemokratie als Hoffnung

Gegen den preußischen Militarismus stand jedoch die weltweit stärkste linke Partei der damaligen Zeit: die SPD. Sie war Weltanschauung in der gesamten internationalen Arbeiterbewegung ein Vorbild in Organisation und Weltanschauung. Sie hatte über eine Million Mitglieder und machte durch ihre schiere Stärke auch ihre Weltanschauung bekannt, den Marxismus. Doch die SPD war schon vor dem 1. Weltkrieg keine monolithische Partei. Sie hatte politische Flügel, deren wichtigste Protagonisten wie Eduard Bernstein und Rosa Luxemburg noch heute bekannt sind.

Die SPD wurde zusammengeschweißt durch den Druck von außen: Der Arbeiterklasse als Klasse und jedem Einzelnem wurde die politische, gesellschaftliche und kulturelle Mitbestimmung verweigert. Die SPD durfte zwar ab 1890 zu den Wahlen antreten. Auch Gewerkschaften waren erlaubt. Doch insgesamt war die SPD und die Arbeiterklasse gesellschaftlich ausgeschlossen. Arbeiter waren weder im Theater, noch in Sport- oder Singvereinen geduldet. So gründeten die Arbeiter ihre eigenen Vereine und eine ganze Lebensweise entstand. Man war Arbeiter von der Wiege bis zur Barre. Die SPD erhielt durch diese Isolation von außen bis heute mächtige und große Vorfeldorganisationen. Der Aufstieg des Einzelnen war versperrt, er konnte nur als Klasse gelingen, ob über Reform oder Revolution. Und der Aufstieg musste gegen die Obrigkeit durchgesetzt werden.

Genau diese Obrigkeit betrachtete die Arbeiter, die SPD und die Gewerkschaften mit Sorge und unverhohlenem Hass. Wichtiger war als die Arbeiter, war der herrschenden Klasse, aber ein Platz an der Sonne in Europa. Die Mächtigen träumten von einem großen Krieg in dem das Deutsche Reich sich zur Vormacht Europas machen würde. Unermüdlich trieben sie dieses Projekt voran. Wie vor jedem Krieg behaupteten die Führer und Politiker: Der Krieg wird kurz und schnell wieder vorüber sein. Aus diesem „kurzen“ Krieg wurden vier Jahre. Millionen verloren ihr Leben.

Der erste große Krieg – der erste große Bruch

Die internationale Sozialdemokratie sah diesen Krieg voraus. Sie versicherte sich auf mehreren Konferenzen gegenseitig des Beistands. Im Falle eines Kriegs sollten die jeweiligen nationalen Parteien zum Massenstreik aufrufen und den Krieg so verhindern. Es kam anders. Bis auf die sozialdemokratischen Parteien in Italien und Serbien stimmten alle sozialdemokratischen Parteien dem Krieg zu. Dieser tiefe Vertrauensbruch sollte den Fortschrittsoptimismus der Linken nachhaltig trüben. Das Selbstbewußtsein der Sozialdemokratie, ja der Linken insgesamt, als Kraft der Zukunft war tief gebrochen.

Die SPD machte sich diese Entscheidung jedoch nicht einfach. In ihrer Reichtagsfraktion wurde über die Zustimmung zum Krieg und den Kriegskrediten schwer gestritten. Namentlich standen sich die beiden Vorsitzenden der SPD gegenüber: Für den Frieden argumentierte Friedrich Ebert, gegen den Krieg Hugo Haase. Haase verlor bekanntlich die Abstimmung und die SPD votierte einstimmig für die Kriegskredite. Mochte die Fraktionsdisziplin hier noch obsiegt haben, der Keim für die tiefe Spaltung wurde hier schon gelegt.

Die Friedensfrage sollte von da an zur zweiten zentralen Säule der Linken werden. Fortan wurde sie innerhalb der Linken – bis heute – als innerparteiliche Gretchenfrage diskutiert. Sie sollte die Politik der Sozialdemokratie von 1914 bis 1918 komplett bestimmen. Doch vorerst entwickelten sich die Verhältnisse unabhängig von der Linken. Kein Teil der Linken hatte die Macht den mörderischen Krieg zu beenden.

