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Eindrücke von einem historischen Jubiläum: 100 Jahre Deutsche Revolution 1918/19

Vortrag von Prof. Gerhard Engel in der Sitzung der Historischen Kommission

Kein einzelner wird in der Lage sein, die Fülle der neu erschienenen Literatur zur Revolution 1918/19, die zahlreichen Vortragsveranstaltungen mit Diskussionen des letzten Jahres, die vielfältigen Beiträge auf Konferenzen  und Workshops oder die dem Revolutionsjubiläum gewidmeten Ausstellungen so zu überblicken, dass er in der Lage wäre, eine gesicherte Beurteilung der darin enthaltenen Tendenzen zu formulieren.

Die Einladung der Kommission wahrzunehmen erlaubt mir, meine eigenen, natürlich höchst subjektiven Erfahrungen und Eindrücke einer Diskussion mit Widerspruch und Ergänzungen auszusetzen. Meine Eindrücke resultieren aus mehreren wissenschaftlichen Veranstaltungen, aus der Lektüre der knappen Hälfte der neuen Literatur, aus der Mitarbeit am Zustandekommen der Kieler Ausstellung "Die Stunde der Matrosen", aus Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen in der geschichtspolitischen Bandbreite ihrer Träger zwischen DKP (Dortmund und Nürnberg), Gewerkschaft ver.di (Berlin und Lübeck) und Bergischem Geschichtsverein (Wuppertal),

Im Folgenden möchte ich vier Gesichtspunkte hervorheben.

Erstens: Der 100. Jahrestag der deutschen Revolution hat in Politik und Wissenschaft der Bundesrepublik ein Echo gehabt wie nie zuvor ein runder Jahrestag dieses Großereignisses in der Geschichte der Arbeiterbewegung und der demokratischen Bewegungen des deutschen Volkes. Häufig sind große geschichtliche Jubiläen konjunkturelle Ereignisse, zu denen kommerzielle Verlagsstrategien verwirklicht werden und dieser oder jener Aspekt eines historischen Ereignisses geschichtspolitisch kurzzeitig in der Öffentlichkeit auftaucht. Da ist natürlich 2018/19 manches nicht anders, aber es fällt auf: Die meisten Autoren neuer Publikationen, die Initiatoren der vielen Ausstellungen, Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen usw. fragen explizit und höchst eindringlich nach dem Platz des damaligen Geschehens in der Arbeiterbewegungsgeschichte und in der deutschen Demokratie-Geschichte. Und: Sie fragen nach dem Erinnerungswert unter sehr aktuellen politischen Gesichtspunkten. Das ist umso bemerkenswerter, als noch bis in die jüngste Zeit der 9. November 1918 im Vergleich zu den 9. Novembern 1938 und 1989 in der historischen Erinnerungskultur der Bundesrepublik bestenfalls einen marginalen Platz einnahm. Noch zum 90. Jahrestag war die Erinnerung an die deutsche Revolution geschichtspolitisch randständig. Linke Historiker blieben unter sich. Jetzt mehrt die Mehrzahl der Publikationen und Veranstaltungen den vorsichtig optimistischen Eindruck, als sei der Appell der von der Rosa-Luxemburg-Stiftung ausgerichteten Konferenz von 2008, der Revolution 1918/19 endlich den gebührenden Platz im Geschichtsbild und Geschichtsbewusstsein der Deutschen einzuräumen, nicht gänzlich ungehört verhallt.

Der jetzt sichtbare Wandel in der Aufmerksamkeit gegenüber der Revolution von 1918/19 hat offensichtlich mit einer Gegenwart zu tun, die international und Deutschland einbeziehend von unübersehbaren Gefahren für Frieden, Demokratie und soziale Gerechtigkeit gekennzeichnet ist. Akute Gefährdung des Friedens, wachsende Etats für Aufrüstung, tiefer werdende Gräben zwischen Arm und Reich, ein besorgniserregender Nationalismus und Rassismus, fortschreitende Zerstörung demokratischer Strukturen, zunehmende Zukunfts- und Existenzsorgen bis in die Mittelschichten, die immer offensichtlicher werdende strukturelle Unfähigkeit des Kapitalismus, Überlebensprobleme der Menschheit, wie Friedensicherung, Umwelterhalt, Klimaschutz und Welternährung zu lösen, all das ruft nach Alternativen, die in wachsenden spontanen Bewegungen debattiert werden, und belebt die geschichtliche Erinnerung an frühere Kämpfe der arbeitenden Menschen.