Erst die große Revolution 1917 im Osten sollte wieder einige Hoffnung bringen. Doch die Oberste Heeresleitung setzte einen Siegfrieden gegen die Bolschewiki durch und mobilisierte alle frei gewordenen Kräfte nach Westen für den Sieg. Die fehlgeschlagene Offensive 1918 machte die deutsche Niederlage aber immer wahrscheinlicher. Ab Juli 1918 war die militärische Niederlage der Mittelmächte sicher.

Im Inneren bröckelte die Zustimmung zum Krieg schon lange. Mehrere Steckrüben- und Hungerwinter und immer neue Totenmeldungen ließen immer größere Teile der Bevölkerung unzufriedener werden. Unterdes hatte sich der Bruch innerhalb der SPD vertieft. Die SPD hatte sich gespalten in M(ehrheits-) SPD um Friedrich Ebert und U(unabhängige) SPD um Hugo Haase. Während die USPD mit ihrem linken Flügel um den Spartakusbund, Luxemburg und Liebknecht, auf Revolution, Demokratie und Absetzung des Kaisers und des Militärs orientierte; versuchte die MSPD die Revolution zu vermeiden und setzte auf einen geordneten Übergang in eine parlamentarische Demokratie.

Dieser, sich vertiefende Bruch der Linken, zeitigt seine Auswirkungen. Ein Beispiel ist hier ganz greifbar. Nicht zufällig hat die SPD ihre Stiftung nach Friedrich Ebert benannt. DIE LINKE hingegen benannte ihre Stiftung, die ihren Sitz bekanntlich in dem Gebäude hat, indem wir uns befinden, nach Rosa Luxemburg. Diese bis heute reichende Spaltung der Linken vollzog sich in vielen Ländern; meist anhand des Verhältnisses zur Russischen Revolution. Auch im Deutschen Reich war diese Frage damals virulent. Doch nur der kleine Spartakusbund und einige andere sahen die Oktoberrevolution als großes Vorbild. Die Mehrheit in beiden sozialdemokratischen Parteien schaute eher skeptisch bis ablehnend auf die Revolution im Osten.

Die unvollendete Revolution

So oder so, die preußische Militärdiktatur, nichts anderes war das Deutsche Reich 1918, war an ihr Ende gekommen. Das deutsche Militär und die Rechte redeten immer von Ehre, Tugend und Mannhaftigkeit. Im Krieg schickte die Militärführung auch ganz mannhaft Millionen von Menschen in den Tod. Ihre unzähligen militärischen Fehleinschätzungen raubten ebenso vielen Familien ihre Söhne. Als es aber galt Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen und die Niederlage einzugestehen, den Frieden auszuhandeln oder zurückzutreten, tat das deutsche Militär, was die deutschnationale Rechte am besten kann: jammern. Von der Selbststilisierung als ehren- tugend- oder mannhaft war 1918 nichts zu merken. Ludendorff strickte schon in der Zeit der absehbaren Niederlage am Opfermythos der Dolchstoßlegende. Die Opferpose und das Gejammer hat die AfD also nicht erfunden. Sie steht damit in einer langen rechten Tradition.

Als das deutsche Militär in Folge der beginnenden Revolution in Auflösung begriffen war, machte die MSPD jedoch einen folgenschweren Fehler. Statt die Militärs selber die Friedensverhandlungen führen zu lassen und sie ihre eigene Suppe auslöffeln zu lassen, sah die MSPD die staatspolitische Verantwortung… und konnte nicht anders, als sie zu ergreifen; eine unheilige, strategieblinde Tradition der (M-)SPD bis heute. Die findigen Militärs um Wilhelm Groener boten der Ebert und der MSPD ein Bündnis gegen Zugeständnisse an und auch sagte die MSPD: ja. Ein folgenschwerer Fehler!