Diese betont aktuelle Betrachtung der Revolutionsgeschichte wird von den meisten Autoren bereits einleitend zum Leitgedanken ihrer Publikationen, Reden, Ausstellungen usw. erhoben.

Joachim Käppner z. B., Historiker und Feuilletonist der "Süddeutschen Zeitung", schreibt über die bundesrepublikanische Geschichtskultur: "In anderen demokratischen Staaten wäre der Sturz der alten Throne der Stoff, aus dem die Mythen der eigenen Gründungsgeschichte gewebt werden: Männer und Frauen, die sich der Ungerechtigkeit entgegenstellen, ihr Leben riskieren, um eine bessere Welt zu schaffen…" Und er beklagt: "Aber es gibt keine vergleichbare Erzählung über den erstaunlichen Triumph der ersten Novembertage 1918, als die Freiheit plötzlich zu siegen schien in Deutschland. " Dagegen will er mit seinem Buch über die Revolution anschreiben. Der Historiker Wolfgang Niess schreibt in der Einleitung seines Buches unter Hinweis auf die heutigen Bedrohungen der Demokratie in Europa: "Gerade jetzt sollten wir uns deshalb erinnern, dass die politische Demokratie eine großartige Errungenschaft ist, für die in den Revolutionsmonaten 1918/19 Arbeiter und Soldaten, Männer und Frauen gekämpft haben. Wir verdanken sie ihrer Bereitschaft, notfalls ihr Leben für diese Demokratie einzusetzen." Der Historiker und Politikwissenschaftler Alexander Gallus schrieb über die Gründe für das zunehmende Interesse an der Revolution 1918/19, "revolutionäre Auf- und Umbrüche" erhielten "wieder mehr Resonanz aufgrund aktueller zeitdiagnostischer Impulse und eines Gefühls neuer Verunsicherung. Die Suche nach grundsätzlichen Alternativen politisch-gesellschaftlicher Ordnung im Rahmen von Globalisierungs- und Kapitalismuskritik haben eine Renaissance des Revolutionsbegriffs" befördert. Gallus spricht von einem Gefühl, dass wir uns mitten in einer Normalitätskrise befinden und fügt hinzu: "Das Zeitklima unserer Gegenwart kommt der Wiederentdeckung der Revolution von 1918/19 in jedem Fall zugute."

Die neue Literatur zur Revolutionsgeschichte folgt überwiegend dem Ansatz: Die Revolution war und ist ein Positivum der deutschen Geschichte. Mehr oder weniger deutlich wird sie von den meisten Autoren als Lehrstück deutscher Demokratiegeschichte aufgefasst.

Der geschichtspolitisch determinierte Einstieg in die neu veröffentlichten Darstellungen der Revolutionsgeschichte (es gibt rund 50 besonders relevante Publikationen unter mehr als 100) weist darauf hin, dass weniger nagelneue Forschungsergebnisse veröffentlicht wurden. Es dominiert Literatur auf der Grundlage bekannter Quellen zur Deutung des Geschehens von 1918/19. Ausnahme sind quellengestützte Arbeiten zu einigen Regionen oder Orten (z. B. Unterweser-Orte, Rostock), zu Einzelthemen, wie etwa die erste komplexe quellengesättigte Geschichte der Volksmarinedivision von Klaus Gietinger, und einige Editionen von neuen bzw schwer erreichbaren Quellen.

Zweitens: Natürlich führt die politische Position der in der Deutung der Geschichte Umtriebigen zu einem höchst differenzierten Bild.

Als Beispiel für den rechten Rand nenne ich den Beitrag von Martin Eich in der FAZ vom 3. November 2018. Die meuternden Matrosen, die den Kaiser ins Exil trieben, waren keine Vorkämpfer der Demokratie, ist zu lesen. Die Admirale des Kaisers hätten mit dem Plan zum Auslaufen gegen die britische Flotte das Ziel verfolgt, Deutschland in letzter Minute einen schmachvollen Frieden zu ersparen. Außerdem wollten sie zum Wohle des Volkes die Seeblockade der Lebensmittelzufuhr nach Deutschland überwinden. Doch diese Strategie sei an den deutschen Matrosen gescheitert, die Gerüchten aufgesessen seien und auf den Schiffen rote Fahnen hissten. Sie seien dann durch ganz Deutschland gezogen, um die Revolution zu verbreiten, misshandelten den sozialdemokratischen Stadtkommandanten von Berlin, Otto Wels; plünderten das kaiserliche Schloss und bewachten das Preußische Abgeordnetenhaus, als drinnen die KPD gegründet wurde. Schließlich: Deutschland war mit dem Vereiteln der entscheidenden Seeschlacht die letzte Chance genommen worden, militärisch einen akzeptablen Verhandlungsfrieden zu erreichen. Da ist sie wieder oder immer noch, die "Dolchstoßlegende", auf die sich die Nazis als Speerspitze der Konterrevolution zur Begründung ihrer Jagd auf die "Novemberverbrecher" wenig später beriefen.

Aufklärend Gemeintes und auch Wirkendes verbleibt nicht selten im Deskriptiven. Das kennzeichnet z. B die großartig gestaltete Kieler Ausstellung "Die Stunde der Matrosen". Sie geht von dem Gestaltungsprinzip aus, die Exponate sprechen für sich und bedürfen keines weiteren Kommentars. Dieser pluralistische Ansatz findet sich auch im umfangreichen Begleitband zur Ausstellung, wiewohl er zugleich – wie auch die Ausstellung – durch die Aufnahme unterschiedlich intendierter Aufsätze notwendigen Stoff zur Auseinandersetzung bietet.

Bücher wie das von Mark Jones über die konterrevolutionäre Gewalt in der deutschen Revolution oder die Bücher von Joachim Käppner und Wolfgang Niess, Gesamtdarstellungen der Revolution, üben scharfe Kritik an der rechtssozialdemokratischen antirevolutionären Politik, die verhinderte, dass die Ergebnisse der Revolution historisch nachhaltig wurden, so dass sie 1933 durch die Nazidiktatur kassiert werden konnten. Ich habe selten eine so scharfe, aber nicht von dezidiert linken Autoren stammende Abrechnung z. B. mit der Kooperation von mehrheitssozialdemokratischer Führung und der kaiserlich-militaristischen Clique um die OHL gelesen, wie sie Käppner vornimmt. Das sind 500 Seiten scharfer Worte des Anklägers, aber dann leider 100 Seiten richterliche Suche nach mildernden Umständen. Zutreffenden Sachurteilen folgen am Ende im Werturteil über die Politik Friedrich Eberts und seiner Führungsmannschaft die scharfe Kritik relativierende Entschuldigungen. Ihnen wird attestiert, sie seien überfordert gewesen, ein "Gefühl der Fremdheit" gegenüber der Revolution habe ihr tragisches Agieren geprägt. Sie hätten nicht erfasst, was sie mit dem Einsatz reaktionärer Freikorps unter Noskes Führung anrichteten. Das Buch belegt keineswegs das abschließende Urteil Käppners: "Ebert und seine Kollegen… haben ihr Bestes gegeben, aber ihr Bestes war nicht gut genug für diese Revolution … Sie begriffen nicht, was sie in Wirklichkeit war, ein Aufstand für die Freiheit." Was an Demokratisierung 1918/19 erreicht wurde, sei dennoch ihr "bleibendes Verdienst". Eine Analyse der politischen Strategie der sozialdemokratischen Führung unterbleibt, die der linken Kräfte, die auf eine Weiterführung der Revolution drängten, ebenso. Der linke Flügel der Revolutionäre wird abqualifiziert als im "Rausch des Realitätsverlustes" "fanatisch, illusionär und verantwortungslos handelnder Störenfried in der "Revolution der Besonnenen".