Zwar schaffte die MSPD mit der USPD in der neuen Regierung das Klassenwahlrecht ab und setzte ein Allgemeines Wahlrecht und damit auch das Frauenwahlrecht durch; Zwar führte die neue Regierung den 8-Stundentag, Betriebsräte, eine relativ progressive Verfassung und viele andere soziale Errungenschaften binnen Kürze ein; Zwar beraubte sie den Adel vieler Privilegien; Aber sie nutzte die Gunst der Stunde nicht um die alten Eliten abzusetzen. Durch den Deal Eberts mit den Militärs blieb das Symbol und die Stütze des preußischen Obrigkeitsstaates relativ fest im Sattel: das reaktionäre Offizierskorps. Mit ihm blieben die Verwaltung, die Justiz und der Beamtenapparat fest in deutschnationaler Hand. Auch die reaktionären Wirtschaftsführer behielten ihre Unternehmen und Positionen. Die Revolution blieb damit unvollendet.

Das Zögern der MSPD sollte sich bitter rächen: den alten Machteliten blieb die Demokratie, die Sozialdemokratie und die gesamte Weimarer Republik verhasst. Sie sollten bald jede Möglichkeit suchen, sich dieser Fessel zu entledigen. Schon 1933 fanden sie sie. Es brauchte erst einen weiteren, noch schlimmeren Krieg und unvorstellbare Gräuel um den Militarismus und die deutsche Rechte nachhaltig zu diskreditieren – bis heute.

Der finale Bruch: Die Spaltung der Linken

Das Bündnis der MSPD mit dem Militär besiegelte die Spaltung der Arbeiterbewegung. Ihre Spaltung würde aber nicht bis heute wirken, wenn sie nicht noch weitere Ursachen hätte. Mit dem Epochenbruch 1914-1923 entschieden sich die Herrschenden ihre völlige Ausgrenzung der Arbeiterbewegung zu beenden. Ein Teil der Arbeiterbewegung sollte von nun an ins System integriert werden. Diese Entscheidung geschah nicht aus idealistischen Erwägungen, sondern aus Angst vor schlimmerem als der belächelten und verhassten Demokratie: Die Existenz der Sowjetunion blieb für 70 Jahre eine mahnende Drohkulisse für Konservative, Liberale und Rechte. Diese Drohkulisse veranlasste sie zu manchen Zugeständnissen. Der Wegfall der Sowjetunion – egal wie man zu ihr stehen mag - beendete 1990 nachhaltig die Bereitschaft Zugeständnisse zu machen.

Der andere Teil der Arbeiterbewegung

Die Integration des einen Teils der Arbeiterbewegung bedeutete im Umkehrschluss, den weiteren Ausschluss ihres anderen Teils: der Kommunisten und weiteren Linken. Die Ende 1918 gegründete KPD sollte in der Weimarer Republik vor allem die Unzufriedenen und Erwerbslosen sammeln. Dieser Prozess verlief nicht ganz unkompliziert ab. Neben der Spaltung der großen SPD gab es auch viele weitere Spaltungen und fast ebenso viele Fusionsprozesse. Die Streitfragen dieses ausgeschlossenen Teils der Arbeiterbewegung waren 1. das Verhältnis zu Demokratie und Parlament, 2. Das Verhältnis zur Komintern, 3. die Gewaltfrage.

Nachdem die KPD die Beteiligung an den Parlamentswahlen erst ausschloss, korrigierte sie diesen Fehler später. Die KPD probte trotzdem dreimal vergeblich den Aufstand: 1919, 1921 und 1923. Alle Aufstandsversuche wurden ebenso wie einige rot-roten Länderregierungen von Friedrich Ebert mit Hilfe der rechten Militärs niedergeschlagen. Der letzte Versuch 1923 wurde sogar von der KP-Führung um Brandler und Thalheimer abgeblasen. Einzig die Hamburger KP um Urbahns, Kippenberger und den Aufstandsleiter Ernst Thälmann hielt sich nicht - aus bis heute nicht ganz geklärten Gründen - daran. Die Folge war 1921 wie 1923, Illegalität und der Verlust von 2/3 der Mitgliedschaft. Nach 1923 übernahm dann eine ultralinke Führung um die Fischer/Maslow-Gruppe die KPD. Sie gingen scharf gegen ihre Vorgänger in der KP-Führung vor: Ab den frühen 20er kultivierten viele kommunistische Parteien die Unsitte innerparteilich unterlegene Gruppen auszuschließen. Dieser Bannstrahl traf Brandler/ Thalheimer hart. Beide sollten später die Kommunistische Partei Opposition (KPO) gründen - in deren Tradition ich - vermittelt über Abendroth und der Marburger Schule - stehe. Diese und andere Ausschlüsse waren der ungute Vorbote der Stalinisierung vieler kommunistischer Parteien.