Wolfgang Niess schildert gleichfalls faktengetreu den Verlauf der Revolution. Er wertet sie als bedeutende Wegmarke der deutschen Demokratiegeschichte und stellt zutreffend fest: "Ohne Revolution keine parlamentarische Republik." Er widerlegt die Behauptung, Demokratie sei nur durch die Zusammenarbeit der sozialdemokratischen Führung mit der kaiserlichen Heeresleitung möglich gewesen. Er wendet sich gegen die These, in der Revolution sei es um die Abwehr des Bolschewismus gegangen, denn für einen Spartakusaufstand hätten keinerlei Voraussetzungen bestanden. Er konzediert, in der Revolution sei "mehr drin gewesen". Scharfe Kritik übt Niess vor allem an den Gewerkschaftsführern. Ihre Arbeitsgemeinschaft mit den Unternehmerverbänden sei ein außerordentlich starkes Bollwerk gegen die Sozialisierungsforderungen gewesen. Doch unvermittelt setzt Niess neben die zutreffende historische Kritik die Feststellung, die Bedeutung der ZAG sei nicht hoch genug zu veranschlagen. Er schreibt: "Zum ersten Mal in der deutschen Geschichte wird mit diesem Abkommen der Gedanke der Sozialpartnerschaft in die Organisation des Arbeitslebens eingeführt, der heute die Grundlage der sozialen Marktwirtschaft deutscher Prägung ist." Kritische Bemerkungen zum akuten Zustand dieser Sozialpartnerschaft fehlen. Mehrere derartige Widersprüche verweisen auf die geschichtspolitische Absicht des Autors, eine relativ direkte Kontinuität von der Revolution 1918 zur Bundesrepublik Deutschland in ihrem heutigen Zustand nachzuweisen. Ich zitiere: "Der demokratische Geist, den die Revolutionsbewegung in Militär, Justiz, Verwaltung, Universitäten und Schulen einziehen sehen wollte, ist inzwischen angekommen. Und auch im Bereich der Wirtschaft ist einiges erreicht worden. Mehr als jeder andere deutsche Staat kann die heutige Bundesrepublik als Verwirklichung dessen gelten, was die Revolutionsbewegung von 1918/19 vor Augen hatte."

Niess fragt nicht danach, ob nicht doch Unerledigtes der Revolution von damals für die Demokratie und vor allem ihre Sicherung und Weiterentwicklung heute gefährlich sein könnte.

Dezidiert von linken Positionen aus äußern sich Historiker wie Klaus Gietinger und Stefan Bollinger. Gietinger bezeichnet die Revolution als das Aufeinandertreffen der radikaldemokratischen Massenbewegung gegen den Krieg hin zur sozialistischen Massenbewegung in Gestalt der Rätebewegung auf der einen Seite und der rechtsozialdemokratischen Kriegsunterstützer, die sich der konterrevolutionären Kräfte des kaiserlichen Staates bediente, auf der anderen Seite. Die Konzentration seiner Revolutionsgeschichte auf Konterrevolution, Gewalt und die dafür Verantwortlichen lässt freilich die historisch weiterwirkenden politischen und sozialen Resultate der Revolution in den Hintergrund treten. Ausführlicher dagegen gerät die Betrachtung des in der Revolution Unerreichten für die Katastrophe der Weimarer Republik 1933.