Demokratie und Sozialismus – ein Widerspruch?

Auch dafür steht der Epochenbruch 1918-1923. Ein Mitglied der ultralinken KP-Führung um Fischer/Maslow, Arthur Rosenberg sollte, später gemäßigt, ein wichtiges Buch schreiben: Demokratie und Sozialismus. Er stellte darin fest, dass die Linke vor 1918 gesellschaftlich stets für eine Verbindung von Demokratie und Sozialismus stand. Die Linke war bis dahin die zentrale demokratisierende Kraft der Gesellschaft. Das galt nach 1917/18 nicht mehr ungebrochen. Doch auch weiterhin mahnten große Teile der Linken an, dass die liberale Demokratie zu wenig sei: Eine Demokratie ohne soziale Teilhabe und Mitbestimmung über die Wirtschaft ist bloß halbierte Demokratie. 

Diese Erkenntnis ist heute höchst aktuell. In der augenblicklichen Krise der politischen Repräsentation stehen die ganz großen Fragen wieder auf der Tagesordnung: Die Demokratie und das Wirtschaftssystem stehen zur Debatte. Beide wanken durch die aufkommende Rechte, die wirtschaftliche Stagnation und den Verlust vieler – von links erkämpfter – sozialer Vorrechte, aber liberale Demokratie und Wirtschaftssystem stehen noch.

Während Liberale, Konservative und manche Sozialdemokraten die Mitte als Bollwerk gegen die Ränder beschwören – und damit links und rechts gleichsetzen, ist es unsere Aufgabe an die Geschichte zu erinnern. Fast alle demokratischen Errungenschaften wurden federführend durch die Linke durchgesetzt – ob durch ihren Druck von unten, ob in der Regierung oder sogar mittels der Revolution. Die bürgerliche Mitte stand meist dagegen und entschied sich oft erst im allerletzten Moment für progressive Reformen. In Krisenzeiten tendierte die Mitte – gerade in Deutschland – aber meist sogar nach rechts.

Die Geschichte lehrt uns, dass die Krise der Demokratie nur von links beantwortet werden kann. Kommt die Antwort auf die Krise hingegen von rechts, wird sie weder sozial, noch sonderlich demokratisch sein. Anders als damals sind die Liberalen aber an der Regierung und der Macht - nicht die Rechten. Die Rechten sind natürlich der Hauptgegner – wie soll es anders sein? Aber das Verhältnis zu den Liberalen ist ein anderes als damals. Es harrt noch seiner Klärung und gibt es uns eine wichtige Denkaufgabe mit.

Der Epochenbruch 1914-1923 macht klar, dass Demokratie, Frieden, sozialer und wirtschaftlicher Umbau zusammengedacht werden müssen. 1918 war die deutsche Linke für diesen Aufbruch zu wenig vorbereitet. Ich fürchte, sie ist es heute ebenso wenig.

Geschichte verharrt lange in eingefahrenen Bahnen. Unverhofft und plötzlich geriet 1914-1923 aber alles in Bewegung. Was lange unumstößlich galt, konnte plötzlich verschwinden. 1914-1923 war ein Möglichkeitsfenster für linke Politik. Wer vorbereitet sein will auf künftige Möglichkeitsfenster, muss aus diesen alten großen Epochenbrüchen lernen und die eigene Geschichte kennen!