Stefan Bollinger schrieb das wohl für die weitere Diskussion über die deutsche Revolution im 101. Jahr nach ihrem Stattfinden m. E. interessanteste Buch. Er sieht die Revolution wie den Streit über ihre Interpretation als ein Geschehen am Beginn einer die Geschichte des 20. Jahrhunderts prägenden Systemauseinandersetzung zwischen Kapitalismus und dem sich 1917 erstmals staatlich organisierenden Sozialismus. Dabei knüpft er an Rosa Luxemburg an, auch an ihre Feststellung, daß in dieser Revolution die Verteidiger der bisherigen Klassenherrschaft unter der Fahne der Revolution selbst auftraten. Er zitiert Rosa Luxemburg: "Es ist eine sozialistische Partei, es ist das ureigenste Geschöpf der Arbeiterbewegung und des Klassenkampfes, das sich in das wuchtigste Instrument der bürgerlichen Konterrevolution verwandelt hat." Implizit und direkt ist sein Buch eine zutreffende Kritik an den Büchern von Jones, Käppner und Niess, die "letztlich die sozioökonomische, die klassenpolitische Fragestellung" in der Revolution scheuten. Bollingers Versuch, die Revolution als das Ausfechten einer grundlegenden Systementscheidung zwischen Kapitalismus und Sozialismus zu analysieren, birgt freilich die Gefahr, die in der Revolution erkämpften Zugewinne an demokratischen und sozialen Rechten der Arbeitenden (ähnlich wie bei Gietinger) in den Hintergrund treten zu lassen. So richtig es ist, die deutsche Revolution in die seit 1917 gegebene neue historische Situation einzuordnen, so wichtig bleibt es konkret zu untersuchen, ob es denn 1918/19 reale Chancen für die Ausdehnung des russischen Oktobers auf Deutschland gegeben hat. Das aber muss verneint werden. Es gab dafür weder die nötigen objektiven noch subjektiven Bedingungen. Nötig war die Vollendung von 1848 unter den Bedingungen von 1918, die für Deutschland Kriegsverantwortung und Kriegsniederlage hießen. Es gab Voraussetzungen für eine stabile und sozial fortschrittliche Demokratie. Um ihnen zum Durchbruch zu verhelfen, hätte die Revolution einer deutlich antiimperialistischen und antimilitaristischen Option bedurft. Sie aber wurde nur von einer Minderheit der politisch Handelnden getragen.

Bollinger lenkt unsere Aufmerksamkeit auf Probleme, die bislang noch wenig untersucht sind. Das betrifft z. B. das Wechselverhältnis zwischen "Revolution von oben" und "Revolution von unten". Die "Revolution von oben" hatte ihre Grundlage in der unterschiedlich motivierten Interessenverwandtschaft der Kräfte des alten Regimes und der rechtssozialdemokratischen Führer. Die einen trachteten danach, mit defensiven Zugeständnissen die Herrschaft des Kapitals zu sichern, Die anderen wollten keine Revolution, hatten aber sehr wohl ein Interesse an bestimmten Reformen der bestehenden Gesellschaftsordnung. Beiden stand die basisdemokratische Bewegung der Arbeiter- und Soldatenräte als "Revolution von unten" gegenüber. Zugleich regt Bollinger eine "Erdung" der Diskussion über die Arbeiter- und Soldatenräte an, die sich mehrheitlich eben nicht als Machtorgane einer weiterzuführenden Revolution verstanden, sondern als Kontrollinstanzen gegenüber den unangetasteten alten Institutionen des Staates und der Wirtschaft.

Alle genannten und nicht genannten neuen Bücher, die aus Anlass ihres 100. Jahrestages über die deutsche Revolution entstanden, enthalten in Fülle Stoff für die Weiterführung der geschichtswissenschaftlichen Forschung und die mit ihr verbundenen Diskurse sowie natürlich auch für die geschichtspolitische Debatte.

Drittens: Einige Bemerkungen zu dem Phänomen, dass 2018 die Staatsrepräsentanz, Bundespräsident, Bundestag und etliche Ministerpräsidenten von Bundesländern, ihr bisheriges weitgehendes Schweigen über den 9. November 1918 gebrochen haben. Noch 2008 kam dieses Datum in einer Ansprache der Bundeskanzlerin zu den sogenannten Schicksalstagen der Deutschen nicht vor. Und die Lesart der Bundeszentrale für politische Bildung lautete: "Die Republik war gewissermaßen über Nacht gekommen, nicht als Ergebnis einer erfolgreichen Revolution." In einem Schulbuch von 2013, das Abiturwissen in Geschichte vermittelt, lesen wir: "Obwohl sich die Bezeichnung ‚Novemberrevolution‘ eingebürgert hat, können die Ereignisse im November 1918 nicht als Revolution bezeichnet werden." Die Revolution sei, so heißt es weiter, ein Zufallsprodukt der Geschichte gewesen, wirkliche Veränderungen hätten nur wenige putschistische Linksradikale gefordert, soziale und politische Spannungen hätten als Auslöser keine Rolle gespielt und der Wechsel der Staatsform von einer Monarchie zur Republik sei (nun wieder wörtlich in gar völkischem Vokabular) "von weiten Kreisen der Bevölkerung als ‚undeutsch‘ abgelehnt worden.

Hält man die Rede des Bundespräsidenten vor dem Bundestag am 9. November 2018 dagegen, so erfreuen zunächst einige Sätze, die einen Sinneswandel der Staatsführung im Verhältnis zur Revolution 1918/19 erkennen lassen. Sie wird als "gewaltiger Umbruch", als "tiefgreifende Zäsur in der deutschen Geschichte" bezeichnet, die dennoch nie im Gedächtnis der Nation den Platz gefunden habe, der ihr zustehe. Sie sei ein Stiefkind der Demokratiegeschichte gewesen. Zaghaft klingt Kritik an der Politik der sozialdemokratischen Volksbeauftragten an, die wohl hätten mehr Veränderungen wagen müssen. Zu viele geschworene Gegner der jungen Republik hätten ihre Ämter in Militär, Justiz und Verwaltung behalten. Obwohl sie Volksbeauftragten verpflichtet waren, die bevorstehenden Wahlen zur Nationalversammlung zu gewährleisten und gegen ihre Gegner zu verteidigen, sei nicht zu rechtfertigen, dass sie der Brutalität nationalistischer Freikorps freie Hand ließen. In der Rede fällt auch eine gewisse Ehrerbietung für die Opfer der Revolution auf, unter denen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht genannt werden.

Auch der Bundespräsident motiviert seine Rede zum Gedenken an die Revolution vor 100 Jahren mit dem Hinweis darauf, dass wir in Zeiten leben, in denen die Demokratie unter Druck gerät, in denen ihre Gegner lauter und selbstbewusster werden. In der Bevölkerung gebe es ein wachsendes Unbehagen an der Parteiendemokratie. Manche wollten die Parlamente nicht mehr als Orte für politische Lösungen ansehen. Große Fliehkräfte zerrten an unserer Gesellschaft, die Gräben würden tiefer, nicht nur die ökonomischen, sondern auch kulturelle. Deswegen sei die Verteidigung der Demokratie tägliche Aufgabe. Deshalb müsse die Frage beantwortet werden, wie es sein konnte, dass dasselbe Volk, das am 9. November 1918 den Aufbruch in demokratische Selbstbestimmung wagte, innerhalb kürzester Zeit Demokratiefeinden zur Mehrheit verhalf, die Europa mit Krieg und Vernichtung überzogen und Millionen Menschen umbrachten. Die Antwort bleibt der Präsident allerdings schuldig. Er ersetzt die notwendige Analyse durch die Feststellung, die Antwort könnte kein Historikerkongress geben, sie sei überhaupt nicht allein mit Worten zu geben, sondern nur durch das Handeln der Menschen bei der täglichen Verteidigung der parlamentarischen Demokratie gegen ihre Feinde. Letztlich geht es in der Rede darum, den Status quo der gesellschaftlichen Zustände in der Bundesrepublik zu verteidigen. Von Vertiefung oder Weiterentwicklung der Demokratie, von Antworten auf die Frage, ob nicht etwa Unerledigtes von 1918 die Anfälligkeit der bestehenden Demokratie hervorruft, ist keine Rede. Die endlich in einer Situation der Demokratiekrise gewonnene Einsicht, man müsse den 9, November 1918 in die Erinnerungskultur integrieren, führt zu der Position, die Bundesrepublik in ihren derzeitigen Zuständen sei die Erfüllung der Ziele der Revolution. Das ist die staatspolitische Übernahme entsprechender Thesen von Wolfgang Niess, auf die ich hingewiesen habe. Davon, dass der Reichsrätekongress im Dezember 1918 nicht nur die Wahlen zur Nationalversammlung beschloss und sich damit zur parlamentarischen Repräsentativdemokratie bekannte, sondern mit seinen Beschlüssen zur Antimilitarisierung und Sozialisierung zugleich Stabilitätsgarantien für die neue Demokratie verlangt hatte, wird nicht gesprochen. Das Bekenntnis zur Revolution bleibt damit halbherzig und geschichtspolitisch eingeengt. Es reicht eben nur zu dem Versuch, die Bundesrepublik, nach langem Verschweigen und Verdrängen der Revolution, nun zu ihrer politischen Konsolidierung zur Erbin und Vollenderin der Revolution von 1918/19 zu erheben.

Bei Veranstaltungen, in denen ich zur Novemberevolution Vorträge hielt, wurde mir mitunter vorgehalten, ich hätte mich nicht entschieden von dem Versuch distanziert, dass die offizielle Bundesrepublik sich aus durchsichtigen politischen Gründen zur Revolution von 1918 bekenne, gewissermaßen eine "feindliche Übernahme" betreibe. Meine Antwort war und ist: Keine neuen Gräben im Streit, sondern zunächst positive Bewertung, dass sich die offizielle Politik rechts von der Partei Die Linke genötigt sieht, sich der Revolution positiv zu erinnern, um auch der von ihr wahrgenommenen Sinnkrise heutiger Demokratie entgegenzutreten. Wir sollten das aufgreifen als ein durch die politische Großwetterlage erzwungenes Diskussionsangebot, einer Diskussion, die nach dem Jubiläum nicht versanden darf.

Viertens werfe ich abschließend einen kurzen Blick auf den wissenschaftlichen Ertrag des Jubiläums, wobei ich nicht wiederholen werde, was ich zu den Anregungen Stefan Bollingers bereits sagte. Fortschritte der Forschung zeigen sich in der der regionalgeschichtlichen Untersuchung des Revolutionsgeschehens an Industrieorten und größeren Städten. Vernachlässigt ist jedoch nach wie vor die "Provinz", v. a. das sogenannte platte Land besonders Ostelbiens; das schließt die Bauernfrage ein.

Ein Forschungsdesiderat bleibt trotz der hervorragenden Aktivität einiger Historikerinnen wie Gisela Notz bei schwieriger Quellenlage die Rolle der Frauen in der Revolution, besonders außerhalb Bayerns, wo sich die Lage günstiger darstellt.

Die Revolution wird m. E. noch immer zu einseitig als Ereignis in der Geschichte der Arbeiterbewegung gesehen. Abgesehen von der Monographie von Heidi und Wolfgang Beutin zur Rolle der Intelligenz gibt es wenig substantiellen Zugewinn weder über den linksliberalen Flügel in der Rätebewegung noch über Intellektuelle auf Seiten der Konterrevolution. Revolution und Konterrevolution sind zwei Seiten eines Prozesses, die Untersuchung der Konterrevolution kommt dabei noch immer zu kurz

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, dass die deutsche Revolution, trotz erfreulicher Ansätze auf einigen der stattgefundenen wissenschaftlichen Tagungen, noch zu wenig im Kontext mit der europäischen, ja weltweiten Bewegung für Frieden, Demokratie und soziale Gerechtigkeit in den Jahren 1917 bis 1920 untersucht wird.

Was ich ausführte, ist weder vollständig noch zu Ende gedacht. Es hat ja auch nur die Funktion, eine Debatte anzuregen, wie wir künftig nun nicht mehr nur mit dem Erbe der vor 100 Jahren stattgefundenen Revolution umgehen sollten, sondern auch mit den Erfahrungen bei der Würdigung ihres 100. Jahrestages. Das kursorisch Betrachtete verweist auf die Notwendigkeit weiteren historisierenden Meinungsstreits, zumal die Absichten der Autoren in Wissenschaft und Publizistik, der Ausstellungskuratoren oder der Politiker, der Revolution einen gebührenden Platz im Geschichtsbild einzuräumen, von unterschiedlichen geschichtspolitischen Motiven ausgehen. Sie liegen zwischen dem Appell, die bestehende bürgerlich-parlamentarische Repräsentativdemokratie als das Nonplusultra zu bewahren und der Überzeugung, nur systemverändernde Entwicklungen können Demokratie durch ihre Weiterentwicklung und soziale Grundierung zukunftssicher machen.

Gesellschaftliche Effekte entstehen freilich nur dann, wenn die Resultate dieser notwendigerweise gesellschaftlich zu führenden Debatte in den Alltag eingreifen, in das Denken und Handeln derer, die anschwellende Massenbewegungen für soziale und politische Ziele initiieren, inspirieren und auf die Straße tragen. Natürlich verfolgt Politik immer pragmatische Ziele, aber sie ohne ausreichende geschichtliche Motivation oder die abrufbare Kenntnis historischer Erfahrungen erreichen zu wollen, legt politisches Potenzial brach.